Aachen: Trinkerstube: Überflüssig oder längst bewährt?

Aachen: Trinkerstube: Überflüssig oder längst bewährt?

Kiel hat sie und Hamburg, es gibt sie in Dortmund, Wuppertal und Gelsenkirchen — auch in Aachen wird nicht erst seit gestern intensiv darüber nachgedacht, ob die Einrichtung einer sogenannten Trinkerstube einen vernünftigen Beitrag leisten könnte, Alkoholkranke von der Straße zu holen und damit die „klassischen“ öffentlichen Treffpunkte (insbesondere zwischen Kaiserplatz und Bushof sowie am Hauptbahnhof) nachhaltig zu entlasten.

Unterdessen haben die Grünen den OB (der sich vor Jahr und Tag ebenfalls positiv zu den Plänen geäußert hatte) Ende Juni per Ratsantrag aufgefordert, nach einem Standort für ein „extrem niedrigschwelliges Hilfsangebot“ Ausschau zu halten.

Allein: Sowohl die meisten Politiker, als auch die Suchtexperten schätzen das Modell bis dato keineswegs als besonders sinnvoll ein. Und: In der nächsten Sitzung des Ratsausschusses für Soziales legt auch die Verwaltung ihre skeptische Einschätzung vor dem Hintergrund der Erfahrungen oben genannter Kommunen sowie ausführlicher Stellungnahmen einschlägiger Einrichtungen noch einmal dar.

Bereits vor rund zweieinhalb Jahren hatten die Fraktionen das niedrigschwellige Angebot als wenig zielführend kritisiert und das Sozialamt aufgefordert, entsprechende Erfahrungsberichte und Expertenmeinungen einzuholen. „Durchweg herrscht die Auffassung, dass mit der Einrichtung einer ,Trinkerstube‘ kein suchttherapeutischer Nutzen für die Konsumenten verbunden ist“, so die Bilanz im Papier.

Die Kosten von „nicht unter 200.000 Euro jährlich“ seien vor diesem Hintergrund nicht zu rechtfertigen. Dies zeige auch der Blick in besagte Städte, wo sich die Anlaufstelle in aller Regel allenfalls unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten bewährt habe.

Ein Aspekt, den die Grünen in ihrem jüngsten Ratsantrag allerdings explizit in den Mittelpunkt gerückt hatten — auch mit ausdrücklichem Hinweis auf die viel beklagte Situation am Kaiserplatz, wo zechende und pöbelnde Cliquen seit Jahr und Tag für Ärger sorgen. „Die Vorlage fußt zum größten Teil auf Befragungen, die bereits vor zwei Jahren stattgefunden haben“, kritisiert Grünen-Ratsfrau Dr. Elisabeth Lassay zudem.

Unterdessen berichtet die Sozial- und Gesundheitsexpertin der Fraktion von jüngsten, durchaus positiven Erfahrungen etwa in Dortmund. Dort nähmen mittlerweile täglich 70 bis 80 Menschen das Angebot in Anspruch. Etwa 40 Abhängige seien zudem im vergangenen Jahr in weiterführende Therapien vermittelt worden — und dies, obwohl eine „verfolgende Sozialarbeit“ eben nicht zum Konzept gehöre.

Lassay: „Wir sehen das Ganze sowohl unter humanitären, als auch unter ordnungspolitischen Aspekten. In Dortmund hat sich das Projekt bewährt, und es hat bislang trotz anfänglicher Skepsis keinerlei Probleme mit dem Umfeld gegeben.“ Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig betont in diesem Zusammenhang, dass auch Polizeipräsident Klaus Oelze die Bestrebungen durchaus befürworte.

Da sei es nicht hinnehmbar, „dass die Verwaltung nun so tut, als trete das Problem nur an besonders warmen Sommertagen auf“, findet Lassay: „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die täglich damit konfrontiert sind.“

Nun wird es wohl darauf ankommen, ob die übrigen Parteien im Sozialausschuss das auch so sehen und von ihrer bisherigen, eher kritischen Haltung abrücken — oder ob sich endgültig die Auffassung durchsetzt, dass eine „Trinkerstube“ wenig hilfreich wäre.

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