"Tree": VHS Aachen startet umfassendes Training für Flüchtlingshelfer

Fortbildungsreihe zur Betreuung von Migranten : Hilfe für die Helfer, damit Integration gelingt

Längst ist die sogenannte Flüchtlingskrise aus den größten Schlagzeilen und auch aus so manchen Köpfen verschwunden. Geblieben sind zahllose Asylsuchende aus unterschiedlichsten Kulturen, mit verschiedensten Erfahrungen, sozialen Hintergründen, kleinen und großen Problemen bei der Bewältigung des Alltags in einem völlig neuen Umfeld. Geblieben sind auch ungezählte Menschen, die sich täglich, oft ehrenamtlich, in vielfältigen integrativen Projekten engagieren, um Geflüchteten Perspektiven, Hoffnung, neuen Halt zu vermitteln. Wer aber hilft den Helfern?

Eine Fülle konkreter Antworten liefert das junge euregionale Projekt „Tree“, das die Aachener Volkshochschule in Zusammenarbeit mit acht Partnerorganisationen – darunter der Universität Lüttich, Flüchtlingswerken in Maastricht und Verviers sowie der gemeinnützigen Mainzer Initiative Arbeit & Leben – ins Leben gerufen hat.

„Es wird Zeit, dass wir auch Flüchtlingsbetreuern gezielte und profunde Unterstützung anbieten, denn auch sie stehen immer wieder vor neuen Herausforderungen und unerwarteten Problemen“, sagt VHS-Direktorin Dr. Beate Blüggel. „Dabei können wir natürlich auch von Erfahrungen und Strategien unserer Nachbarn lernen.“ Und man kann sagen, dass das weit verzweigte Pflänzlein namens „Tree“ (auf Deutsch „Baum“) bereits ein großes Stück weit gediehen ist, wie Christian Strauch, Projektleiter bei der VHS, berichtet. Der prägnante Anglizismus steht für „Training for Integrating Refugees in the Euregio“, also das ebenso klare wie denkbar facettenreiche Bemühen, die Integration von Flüchtlingen auch durch professionelle Förderung und Beratung der Flüchtlingshelfer voranzutreiben. Maßgeblich finanziert wird die Kooperation mit insgesamt knapp über 2,1 Millionen Euro und damit zu 80 Prozent aus Mitteln des Interreg-Programms der EU sowie der zuständigen Länder und Regionen.

Schulterschluss im Zeichen der nachhaltigen Beratung: Mit VHS-Direktorin Beate Blüggel (2.v.l.) fiebern Markus Reissen, Christian Strauch, Mechtild Balmes und Azadeh Hartmann-Alampour (v.l.) dem Start des Fortbildungsprogramms „Tree“ entgegen. Foto: Andreas Herrmann

Damit „Tree“ – spätestens im Laufe des kommenden Jahres – möglichst reiche Früchte trägt, ist, um im Bilde zu bleiben, nun der Nährboden quasi bereitet. Unter Federführung der Uni Lüttich wurde zunächst eine umfassende Analyse bestehender Strukturen und Angebote vorgenommen. Dazu wurden unter anderem rund 70 ehren- oder hauptamtliche Helfer – etwa Sozialarbeiter, Mediziner, Dolmetscher, Pädagogen – befragt, um deren Wünschen, Bedürfnissen und Problemen im Umgang mit ihren Schützlingen auf die Spur zu kommen, erläutert Strauch. „Im Folgenden soll es darum gehen, die Kernkompetenzen der Helfer in drei ,Trainingsmodulen‘ weiterzuentwickeln“, erklärt Mechtild Balmes, pädagogische Mitarbeiterin bei der VHS. Dazu wurden in Aachen mit Markus Reissen, seines Zeichens Islamwissenschaftler, Dolmetscher und Coach für interkulturelle Kommunikation, sowie Azadeh Hartmann-Alampour, Leiterin der Koordinationsstelle für Flüchtlingshilfe an der RWTH, zwei ausgewiesene Experten gewonnen.

„Zunächst werden die unterschiedlichen Befindlichkeiten bei der Kommunikation mit Flüchtlingen in den Blickpunkt gerückt“, erklärt Reissen. Den Teilnehmern soll neben vielfältigen praktischen Aspekten – etwa in der Zusammenarbeit mit anderen einschlägigen Anlaufstellen – vermittelt werden, „dass bestimmte Verhaltensmuster häufig vorschnell und damit falsch gedeutet werden, dass es wichtig ist, sich im Gespräch an die Situation des anderen hineinzuversetzen, etwa schwere seelische Belastungen richtig einzuschätzen“, so Reissen. Im zweiten Schritt werden – auch durch interaktive Angebote wie Rollenspiele – Situationen und Positionen aus Sicht der Betreuer thematisiert: Wie können sie eigene Emotionen besser verstehen und bewältigen, wie können sie angemessen auf Klischees und Vorbehalte von außen reagieren, wie erkennen sie ihre eigenen Grenzen? Schließlich werden entscheidende Aspekte rund um die Förderung des weiteren Integrationsprozesses diskutiert. „Dabei geht es auch darum, beizeiten ,loszulassen‘, den Migranten eine neue Selbstständigkeit zuzuerkennen“, sagt Hartmann-Alampour.

Zurzeit laufen die Vorbereitungen in Zusammenarbeit mit zahlreichen weiteren Experten freilich noch auf Hochtouren. Doch bereits im Rahmen der „Langen Nacht der Volkshochschulen“ am 20. September soll das Thema Flüchtlingshilfe in all seinen Facetten beleuchtet werden (siehe Info). Anfang kommenden Jahres soll das Fortbildungsprogramm bei der VHS starten, berichtet Beate Blüggel. Im Ganzen soll es 300 Seminarstunden umfassen. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung kann bereits jetzt erfolgen. Im Sommer kommenden Jahres will die Universität Lüttich eine erste Evaluation des Projektes vornehmen. Dort sollen Studierende mit eigenen Arbeiten rund um das Projekt übrigens auch Qualifikationsscheine erwerben können, um weitere nachhaltige Erkenntnisse zu gewinnen.