Aachen: Tivoli: „Bald bestgewartetes Gebäude der Stadt“

Aachen: Tivoli: „Bald bestgewartetes Gebäude der Stadt“

Schlamperei, Personalmangel, verschwundene Akten: Die Mängelliste am Aachener Tivoli ist lang. Jedoch sehen die Verantwortlichen keine Anhaltspunkte für eine Gefahr. Bei einer Begehung des Stadions gingen OB Marcel Philipp, sowie weitere Vertreter der Stadt und des Gebäudemanagements in die Informationsoffensive.

„Schauen Sie sich ruhig überall um“, sagt Bernd Deil, als der Pressetross durch die „Innereien“ des Tivoli stromert. Der Abteilungsleiter beim städtischen Gebäudemanagement erklärt hier, erklärt dort. OB Marcel Philipp macht ein paar Scherze, die Stimmung ist locker.

„Notfallmanager“: Ingenieur Bernd Deil vom Gebäudemanagement ist jetzt auch Prokurist der kopflosen ASB. Seine Frau hat zu ihm gesagt: „Ich dachte, mit dem Alter wird man weiser und nicht wahnsinniger.“ Foto: Andreas Steindl

Dabei ist das Thema an diesem Vormittag ein bierernstes. Es geht um die Sicherheit in dem gerade sieben Jahre alten, rund 50 Millionen Euro teuren Fußballstadion. Die Stadt hat es Anfang 2015 nach der Alemannia-Pleite notgedrungen für einen Euro gekauft. Und muss jetzt Millionensummen jährlich nicht nur für die Bedienung der Kredite, sondern auch für die Bauunterhaltung ausgeben.

Akten, so weit das Auge reicht: Die Ingenieure kämpfen sich derzeit schränkeweise durch die Ordner. Das Problem: Wichtige Akten und Dokumente zur Technik des Tivoli sind verschwunden. Foto: Andreas Steindl

Da schlug im März eine Expertise wie eine Bombe ein, in dem ein Experte des renommierten Aachener Gutachterbüros „BFT Cognos“ 365 Sicherheitsmängel auflistete — teils so gravierend, dass gar überlegt wurde, Alemannia-Spiele abzusagen oder die Zuschauerzahl zu begrenzen.

Seit vier Wochen nun geht das Gebäudemanagement akribisch jeden Punkt durch. Und an diesem regnerischen Mittwoch geht die Stadt in die öffentliche Informationsoffensive, nachdem man sich zunächst auch auf konkrete Fragen einige Zeit mit Informationen arg zurückgehalten hatte.

In großer Zahl haben sich die Medienvertreter im Stadion versammelt und hören die Worte des OB, der das Zwischenfazit der Analysen verkündet: „Ja, es gibt technische Mängel. Nein, das Stadion ist weit entfernt davon, marode zu sein“, sagt er. Und fügt hinzu: „Der Tivoli ist einsatzbereit.“ Eine nicht ganz unwesentliche Aussage.

Denn Klaus Schavan, Chef des Gebäudemanagements, hatte jüngst im Rat die Losung ausgegeben, es gelte zunächst, die kommende Saison der Alemannia zu retten. Die, so sagte Schavan am Mittwoch, sei nun gesichert, auch wenn es bis dahin noch einiges zu tun gebe. Die wichtigsten Stichworte zum Stand der Dinge sehen so aus:

Auf der langen Mängelliste des Gutachters standen Dinge wie die Notstromversorgung, die Sprinkleranlage, die Rauchklappen, die Brandmeldeanlage, die Notbeleuchtung und vieles mehr — nachdem zwei TÜV-Gutachten in vorherigen Jahren diese Mängel nicht benannt hatten. Einiges habe sich zwischenzeitlich wieder relativiert, heißt es nun.

Manche Dinge seien zwar nicht regelkonforme Sonderkonstruktionen, was aber durch Zusatzmaßnahmen kompensiert worden sei. Manchmal seien es Kleinigkeiten wie etwa angerostete Ventile. Das sei unaufwendig zu beheben. Erschreckend ist vielmehr, dass solche Dinge schlicht durch Schlamperei entstanden sind.

„Seit 2012 hat es offenbar keine Wartungen mehr im Stadion gegeben“, sagt Schavan. Und Deil ergänzt, dass so etwas mit der Zeit dann eben zum Ausfall führen können — wie bei einer Bremse im Auto, die ohne Wartung irgendwann versagt. Man ist nun dabei, die Mängel in Prioritäten einzuteilen — sicherheitsrelevante Dinge zuerst, Kleinigkeiten danach. Bis zum Saisonstart soll alles soweit sein, dass es keine Beschränkungen bei der Stadionnutzung gibt. Philipp: „Es gibt keine Anhaltspunkte für Gefahren.“ Das Stadion sei insgesamt trotz der Mängel in einem guten Zustand.

Das Ende jeglicher Wartung fiel in die Zeit, als Alemannia das Stadion gehörte. Irgendwann war man wohl mehr mit dem eigenen Niedergang beschäftigt als damit, das neue Stadion in Schuss zu halten. Seit knapp anderthalb Jahren ist die Stadt Eigentümerin und hat den Betrieb der „Aachener Stadion-Beteiligungs GmbH“ übertragen.

Doch auch die war damit offenkundig völlig überfordert. „Wir haben den Stadionbetrieb unterschätzt“, räumt der OB ein. So gibt es im Personalbestand keinen Ingenieur, der sich mit der Technik befassen könnte. „Das kann nicht funktionieren“, urteilt Schavan, der gleichwohl die übrige Belegschaft in Schutz nimmt und lobt: „Die haben angepackt.“ Und ASB-Aufsichtsratsvorsitzender Heiner Höfken (SPD) erklärt, man könne das Stadion „nicht mit zwei, drei Leuten betreiben“.

Diese Erkenntnis müsse sich auch in der Politik durchsetzen. Eine Ad-hoc-Maßnahme ist bereits getroffen: Der Aufsichtsrat hat Bernd Deil am Dienstag zum ASB-Prokuristen bestellt, da die Gesellschaft wegen der Erkrankung der Geschäftsführerin kopflos war. Deil: „Wären die Mängel so gewesen, wie es zunächst dargestellt wurde, hätte ich das nicht gemacht.“ Seine Frau habe jedenfalls gesagt: „Ich dachte, mit dem Alter wird man weiser und nicht wahnsinniger.“

Schränkeweise stehen die Ordner in einem Abstellraum. Da kämpfen sich nun die Mitarbeiter des Gebäudemanagements durch, was wohl noch Monate dauern wird. Gleichzeitig nimmt man Kontakt mit den einst beteiligten Firmen auf. Denn dummerweise ist es so, dass wichtige Akten verschwunden sind und keiner weiß, wo man sie suchen könnte. Teils wurden sie andererseits im Zuge des Insolvenzverfahrens von der Kölner Staatsanwaltschaft zwecks Sichtung abgeholt.

Nach jetzigem Stand geht die Stadt davon aus, dass alles „in vertretbarem finanziellen Rahmen“ zu machen ist, so der OB und der jetzt zuständige Dezernent Manfred Sicking. Laut Philipp werde vermutlich — wenn es nicht noch neue böse Überraschungen gibt — nicht einmal der festgelegte städtische Höchstzuschuss von zwei Millionen Euro jährlich überschritten. Bislang hatte die ASB 1,8 Millionen Euro für 2016 kalkuliert.

Darin war beispielsweise die komplette Erneuerung der Videoüberwachung wegen Wartungsmängeln für 130 000 Euro eingeplant. Das Gebäudemanagement sprach nun mit dem Hersteller Bosch. Ergebnis: Auch ein Update für 25 000 Euro ist machbar. Zudem muss der Kunststoffabschluss des Dachs wohl nicht kostenträchtig erneuert werden. Das habe vor einer Woche ein Gutachter festgestellt. Lediglich müssten ein paar Elemente besser gesichert werden — was ohne großen Aufwand machbar sei, so Schavan.

Über die technische Mängelliste hinaus gibt es jene mit rund 50 Baumängeln vom Dach bis zum Vorplatz im Wert von zwei Millionen Euro. Darum streitet sich die Stadt mit Bauunternehmer Hellmich vor Gericht. Bevor es da keine Entscheidung gibt — was noch Jahre dauern kann — werde an diesen Schäden nichts gemacht, so der OB. Es sei denn, sie würden sicherheitsrelevant oder führten zu weiteren Folgeschäden.

Mit einem „Hurra“ ist das Gebäudemanagement nicht an die Aufgabe herangegangen, was Klaus Schavan auch einräumt. Nach AZ-Informationen hat man sich dort vielmehr lange gesträubt.

„Es ist ja nicht so, dass wir rumgesessen haben“, so der Chef. Hunderte Schulen, Kitas und alle anderen städtischen Gebäude wollen mit einem ebenfalls überschaubaren Personalbestand betreut sein, das große Schulreparaturprogramm in den Sommerferien steht überdies vor der Tür, es gibt ein Kita-Ausbauprogramm, eine neue Gesamtschule wird gebaut, an einer anderen drohten die Wände herunterzufallen und, und, und.

Nun aber arbeitet ein ganzes Ingenieurteam im Tivoli. Schavan hat die Leute von anderen Aufgaben abgezogen. Was nun liegen bleibt, kann er noch nicht sagen. Dass aber einiges verschoben werden muss, liegt in der Natur der Sache. „Der Zeitpunkt war für uns ungünstig“, sagt Schavan. Und er hofft, dass das Gebäudemanagement den Tivoli, wenn alles geklärt ist, bis auf Dringlichkeitssituationen wieder loswird.

Die Untersuchungen sind lange noch nicht am Ende. Man werde sich die Zeit nehmen, alles genauestens zu prüfen, so der OB. Eine Gefahr gebe es weder für die Mieter im Tivoli — das Spielcasino zum Beispiel —, noch für Fußballfans. Und wenn alles geprüft und repariert ist, werde man die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Philipp: „Der Tivoli wird bald das bestgewartete Gebäude der Stadt.“

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