Aachen: Tipp für Eltern im Pubertäts-Stress: Bleibt gelassen!

Aachen : Tipp für Eltern im Pubertäts-Stress: Bleibt gelassen!

„Achtung Pubertät! Was ist bloß mit unseren Kindern los?“ heißt der eine Vortrag. „Immer App-to-Date?! Fluch und Segen für die ‚Generation Handy’!“ der andere. Themen, die Eltern auf den Nägeln brennen. Und nicht nur denen. Auch Lehrer sind damit täglich mehr als ihnen lieb ist beschäftigt.

Derjenige, der diese Vorträge bundesweit hält, ist Peter Köster. Der Studiendirektor arbeitet am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Köln und ist nominell selber Lehrer am Aachener Einhard-Gymnasium. Die Vorträge des 49-Jährigen, der in Roetgen lebt und hobbymäßig Rinder züchtet, sind enorm beliebt.

Sie sind nicht nur anders und äußerst informativ, sondern haben auch noch kabarettistischen Unterhaltungswert. Die Themen sind indes für alle Beteiligten ernster Natur. Trotzdem lautet Peter Kösters beruhigendes Credo am Ende immer: „Alles wird gut!“

Haben Sie schon einmal erwogen, Kabarettist zu werden?

Köster: (lacht) Nee.

Aber Ihre Vorträge haben kabarettistischen Unterhaltungswert.

Köster: Das ist im Laufe der Zeit dazugekommen. Es soll Spaß machen, aber in erster Linie soll es informativ sein. Es geht in den Vorträgen ja irgendwie auch ums Lernen. Und Lernen muss mit Spaß zusammenhängen, sonst lernt man nicht.

Langeweile kommt bei Ihnen jedenfall nicht auf.

Köster: Nein, aber das ist auch wichtig. Wenn ich 90 Minuten einen Vortrag zur Pubertät halte, dann macht es keinen Sinn, Fakten an Fakten zu reihen. Es muss unterhaltsam sein, und ich glaube, dass dadurch auch mehr hängenbleibt.

Wie sind Sie darauf gekommen, solche Vorträge zu konzipieren?

Köster: Ich bin seit 2004 in der Lehrerausbildung in Köln tätig. In diesem Rahmen habe ich angefangen Vorträge zu halten. Es ging zunächst um Unterrichtsstörung. Da kam die Frage auf: Mensch, warum sind die in der Pubertät eigentlich so anstrengend? Das konnte ich auch nicht beantworten. Das war für mich der Impuls, mich damit auseinanderzusetzen.

Wenn ich einen Vortrag über die Pubertät besuche, dann erwarte ich, dass der da vorne mir sagt, was ich am besten tun soll. Aber Sie wählen die Neurobiologie als Ansatz. Wie kommt man denn darauf?

Köster: Erstmal habe ich Biologie studiert, bin Biologielehrer und bilde Biologiereferendare aus. Als ich damals angefangen habe mich einzulesen, habe ich relativ schnell gemerkt, dass es die gängige Meinung „Ach, das sind die Hormone, da muss man durch“ eben nicht alleine ist. Die neueren Erkenntnisse der Neurobiologie und Hirnforschung lassen einen verstehen, dass es hier um Dinge geht, die im Gehirn ihren Ursprung haben. Das finde ich faszinierend.

Eine Essenz, die man aus Ihrem Vortrag mitnimmt, lautet: Leute, regt Euch nicht so auf. Die Kids können eigentlich gar nichts dafür.

Köster: Genau. Eltern sind heute erpicht darauf, dass es dem eigenen Nachwuchs sehr gut geht. Erstmals seit der Industrialisierung sehen Eltern heute für ihre Kinder eine schlechtere Zukunft als alle Eltern vorher. Früher haben Eltern gesagt: „Euch wird es mal besser gehen.“ Heute sagen sie eher: „Unseren Kindern wird es mal nicht mehr so gut gehen.“ Eltern machen aus Erziehung heute ein Projekt. Das macht es Eltern heute schwerer, gelassen mit Erziehung umzugehen. Alles muss perfekt sein, muss gesellschaftlich passen. Und wenn man ausschert, haben viele das Gefühl, es nicht gut zu machen.

Da versuche ich ein Stück gegenzusteuern und den Druck zu nehmen mit der Kernaussage: Seid nicht perfekt. Bemüht Euch auch gar nicht darum, perfekt sein zu wollen. Bleibt gelassen. Aber habt Euren Kindern gegenüber eine klare Haltung in Dingen, die Euch wichtig sind. Beispiel: Ein dreijähriges Kind nimmt man an der Ampel an die Hand und lässt es nicht selbst entscheiden, wann es über die Straße gehen will. An einer klaren Haltung müssen sich die Jugendlichen auch reiben können.

Sie verzichten in dem Vortrag auffallend auf den pädagogischen Zeigefinger. Sie geben den Eltern auch keinen Handlungsleitfaden.

Köster: Ja, und zwar bewusst. Die individuellen Fragen und Probleme des Alltags sind bei den Eltern ganz unterschiedlich. Alltagssituationen abzurufen mache ich nur an ganz wenigen Stellen, etwa wenn es um die pubertätstypische „Sprachlosigkeit“ zwischen Eltern und Kindern geht. Wichtiger als Botschaft finde ich den Leitsatz „Aus Erziehung muss Beziehung werden“. Ich versuche eher Antworten zu geben in Bezug auf das Verhalten der Pubertierenden, also Erklärungsansätze, warum dies oder jenes nicht läuft.

Ihre eigenen Kinder sind noch weit weg von der Pubertät. Was glauben Sie, wie Sie selbst später einmal damit umgehen werden?

Köster: (lacht) Ja, das ist eine gute Frage, die ich mir selber immer wieder stelle. Ich versuche jedenfalls jetzt schon, gelassen zu bleiben. Wenn man Pubertät verstehen will, muss man kindliche Entwicklung verstehen. Im Kindesalter werden unglaublich viele Synapsen im Gehirn aufgebaut — doppelt so viele, wie ein Erwachsener hat. Das bietet ein riesiges Entwicklungspotenzial, das sich entfalten kann — wenn es denn darf. Wenn Eltern die Kinder nur vor die Glotze setzen, dann entfaltet sich nicht viel.

Ich versuche, meinen Kindern Spielräume zu geben, in denen sie sich selbst entdecken und entwickeln dürfen. Ich versuche damit dieser schwierigen Situation in der Pubertät vorzugreifen. Das ist nicht immer einfach, das klappt auch nicht immer. Aber ich kann ja nicht auf der einen Seite Gelassenheit predigen und sie dann selbst nicht haben. Man sollte Kindern möglichst lange die Gelegenheit geben, Kind sein zu dürfen — und sie meiner Meinung nach auch von digitalen Medien noch etwas fernhalten.

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