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Früheres Kaufhaus: „Tietze Lejjenad“ war ein Leuchtprojekt der Stadt

Früheres Kaufhaus : „Tietze Lejjenad“ war ein Leuchtprojekt der Stadt

Das frühere Kaufhaus der Firma Leonhard Tietz am Aachener Markt wurde 1906 eröffnet. Jetzt gibt es einen neuen Quellenband zur Geschichte des Hauses.

Das Warenhausgebäude der Firma Leonhard Tietz am Aachener Markt, eröffnet im November 1906, war eines der markantesten Gebäude der Aachener Innenstadt und bildete einen architektonischen Gegenpart zum Rathaus. Es gehörte zu den vielzitierten „Einkaufspalästen“, mit denen die Pioniere der Warenhausunternehmen – zu denen Leonhard Tietz gehörte – um die Jahrhundertwende nicht nur das Bild der Innenstädte veränderten, sondern zugleich neue Formen des Einkaufens, der Alltagskultur und des Einzelhandels etablierten.

Mit seiner an Renaissance-Gebäude erinnernden Fassade, seinem markanten Turm und seinen drei Lichthöfen mit umlaufenden Galerien war „das Tietz“ viele Jahrzehnte lang das größte Warenhaus Aachens. Unter dem Namen „Tietze Lejjenad“ wurde es zu einem festen Bestandteil der Stadtgesellschaft. Bis heute verbinden zahllose Aachenerinnen und Aachener positive Kindheits- und Jugenderinnerungen mit dem 1965 abgebrochenen Gebäude.

Der neue Quellenband des Aachener Stadtarchivs ordnet das Warenhaus Tietz in die Architektur- sowie in die Stadt-, Wirtschafts- und Zeitgeschichte ein: Die Aachener Architektin Maike Scholz und Professsor Dr. Daniel Lohmann, Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege der TH Köln, rekonstruieren die Baugeschichte des Warenhauses von den Vorläuferbauten und dem ersten Entwurf des Aachener Architekten Albert Schneiders über die Umplanungen während der Bauzeit und die Eröffnung bis hin zu den baulichen Veränderungen der Zwischenkriegszeit, der improvisierten Wiedereröffnung im Jahr 1945 und dem Entscheidungsprozess, der zum Abbruch im Jahr 1965 führte. Dabei skizzieren sie auch die Bedeutung des Bauprojekts für den heute weltberühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe, der als junger Mann im Architekturbüro Schneiders‘ mit Zeichenarbeiten für den Tietz-Neubau am Markt befasst war.

 Neuerscheinung: Maike Scholz, Dr. René Rohrkamp, Dr. Thomas Müller und Professor Dr. Daniel Lohmann (v.l.n.r.) präsentieren am ehemaligen Standort den fünften Band der Schriftenreihe „Aus den Quellen des Stadtarchivs Aachen“ zum Warenhaus Tietz in Aachen.
Neuerscheinung: Maike Scholz, Dr. René Rohrkamp, Dr. Thomas Müller und Professor Dr. Daniel Lohmann (v.l.n.r.) präsentieren am ehemaligen Standort den fünften Band der Schriftenreihe „Aus den Quellen des Stadtarchivs Aachen“ zum Warenhaus Tietz in Aachen. Foto: Stadt Aachen/Andreas Herrmann

Die Historiker Dr. Thomas Müller und Dr. René Rohrkamp, Stadtarchiv Aachen, ordnen das Tietz-Warenhaus in die Wirtschafts- und Kulturgeschichte Aachens ein und beleuchten seine Stellung im international tätigen Tietz-Konzern. Sie rekonstruieren die Vorgeschichte und die Radikalisierung der antisemitischen Agitation, die im Frühjahr 1933 zunächst im Boykott der Tietz-Warenhäuser mündete und kurz darauf zu ihrer Übernahme durch ein Bankenkonsortium – also zur ‚Arisierung‘ – führte. Nicht zuletzt analysieren sie auch die Rolle der Stadt Aachen hinsichtlich der Entscheidung zum Abbruch des Gebäudes.

Der Kölner Kaufmann Leonhard Tietz hatte bereits 1892 eine erste kleine Filiale in Aachen eröffnet und in den folgenden Jahren mehrmals einen neuen und größeren Standort bezogen. Der 1905/06 errichtete Warenhausneubau am Markt war der vierte Aachener Standort des Unternehmens und blieb es bis zur Eröffnung des Kaufhof-Gebäudes an der Adalbertstraße im Jahr 1955.

Wie viele frühe Warenhausunternehmen gehörte der Tietz-Konzern einer jüdischen Familie. Dies machte sie frühzeitig zum Angriffsziel antisemitischer Propaganda, die auch im Aachen der 1890er-Jahre bereits nachweisbar ist. Im April 1933 gehörte die Leonhard Tietz AG zu den ersten Unternehmen in Deutschland, die von den Nationalsozialisten „arisiert“ wurden – noch ehe der Begriff „Arisierung“ überhaupt etabliert war. Die Familie Tietz verlor ihr Eigentum an den Warenhäusern, die in „Westdeutsche Kaufhof AG“ umbenannt wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das frühere Tietz-Warenhaus am Markt unter dem Namen Kaufhof wiedereröffnet, als Standort jedoch mittelfristig zu Gunsten der Adalbertstraße aufgegeben. Die Eröffnung des dortigen Kaufhof-Neubaus war Teil eines unternehmerischen Entscheidungsprozesses, der letztlich zum Abbruch des historischen Warenhauses am Markt im Jahr 1965 führte. Dieser stellt nicht nur aus heutiger Sicht eine Fehlentscheidung dar, sondern war bereits damals Gegenstand kontroverser Interessen und Debatten.

Das Buch ist die erste Gesamtdarstellung des Aachener Tietz-Warenhauses überhaupt. Es beruht auf neuen wissenschaftlichen Forschungen und der Erschließung bislang unzugänglicher Archivquellen im Rahmen eines Kooperationsprojektes des Stadtarchivs Aachen mit der TH Köln. Aber es flossen zugleich Hinweise, Erinnerungen, Fotos und Unterlagen zahlreicher Bürgerinnen und Bürger ein, die sich im Frühjahr 2020 nach einem öffentlichen Aufruf beim Stadtarchiv gemeldet hatten.

Dokumentiert wird die Geschichte des Warenhauses Tietz anhand von 51 faksimilierten, transkribierten und kommentierten Dokumenten aus dem Stadtarchiv Aachen und anderen Sammlungen. Der Band erscheint im Schuber mit Beilagen: zwei Bauplänen, einer Entwurfszeichnung und einer Zeitungsanzeige im Großformat (A 2) und einer Fotografie als Großpostkarte

Die neue Veröffentlichung ist der fünfte Band der Schriftenreihe „Aus den Quellen des Stadtarchivs Aachen“. Das Ziel der 2018 begonnen Reihe ist es, die vielfältigen Quellenbestände aus dem Stadtarchiv Aachen, die vom Jahr 1018 bis heute reichen, in visuell ansprechender Form und mit wissenschaftlicher, aber verständlicher Kommentierung vorzustellen. Dabei greift das Erscheinungsbild der Reihe mit schlichtem grauem Umschlag die Aufbewahrung des wertvollen Archivguts in zumeist grauen Kartons auf, in denen aber faszinierende, oft auch farbenfrohe und unerwartete Archivalien stecken.

(red)