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Aachen: Thouet-Mundartpreis für Dieter Böse: Singen auf Platt ist für ihn Lebensgefühl

Aachen : Thouet-Mundartpreis für Dieter Böse: Singen auf Platt ist für ihn Lebensgefühl

Dieter Böses Markenzeichen sind sein in Ehren ergrautes wallendes Haar, seine Akustikgitarre und seine offensichtliche Liebe zu seiner Heimatstadt Aachen. Von der Idylle des Haarener Bergs aus beobachtet er die Öcher und ihre Eigenarten und setzt ihnen in seinen mit spitzer Feder geschriebenen Mundarttexten charmant ein Denkmal — und das seit mehr als 30 Jahren.

Am Samstagabend wird Dieter Böse, der im Aachener Mariannen-Institut geboren wurde, für die Heimatliebe in seinen Texten im Rathaus mit dem renommierten Thouet-Mundartpreis der Stadt Aachen 2018 ausgezeichnet. Mit Gerd Simons sprach der 66-Jährige, der bisher fast 1000 Lieder geschrieben hat, über seine musikalischen Aktivitäten, seine Pläne und über die Aufnahme in den illustren Reigen der Preisträger.

Am Samstagabend werden Sie mit dem Thouet-Preis geehrt! Was empfinden Sie dabei?

Böse: Große Dankbarkeit! Ich bin stolz darauf, dass meine Musik und die Texte über die Stadt und den Öcher an sich wahrgenommen werden. Ich singe meine Texte in Hochdeutsch und in Mundart, gehe aber dabei andere Wege. Meine Texte befassen sich nicht mit Themen wie os Modderesproech, os Mönster oder über os Heämet, sondern mit alltäglichen Begebenheiten. So ist zum Beispiel mein Lied „Asyl“ eine Hommage an die vom Aussterben bedrohte Eckkneipe, „Die Keäz in ming Lanteär“ eine Story über das gemeinsame Altern eines Paares inklusive Rückblick auf das gemeinsame Leben und das Gänsehaut produzierende Abschiedslied „Als Dein Held“ am Ende eines Lebens. Vor diesem Hintergrund ist es eine große Ehre für mich, den Preis entgegennehmen zu dürfen.

Ihr erster Kontakt mit dem Thouet-Preis war weniger erfreulich.

Böse: Vor 23 Jahren hatte mich der damalige Programmgestalter Mattschö Stevens, der neue, innovative Wege gehen wollte, mit meiner Karnevalskapelle „Böse op d‘r Bend“ für das Rahmenprogramm der Preisverleihung verpflichtet. Und wie es sich für elektrische Musiker gehört, haben wir uns nicht verstellt und es krachen lassen — wir waren ungewohnt und laut. Wohl sehr zum Leidwesen vieler Gäste im Saal. Nach unserem Auftritt kam es dann unter den Augen- und Ohrenzeugen zu kontroversen Diskussionen, ob Rockmusik zum Thouet-Preis passen würde. Heute, mehr als zwei Dekaden später, nur noch mit akustischer Begleitung, werde ich mit diesem Preis ausgezeichnet. Ein Beweis für mich, dass sich die Generationen verändern und man immer am Ball bleiben soll, um seine Träume zu verwirklichen und seine Ziele zu erreichen.

Blicken wir zurück auf Ihre musikalischen Wurzeln.

Böse: Ich habe häufig die Songs der Beatles, Stones, Who und Kinks gehört, und dabei ist der Wunsch entstanden, selbst in die Saiten zu greifen. Ich bin allerdings ein Spätberufener, denn ich habe erst mit 24 Jahren autodidaktisch begonnen, Gitarre zu spielen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich begonnen habe, erste Texte zu schreiben. 1982 startete ich mit der „Böse Band“ meine erste Formation. Zuerst war ich nur Gitarrist, weil ich aber keinen geeigneten Sänger fand, stellte ich mich selbst ans Mikrofon.

Und wie kam es zu dem Namen?

Böse: Den Namen „Böse Band“ hat mein alter Weggefährte Wilfried Lehrheuer für mich kreiert. Musikalisch waren wir elektrisch, deutschsprachig und in bester Lindenberg-Tradition wild. Udo Lindenberg inspiriert mich bis zum heutigen Tag, und ich verpasse keine Tournee von ihm. Ich benutze deutsche Texte, weil ich schlecht Englisch spreche und mich in meiner Muttersprache am besten mitteilen kann. Deshalb Jahre später der Schwenk in die Öcher Mundart, die für mich ein Lebensgefühl im besten Sinne ist.

Welches sind die Quellen Ihrer Inspiration?

Böse: Textlich ganz klar die Kaiserstadt mit ihren Menschen, die hier zu Hause sind. Hier braucht es nicht viel: Man muss nur alle Sinne auf Empfang stellen, und schon bekommt man die Ideen frei Haus. Interessant finde ich auch die Künstler Gerd Köster und Stoppok, denen ich ganz genau auf die Finger und auf die Texte schaue. Wie sie in ihren Texten mit den Wörtern jonglieren, ist beeindruckend, davon lerne ich.

Der Name Dieter Böse ist in Aachen bekannt, aber der richtig große musikalische Wurf, zum Beispiel ein Hit, ist Ihnen bisher noch nicht gelungen. Wie schätzen Sie Ihre eigene Situation ein?

Böse: Ich bin sehr zufrieden. In Aachen kann man keine Karriere machen: Entweder man kennt dich hier oder eben nicht. Ich habe viel mehr erreicht, als ich mir zu träumen erhofft habe. 35 Jahre nach der Gründung meiner ersten Band und dem Ausflug in die Karnevalsszene, bei dem bei der Närrischen Hitparade des WDR zwei Finalteilnahmen und ein TV-Auftritt beim „Tierischen Ernst“ zu Buche schlugen, bin ich immer noch da. Mir ist meine Kreativität nicht verloren gegangen, ich gebe noch regelmäßig Live-Konzerte, und mit Oliver Lutter (Schlagzeug), Salvatore „Sally“ Camiola (Gitarre) und Ady Zehnpfennig spielen drei hochkarätige Profis in meiner Band „Böse mal anders“ — das ist grandios und nicht mit Gold aufzuwiegen. Mein Musizieren macht mir seit fast vier Jahrzehnten Freude, und ich habe die Möglichkeit, meinen Zuhörern bei den Konzerten und auf CD meine Gedanken mitzuteilen. Außerdem stehen in meinem Regal noch knapp ein Dutzend Singles, CD-Sampler, an denen ich beteiligt war, sowie meine eigenen Tonträger. Kleine lokale Hits wie zum Beispiel die Ohrwürmer „Oh Tannenbaum“ oder „Wenn et Chreßkengche könnt“ gehen auf mein Konto.

Stichwort Karneval: Böse op d‘r Bend (BodB)...

Böse: Ich war rund sieben Jahre im Karneval unterwegs. Meine Idee war, Texte zu schreiben, die zwar mit dem Karneval zu tun haben, die aber musikalisch eine gewisse Philosophie verfolgen. Als Beispiel bringe ich gerne die Höhner oder Bläck Fööss, die aus der Beatles-Ära kamen und schon aus diesem Grund die Songs anders aufgehängt haben als dieses typische Karnevalszeug. Damit habe ich die Karnevalisten in Aachen fürchterlich erschreckt. Wir haben auf allen Bühnen des Aachener Karnevals gespielt, waren zwar akzeptiert, aber nicht erfolgreich. Aachen war zu dem Zeitpunkt nicht so weit wie die Karnevalisten in Köln. Hätte eine Band wie Brings ihre Karriere in Aachen und nicht in Köln gestartet, gäbe es Brings wahrscheinlich heute nicht mehr. Ich habe ohne Groll eingesehen, dass ich auf dem falschen Weg war, und habe „Böse op d‘r Bend“ eingestellt.

Der Abschnitt mit „BodB“ hat Sie dem Öcher Platt näher gebracht.

Böse: Die Aachener Mundart hat mich schon immer interessiert und fasziniert. Ich bin der Auffassung, dass sich Lieder in Mundart viel besser singen lassen als in Hochdeutsch, weil die hochdeutsche Sprache aus meiner Sicht recht sperrig ist und man lange nach passenden Wörtern suchen muss, die man vernünftig in die Musik einbetten kann.

Wann haben Sie mit Platt angefangen?

Böse: Die ersten Feldversuche in Öcher Platt fanden schon in den beginnenden 1990er Jahren bei der „Böse Band“ (Hauv Frikadell/Highway to hell) und bei „BodB“ statt. Meine Liebe zur Mundart steigerte sich immer mehr, weil sich Platt einfach super singen lässt und ich als Texter viel mehr Möglichkeiten habe. In diesem Zusammenhang haben sich dann auch die Inhalte meiner Songtexte verändert. Obwohl ich in Aachen geboren bin, wurde mir die Mundart nicht in die Wiege gelegt. Aufgewachsen bin ich bei meinen Großeltern in Herzogenrath. Sie kamen aus Russland und haben nur Russisch gesprochen. Als echtes Straßenkind habe ich den Sound der Straße aufgesogen. Ich lerne bis zum heutigen Tag beim Verfassen meiner Texte die große Bandbreite der Öcher Modderesproech kennen. Meine Frau Jeanette kann alles außer Hochdeutsch, von ihr habe ich sprachlich viel gelernt, und ihr habe ich viel zu verdanken. Wenn ich mental am Boden bin, baut sie mich wieder auf. Sie hat einen großen Anteil daran, dass ich der Mundart treu geblieben bin.

Sind Sie also im Segment der Aachener Mundart angekommen?

Böse: Zurzeit schreibe ich sehr gerne Mundarttexte. Das bedeutet nicht, dass ich dem Hochdeutschen abgeschworen hätte. Es wird sicher auch wieder hochdeutsche Texte geben. Das ist auch abhängig von der jeweiligen Zielgruppe meiner Gedanken, die ich niederschreibe.

Bezogen auf Texte in Mundart sind Sie fast missionarisch unterwegs.

Böse: Ich meine in Aachen dass Problem erkannt zu haben, dass unser Öcher Platt immer nur mit Karneval in Verbindung gebracht wird, was ich sehr schade finde. Es gibt viele bundesweite Beispiele von Musikern, die mit einer Selbstverständlichkeit und Leidenschaft Texte in Mundart singen, was auch bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen gut ankommt. Dabei handelt sich nicht um platte Texte, sondern meist um Texte mit inhaltlichem Tiefgang. Das würde auch unserer Aachener Sprache gut zu Gesicht stehen. Ich gehe bewusst diesen Weg, um hier wachzurütteln und zu motivieren.

Welche Aktivitäten stehen für 2018 auf der Agenda von Dieter Böse?

Böse: Wir verbringen einen schönen Abend mit vielen Gästen bei der Preisverleihung im Rathaus, und wir werden künftig hoffentlich häufig live zu sehen sein. Derzeit arbeiten wir an einer neuen CD. Wir haben den Keller meines Gitarristen Sally in ein Tonstudio umgewandelt und dort elf von ursprünglich 16 Liedern für die neue CD „Promenade“ aufgenommen. Zunächst war der Plan, die Hälfte der Texte in Mundart und die andere Hälfte in Hochdeutsch zu verfassen. Beflügelt durch die anstehende Preisverleihung, hat mein Produzent Ady Zehnpfennig, der über 30 Jahre für Dieter Thomas Heck und dessen TV-Sendungen Lieder arrangiert und aufgenommen hat, die Idee verworfen und mich motiviert, bei meiner neuen CD voll auf die Karte Öcher Mundart zu setzen. Die Lieder sind komplett eingespielt und werden jetzt von Ady final bearbeitet. Der neue Tonträger wird am Samstag, 3. März, in der Kappertz-Hölle, Hüttenstraße 45-47, veröffentlicht und live präsentiert. Den Termin bitte vormerken!