Aachen: Thomas Gronen: Leidenschaft für die Alemannia lässt ihm keine Wahl

Aachen : Thomas Gronen: Leidenschaft für die Alemannia lässt ihm keine Wahl

Thomas Gronen könnte auch einfach nur so zum Tivoli gehen. Am Samstag zum Beispiel um 14 Uhr gegen den SC Wiederbrück. Mit Fan-Schal, Sohnemann und vielen Emotionen. Aber er hat sich für einen anderen Weg entschieden. Seit September 2017 gehört der Aachener Unternehmer und Malermeister mit Burtscheider Wurzeln dem Präsidium und Aufsichtsrat von Alemannia Aachen an.

Er ist ein echter Newcomer. Die Gründe für diese Entscheidung, seine innige Verbindung zum Traditionsverein sowie seine eigenen Hoffnungen für die Zukunft der Schwarz-Gelben schildert er im heutigen Samstaginterview mit AZ-Redakteur Hans-Peter Leisten.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Spiel auf dem Tivoli?

Gronen: Das war 1975 auf den Schultern meines Vaters. Ich war damals vier Jahre alt und ging mit meinem Vater auf die damalige überdachte Gegengerade. An den Gegner kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern.

Wie hat die Alemannia Sie als Fußball-Fan begleitet?

Gronen: Ich bin familiär vorbelastet. Mein Vater hat auch heute noch eine Dauerkarte, meine Mutter ist ein derart großer Fan, dass sie sich die Spiele nicht ansehen kann — die Spannung hält sie nicht aus. Davon hat sie mir leider etwas mitgegeben. Wenn ich bei den Spielen Leute treffe und ihnen die Hand gebe, werde ich oft gefragt, warum meine Hand so kalt ist. . .

Und jetzt hat Ihr Fan-Dasein eine ganz neue Qualität

Gronen: Das war eine längere Entwicklung. Seit der Saison 1998/99 habe ich eine Dauerkarte, seit 2003/04 einen Business-Seat — am alten Tivoli in der ersten Reihe, genau zwischen den Trainerbänken. Dort konnte ich das Spiel fast auf Höhe der Grasnarbe betrachten. Das Sponsorenzelt, das mit unserem heutigen Business-Bereich natürlich nicht vergleichbar ist, bot schon damals die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen.

Haben diese dann zum heutigen Engagement geführt?

Gronen: Das war damals natürlich noch nicht absehbar. Im neuen Tivoli lernte ich den damaligen Geschäftsführer Timo Skrypski kennen, mit dem ich mich teilweise intensiv ausgetauscht habe. Dort habe ich auch gesehen, dass man in Aachen aktiv auf die Menschen zugehen und den persönlichen Kontakt suchen muss — und nicht anonym aus einem Büro agieren. Gerade nach dem Vertrauensverlust der letzten Jahre.

Das wird bestimmt gleich ein Schwerpunkt des Gesprächs. Aber erzählen Sie kurz zu Ende, wie Sie dann tatsächlich in Amt und Würden gekommen sind.

Gronen: Im Herbst 2016 bin ich dann in den Wirtschaftsbeirat berufen worden. Auf meine Initiative hin wurden die Wirtschaftsbeiräte dann auch vom jetzigen Insolvenzverwalter Christoph Niering in die Gespräche einbezogen. Als dann die Gremien zurückgetreten sind und Martin Fröhlich das Übergangspräsidium führte, suchte dieser Mitstreiter und Unterstützer als Botschafter und Berater. Wir haben die intensive Zusammenarbeit gemeinsam vorangetrieben.

Und Ihr Entschluss stand?

Gronen: Ich bin ein leidenschaftlicher Typ und es wird behauptet, dass ich schlecht Nein sagen kann. Dennoch ist mir der Entschluss nicht leicht gefallen. Viele frühere Funktionsträger gehen heute nicht mehr zum Tivoli. Ich wollte meine Leidenschaft für die Alemannia nicht durch Gremienarbeit verbrennen. Die Folge waren sehr kontroverse Diskussionen, mit der Familie, meinem Vater, meinem Schwiegervater und Freunden. Es gab schon auch sehr kritische Stimmen, die mich abhalten wollten.

Aber?

Gronen: Mein Freund Carsten Laschet (jetzt Beisitzer im Präsidium, Anm. d. Red.) hat mir seine Unterstützung zugesagt. Und meine Frau, die lange sehr kritisch war, sagte dann: ‚Zu Leidenschaft gibt es keine Alternative!‘ Ich habe mich dann zunächst für die Mitarbeit im Präsidium und dann auch im Aufsichtsrat entschieden.

Und noch nicht bereut?

Gronen: Überhaupt nicht. Wir haben sehr schnell festgestellt, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Die Freude an der Zusammenarbeit ist entscheidend — und die ist gegeben. Uns liegt ausgesprochen viel daran, dass die einzelnen Gremien zusammenarbeiten und Entscheidungen fließend sind. Wir bewegen uns alle auf Augenhöhe und Entscheidungen fallen fast immer einstimmig. Der Austausch funktioniert. Dafür sitzen in den Gremien die richtigen Leute.

Es gibt auch Stimmen, die sagen: Was machen die im Präsidium eigentlich. . .

Gronen: Die Frage zeigt ehrlich gesagt, dass alles so läuft, wie wir uns das vorstellen. Wenn die Öffentlichkeit nichts von uns mitbekommt, machen wir alles richtig. Es geht nicht um Selbstdarstellung oder einen Posten. Vielmehr müssen wir es schaffen, den Menschen, die den Fußball-Sachverstand haben, mehr Freiräume und Mittel zum Handeln an die Hand zu geben. Es gibt drei Menschen, die in der Öffentlichkeit auftreten sollen: Präsident Martin Fröhlich, Geschäftsführer Martin vom Hofe und Trainer Fuat Kilic.

Dann dürften wir eigentlich gar nicht hier sitzen. . .

Gronen: Eigentlich nicht. Aber das Gespräch ist intern abgesprochen. Wir sind hier bei einem entscheidenden Aspekt, den wir uns vorgenommen haben: Alle haben das Ziel der Vertrauensbildung in der Stadt. Es geht uns um unaufgeregte, sachliche und kompetente Arbeit. Wir wollen Ruhe in die Stadt hinein ausstrahlen.

Können Sie die Ziele etwas konkreter formulieren?

Gronen: Natürlich wollen wir sportlich mit der neuen GmbH nicht in der Regionalliga spielen. Wir machen aber keine zeitlichen Vorgaben. Wir müssen zunächst die Rahmenbedingungen schaffen, um sportlich erfolgreich zu sein. Es verbietet sich aber, dem Trainer in seinen Bereich hineinzureden! Fuat Kilic hat sportlich vollkommen freie Hand. Er bekommt den — zugegebenermaßen nicht üppigen — Etat von einer Million Euro und muss das Beste daraus machen.

Ist das denn wirklich eine Perspektive?

Gronen: Wir müssen vom finanziellen Abgrund weg und das Damoklesschwert der finanziellen Knappheit beseitigen.

Wie reagieren Unternehmer, wenn Sie nach Sponsorengeldern fragen?

Gronen: Wir haben als Ehrenamtler gemeinsam mit dem Geschäftsführer bislang immerhin 1,7 Millionen Euro eingesammelt. Wir müssen auf der Kostenseite extrem seriös wirtschaften und dies auch transportieren. Es gibt in der Tat positive Signale bei Unternehmern. Wir hören allerdings auch oft die Aussage: Wenn Ihr die Insolvenz beendet habt, sind wir wieder offen. Viele wenden sich der Alemannia wieder zu.

Was können Sie denen denn bieten? In der 4. Liga?

Gronen: Unsere Aufgabe ist es klar zu machen, dass die Sponsoren nicht nur einen Fußballverein unterstützen können oder sollen. Es geht auch um die Attraktivität der Stadt. Man muss sich eines vor Augen halten: Wir haben derzeit einen Zuschauerschnitt von 6800! In der 4. Liga! In einer Phase der Insolvenz! Der Businessbereich muss wieder zu einem Treffpunkt für Unternehmer werden. Man kann auch in der 4. Liga einen schönen Nachmittag auf dem Tivoli erleben.

Sie sprechen hier vor allem atmosphärische Dinge an.

Gronen: Klar. Fußball ist immer auch Emotion und Atmosphäre. Wenn wir es schaffen, die finanziellen Sorgen in den Griff zu bekommen, kann auch wieder ein Klima entstehen, in dem man mit Begeisterung von Alemannia Aachen spricht. Bei den Bürgern — aber auch in der hiesigen Politik.

Ihre Ziele sind eher nachhaltig. Wie können Sie diese jungen Fußballern vermitteln, die vielleicht morgen mehr Geld verdienen wollen?

Gronen: Wir müssen die zum Teil sehr jungen Spieler an die Hand nehmen, ihnen Perspektiven aufzeigen. Dass es sie zum Beispiel sportlich viel weiterbringen kann, wenn sie bei Alemannia Aachen einen Aufstiegskampf in der Regionalliga mitgemacht haben, als in der 3. Liga bei einem anderen Klub nur ab und zu zu spielen. Man kann Spielern zudem eine Perspektive neben dem grünen Rasen bieten. Alemannia kann durchaus wieder zum Familienbegriff werden.

Wann würden Sie Ihre Amtszeit als erfolgreich bezeichnen?

Gronen: Wenn wir die wirtschaftlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche sportliche Zukunft geschaffen haben. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wir wollen den Weg gemeinsam mit den Fans gestalten. Das klappt bisher doch wirklich gut. Ich habe in der jüngeren Vergangenheit weder bei Heim- noch bei Auswärtsspielen etwas Negatives erlebt. Ich würde unsere Arbeit als erfolgreich bezeichnen, wenn wir so etwas wie das Modell des Freiburger SC auf Alemannia herunterbrechen könnten

Sie selbst sind ein vergleichsweise junger Handwerksunternehmer. Wie lassen sich Unternehmensführung und Alemannia-Engagement vereinbaren?

Gronen: Unsere Firma hat sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Ich würde mich schon als absoluten Perfektionisten bezeichnen — aber in den letzten Wochen habe ich in der Tat manches Angebot länger in die Warteschleife legen müssen, als es gut ist. Ein- bis anderthalb Tage pro Woche reserviere ich derzeit für die Alemannia. Zum Glück habe ich sehr gute Mitarbeiter, die aber auch — das gebe ich zu — schon mal einen schlecht gelaunten Chef aushalten müssen... der Druck ist schon hoch.

Wird Ihnen manchmal angst und bange angesichts der Aufgaben?

Gronen: Nein. Aber die Arbeit ist wahnsinnig intensiv. Es gibt immer noch unheimlich viel Neues. Nehmen Sie zum Beispiel die neue TSV Alemannia Aachen GmbH, in die der Spielbetrieb am Ende der Saison übertragen werden soll. Alleine dieser Weg ist nach unseren Erkenntnissen vollkommen neu im Deutschen Fußball. Beim Westdeutschen Fußball-Verband ist die Genehmigung durch. Wenn die Mannschaft noch um den Aufstieg mitspielen sollte, müssen wir die Lizenz für die dritte Liga beim DFB beantragen — was wieder eine neue Herausforderungen ist.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Gronen: Dann würde ich mir eine Aufstiegsregelung wünschen, bei der die Meister direkt in die 3. Liga aufsteigen. Die jetzige Reform ist meines Erachtens keine Lösung.

Sie haben erzählt, dass Sie seit über 40 Jahren die Alemannia begleiten. Welcher war Ihr emotionalster Moment?

Gronen: Trotz der Siege gegen Bayern, trotz Pokalfinale und Uefa-Cup — der 16. Mai 1999 bei 2:0 in Erkenschwick. Der Aufstieg in die zweite Liga!

Mehr von Aachener Zeitung