Therapeutisches Reiten: Präsentation beim CHIO, Arbeit auf den Höfen

Langjährige Zusammenarbeit : „Das Tier gleicht jede Behinderung aus“

Seit vielen Jahren präsentiert sich das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten auf dem CHIO. Doch was bedeutet dieser Sport für die Betroffenen? Ein Ortstermin in Eschweiler.

Wenn ein fünfjähriges Mädchen bei einem Unfall das rechte Bein verliert, muss das nicht das Ende aller Wünsche und Träume bedeuten. Das hat Johanna Hubert jetzt erst beim CHIO bewiesen. Die 14-Jährige aus Herzogenrath repräsentierte auf dem Soerser Sonntag das Therapeutische Reiten – beim Gottesdienst, beim Showprogramm und auf der Interviewbühne des Medienzentrums unserer Zeitung.

Dort sind den vielen Besuchern sicher auch die zahlreichen jungen Menschen mit leuchtend orangen T-Shirts und Sammelbüchsen aufgefallen. Die gemeinsame Aktion des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) und des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR) findet seit vielen Jahren immer am Soerser Sonntag statt. Die Spenden dieser „Glücks-Bringer-Aktion“ kommen „ohne Abzug bei den Kindern an, deren Familien nicht in der Lage sind, die Therapiekosten selbst zu übernehmen. Jede noch so kleine Spende hilft, um jungen Menschen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen“, erklärt Elke Lindner vom DKThR.

Mehr Lebensqualität, mehr Freude im Leben – das sind gute Stichworte, wenn man über das große Feld Therapeutisches Reiten spricht. Denn eins ist klar, Menschen, die zum Therapeutischen Reiten gehen, haben in der Regel viel Kummer in ihrem Leben erfahren. So wie Tanja Mohammed. Die junge Frau ist vor 14 Jahren in Aachen von einem Auto angefahren worden. Dabei hat die damals 15-Jährige ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten, ihre Hüfte war mehrfach gebrochen, fast ein halbes Jahr lag sie im Koma.

Unter den Folgen des Unfalls leidet Tanja Mohammed noch immer. Ihr Kurzzeitgedächtnis ist in Mitleidenschaft gezogen, es fällt ihr schwer, Informationen, die sie zum ersten Mal hört, zu behalten. Auch mit ihrer Hüfte hat sie immer noch Probleme. Doch es gibt Momente in ihrem Leben, da kann sie diese Last ein wenig vergessen. Immer dann, wenn sie auf dem Rücken ihres Therapiepferdes Lucky sitzt. Lucky, eigentlich Lucky-Gypsi, ist ein kräftiger, hellbrauner Haflinger mit heller Mähne und hellem Schweif und seit 2008 Therapiepferd auf dem Lohner Hof in Eschweiler. Mit ihm arbeitet Tanja Mohammed, die vor ihrem Unfall bereits leidenschaftlich gern geritten ist, zusammen. „Hier kommen eigentlich zwei Aspekte des Therapeutischen Reitens zusammen“, erklärt Claudia Schönborn. Die Diplom-Sozialpädagogin und Reitpädagogin des DKThR trainiert seit etwa einem Jahr mit Tanja Mohammed und Lucky und verfolgt dabei zwei Ziele: „Zum einen die heilpädagogische Förderung und zum anderen den Sport“, so Claudia Schönborn. Therapeutisches Reiten sei nämlich viel mehr als nur eine sportliche Freizeitgestaltung, sagt auch Elke Lindner. Es umfasse die Fachrichtungen Medizin, Pädagogik, Psychologie und Sport. Wenn Tanja Mohammed auf Lucky reitet, muss sie sich sehr genau konzentrieren, gleichzeitig macht sie die Bewegung auf dem Pferd selbst beweglicher. „Außerdem gibt das Reiten sehr viel Selbstwertgefühl, das Tier gleicht jede Behinderung aus“, erklärt Claudia Schönborn – egal ob psychisches oder mentales Handicap.

Wie gut das klappt, sieht man, wenn man Johanna Hubert auf einem Pferd beobachtet, die auch auf dem Lohner Hof mit dem Therapeutischen Reiten begonnen hat. Die 14-Jährige ist erfolgreiche Dressurreiterin, startet vielleicht beim nächsten Salut-Festival. Aber Johanna reitet mit einer Beinprothese. Als kleines Mädchen hat sie ihr rechtes Bein bei einem Unfall verloren. Auch sie ist bereits vor ihrem Unfall geritten, ist mit Pferden groß geworden. Und auch nach dem Unfall stand für sie fest: Aufhören ist keine Option. „Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich kann gar nicht ohne Pferde“, sagt sie lächelnd.

Die Reithalle Rattenhaus aus Eynatten stellte beim Soerser Sonntag ebenso wie die beiden Stolberger Einrichtungen Abenteuerland und Zentrum für Therapeutisches Reiten sowie der Lohner Hof aus Eschweiler das Therapeutische Reiten vor. Foto: Andreas Steindl

Doch auch Menschen, die noch keine Berührungspunkte mit Pferden hatten, können therapeutisches Reiten für sich entdecken. „Therapeutisches Reiten macht Spaß! Klienten und Patienten gehen mit Freude zum therapeutischen Reiten – egal, ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Es macht besonders therapiemüde Menschen offen für neue Bewegungs- und Beziehungserfahrungen in natürlicher Umgebung“, erklärt Elke Lindner.

Doch auf die Qualität der Therapiehöfe sollten Interessierte unbedingt achten, Therapeutisches Reiten sei kein geschützter Begriff, für wirkliche Erfolge brauche es aber fachlich geschultes Personal und ebenso geschulte Therapiepferde, so wie bei den vier Therapiehöfen aus der Region Aachen, die sich auch am Soerser Sonntag im Schaubild des DKThR präsentiert haben.

Übrigens, die jungen Menschen in den leuchtend orangen T-Shirts sind unter der Turnierwoche nicht mehr beim CHIO unterwegs. Spenden sind aber trotzdem willkommen. Denn ohne Spenden könnten viele Angebote gar nicht stattfinden.

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