Aachen: Theaterstück thematisiert Radikalisierung von Jugendlichen

Aachen: Theaterstück thematisiert Radikalisierung von Jugendlichen

Was bleibt, wenn die Welt sich gegen einen gestellt hat? Wenn die Schule nicht das Ticket in eine erfolgreiche Zukunft war? Wenn auf geschriebene Bewerbungen nur Absagen folgen? „Was dann bleibt, ist die Gottesstimme. Der Ruf Allahs“.

Der Meinung ist Paul. Für ihn gibt es nur einen Weg, und dieser Weg steht im vermeintlichen Zeichen des Heiligen Krieges des sogenannten Islamischen Staates (IS). In dem Schultheaterstück „Jungfrau ohne Paradies“, das in der 4. Aachener Gesamtschule gastierte, geht es um die Radikalisierung von Jugendlichen.

Das Netzwerk Aachener Schulen gegen Gewalt und Rassismus hat die Theatergruppe zum Aachener Friedenslauf, der das Motto „Religionen ohne Frieden — das läuft nicht“ mit Leben füllt, eingeladen. Gut 600 Schüler ab 14 Jahren aus vier Aachener Schulen werden das Stück sehen, bevor das Ensemble weiter durch Deutschland zieht.

Autorin und Regisseurin Gerburg Maria Müller erzählt: „Die Frage, wie sich Jugendliche für den IS radikalisieren, steht im Vordergrund der Handlung. Protagonist Paul hat einen schlechten Schulabschuss und keine Perspektive. Er ist auf der Suche nach Anerkennung und Respekt und versucht es mit Hip-Hop. Allerdings kommt seine Musik nicht gut an, und seine Frustrationsgrenze wird immer niedriger.“

Als er eines Nachmittags vom Fitnesscenter kommend angesprochen wird, ändert sich sein Blick auf die Welt radikal. Der Mann, der ihm zuhört, ihn ernst nimmt und versteht, ist Prediger des IS und will Paul für den Dschihad anwerben. Schneller als gedacht ist er mittendrin in der Radikalisierung. Freundin Johanna und Kumpel Cem können nur tatenlos zusehen. „Ich habe kapiert, was der Islam mir sagen will und ich werde ein guter Moslem sein. Und ein guter Moslem muss in den Heiligen Krieg ziehen“, sagt Paul.

Partys passen ebenso wenig zu seinem neuen Lebensstil wie Johannas Outfit. Diese spielt in ihrer Schulaufführung die Johanna von Orleans. Eine Rolle, die ihr Freund nicht toleriert. Statt sich „billig“ zu kleiden, um von „den ganzen perversen Männern angemacht zu werden“, soll sie sich „anständig und ordentlich“ verhalten. Vollverschleierung.

„Das Stück ist interaktiv und nah am Leben der Schüler dran. Vor allem in den Nachbesprechungen merken wir die Brisanz der Problematik“, ergänzt Müller. Die Akteure kooperieren eng mit der Polizei sowie dem Theater Aachen. Sie hoffen, dass sie die Jugendlichen nicht nur aufklären, sondern gleichzeitig vor den Gefahren der oft harmlos wirkenden Anwerbe-Versuche warnen können.

Erst vor wenigen Wochen erhielt „Jungfrau ohne Paradies“ den Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ der Stiftung für politische Bildung.