Aachen: Theater in der Citykirche: Kooperation ohne Berührungsängste

Aachen: Theater in der Citykirche: Kooperation ohne Berührungsängste

„Für uns ist dieses Projekt eine große Bereicherung“, betont Inge Zeppenfeld. Sie ist Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin in künstlerischen Fragen im Bereich Schauspiel am Theater Aachen — und sie meint die Kooperation mit der Citykirche.

Seit 2012 arbeiten das Theater Aachen und Sylvia Engels, Pfarrerin der Citykirche, zusammen, um einerseits den großen Fragen der Gesellschaft nachzugehen, andererseits mit Zuschauern und miteinander in den Dialog zu treten. Das funktioniert bisher sehr gut und soll mit der ersten Veranstaltung der aktuellen Reihe, die sich mit dem Theaterstück zu Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ auseinandersetzt, am Sonntag, 13. November, um 11 Uhr wieder beginnen.

Dabei ist die erste Frage, die sich stellt: Wie geht das überhaupt? Wie passen zumeist weltliches und häufig Grenzen übertretendes Theater und die doch so oft noch als starr empfundene Kirche zusammen? Theater ist wild, provokant, anarchisch — zur Kirche will das nicht recht passen. Das weiß Pfarrerin Engels auch, macht aber deutlich, dass dies kein Hinderungsgrund ist, provokante Stücke zu unterstützen.

Schließlich sei die Kirche auch nicht mehr starr wie früher, und der Tabubruch des Theaters darf bei der Veranstaltungsreihe „Perspektiven“, die früher „Inszenieren und Inspirieren“ hieß, auch in der Citykirche stattfinden. Denn schaut man mal genauer hin, haben Kirche und Theater doch eines gemeinsam: „Bei aller Provokation und Berserkertum auf der Bühne — selbst die größten Bühnenzerstörer sind eigentlich Weltverbesserer“, so Zeppenfeld.

Das Ziel der Veranstaltung ist einerseits natürlich ein Aufrütteln, Wachrütteln und eine neue Auseinandersetzung mit aktuellen Stücken des Theaters, andererseits ist es Gelegenheit zum Dialog. „Inszenierungsdialog“ nennen die Verantwortlichen ihre Idee. Dieser Dialog findet zunächst zwischen Kirche und Theater statt, wenn unter der Moderation von Engels gezeigt wird, dass auch im Kirchenraum nichts unausgesprochen bleibt und über ethische und soziale Themen in der Auseinandersetzung mit dem Stück diskutiert werden kann.

Schon die Vorbereitungen zur Reihe finden in engem Dialog statt. Sobald der Spielplan des Theaters festgelegt ist, treffen sich Engels und Zeppenfeld und entscheiden sich für passende Ausschnitte aus den jeweils im Theater gespielten Stücken. Diese Ausschnitte werden dann von den Schauspielern des Theaters im O-Ton der Inszenierung vorgelesen. Im Anschluss entsteht der Inszenierungsdialog. Sie legt ihre Ansichten über das Stück dar, die weder von einer religiösen Sichtweise geprägt sein müssen, noch diese völlig ausblenden. Danach wird die Diskussion auch für das Publikum geöffnet.

Bei Kaffee und Tee entstehen so völlig neue Eindrücke und Perspektiven auf die Stücke, auch bei den Schauspielern und bei der Dramaturgie, selbst dann, wenn man das Stück schon unzählige Male gelesen oder gespielt hat.

Das erste Stück der aktuellen Reihe wird „Die Wand“ sein. Der Roman von Marlen Haushofer wurde 1963 veröffentlicht und stand seitdem immer wieder im Licht der Aufmerksamkeit. Das Buch handelt von einer Frau, die durch eine gläserne Wand abgeschnitten wird vom Rest der Welt.

In der Inszenierung, die im Theater Aachen zu sehen ist, geht es unter anderem um eine Auseinandersetzung mit dem Erzählen. Es geht darum, wie Erzählungen entstehen, geschaffen und weitertradiert werden. In seinem Bühnenbild greift das Theater — nicht in der Citykirche — diese Idee auf und spielt mit der Räumlichkeit und der Sichtweise des Publikums.

Der Ausschnitt aus „Die Wand“ mit anschließendem Dialog wird am Sonntag, 13. November um 11 Uhr in der Citykirche an der Großkölnstraße zu sehen sein. Es folgen am 5. Februar David Greigs „Die Ereignisse“, am 19. März Arthur Millers „Alle meine Söhne“ und am 7. Mai Anton Tschechows „Der Kirschgarten“. Alle Veranstaltungen beginnen um 11 Uhr und sind kostenlos.