Tag der offenen Tür im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen

Finissage im Suermondt-Ludwig-Museum : Ein letzter Blick vor dem großen Umbau

Langsam biegt man im Suermondt-Ludwig-Museum auf die Zielgerade, bevor die Vorbereitungen für die große Dürer-Ausstellung beginnen und das Haus während dieser Zeit schließt. Für die Finissage der aktuellen Ausstellungen „Chambre privée“ und „Lebendige Formen“ mit Bronzeskulpturen des Aachener Bildhauers Wolfgang Binding hatte man deshalb zum Tag der offenen Tür geladen.

Bei freiem Eintritt konnten sich am Sonntag Besucher durch die Ausstellungen führen lassen oder das Haus mit seinen Dauerausstellungen einmal auf eigene Faust von oben bis unten erkunden.

Etwas Besonderes erleben die Teilnehmer der inklusiven Führung durch die Binding-Ausstellung. Denn die Skulpturen dürfen die Besucher nicht nur anschauen, sondern auch selbst ertasten. Das hat auch einen Hintergrund: „Wolfgang Binding selbst ist durch eine Makuladegeneration stark sehbeeinträchtigt und erstellt seine Skulpturen, indem er immer wieder die Formen erspürt“, erläutert Kuratorin Wibke Vera Birth. So erleben die Besucher, wie es ist, mit Augenbinden einer ihrer fünf Sinne beraubt zu sein. Blind ertasten sie die Formen der Skulpturen.

Dass es gar nicht so leicht ist, sich auf andere Sinne verlassen zu müssen, wenn das Sehen fehlt, stellen vor allem die Erwachsenen der Gruppe fest. Was sind diese länglichen, spitz zulaufenden Dinger? Hörner? Ohren? Sitzt die Figur? Diese länglichen schmalen Stelzen könnten Beine sein. Unschlüssig hebt dann doch der eine oder die andere den Sichtschutz an, um zu sehen, was da ertastet wurde – ein kauernder Fuchs, aha. Hätte man drauf kommen können. „Es ist ein bisschen gemein, dass er eine Pfote anhebt“, gibt Wibke Birth zu. Dem Selbstwertgefühl tut das gut. Die jüngeren Besucher erkennen hingegen recht schnell das galoppierende Pferd, an das sie von Mitarbeiterin Sabine Gandelheidt herangeführt werden. Dieser inklusive Workshop hat an diesem Sonntagmorgen seine Premiere im Suermondt-Ludwig-Museum , erläutert Savernaz Ayooghi, Kuratorin für die Ausstellung „Chambre privée“ . Die Möglichkeit, Kunst im wahren Wortsinn begreifbar zu machen, ist fest im Museumsprogramm verankert und soll weitergeführt werden.

In das „Chambre privée“, in das Wohnzimmer eines Sammlers, geht es ein Stockwerk tiefer. Per Fototapeten haben die Mitarbeiter unter der Ägide von Ayooghi das Wohnzimmer eines Privatsammlers nachempfunden, der Teile seiner Sammlung für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Für Ayooghi ist es ein faszinierender Einblick in eine vom Aussterben bedrohte Welt, denn Sammler, die buchstäblich in ihrer Kunst leben, gibt es so nicht mehr. Ähnlich wie Aktien oder Immobilien gelten auch Kunstwerke zunehmend als Geldanlage, die bei steigendem Marktwerkt wieder veräußert werden. Was der 91-jährige Sammler, der anonym bleiben möchte, im Wohn- und Esszimmer hängen hat, gehört zur ersten Liga der flämischen Malerei. Einige Gemälde von Jan Brueghel (der Jüngere) sind darunter, er gilt als der Begründer der flämischen Landschaftsmalerei.

Kleine Künstler: Timothee und Zoe basteln unter der Anleitung von Sabine Gandelheidt ihr Traumzimmer. Foto: Steindl

Für die jüngeren Besucher geht’s vom „Chambre privée“ zum „Chambre bricolée“. Sie dürfen sich selbst ihr Traumzimmer basteln und mit eigenen Kunstwerken ausschmücken. Eifrig wird geklebt, gefaltet, ausgeschnitten und gemalt. „Kinder finden das ganz faszinierend, ihre eigenen Zimmer zu bauen“, erzählt Pia Güntner, freie Museumsmitarbeiterin, die den Workshop betreut und auch mit Hand anlegt, wenn etwas nicht gleich klappt. So entstehen kleine, eigene Kunstwerke, die zuhause sicher einen Ehrenplatz finden – vielleicht sogar im Wohnzimmer.

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