Aachen: Suchthilfe Aachen warnt vor extrem gesundheitsbewusster Ernährung

Aachen : Suchthilfe Aachen warnt vor extrem gesundheitsbewusster Ernährung

Viel Gemüse, wenig Zucker und kaum Fertigprodukte mit künstlichen Zusatzstoffen: Wer sich so ernährt, tut etwas für seine Gesundheit. Man kann die gesundheitsbewusste Ernährung aber gefährlich auf die Spitze treiben und so nach und nach in eine Essstörung abgleiten. Auch die Suchthilfe Aachen hat seit Jahren mit diesem Phänomen zu tun.

Diplom-Pädagogin Ruth Schwalbach von der Fachstelle Essstörungen berichtet von einer Studentin, die nur noch 37 Kilo wog, als sie in die Beratung kam. „Schwerst magersüchtig also“, sagt Schwalbach, „aber die junge Frau war immer noch überzeugt, dass sie sich gesund ernähre.“

Ruth Schwalbach und Yvonne Michel (von links) von der Suchthilfe Aachen sind bereits in Kontakt zu Menschen gekommen, die sich zwanghaft gesund ernähren wollen und deshalb stark abmagern. Foto: Ralf Roeger

Längst gibt es auch einen Begriff für die krankhafte Fixierung auf gesundes Essen und richtige Ernährung: Orthorexie oder Orthorexia nervosa, hergeleitet von den griechischen Begriffen orthos (richtig) und orexis (Verlangen, Appetit). Geprägt wurde die Bezeichnung bereits 1997 von dem US-amerikanischen Arzt Steven Bratman. Anders als bei der Magersucht beschäftigen sich die Betroffenen nicht zwanghaft damit, möglichst wenig zu essen, sondern konzentrieren sich fanatisch auf die Qualität ihrer Nahrung.

Die Erforschung der Orthorexie stehe allerdings auch mehr als 20 Jahre später noch am Anfang, heißt es bei der Suchthilfe. Über die Orthorexie als Krankheitsbild wird immer noch diskutiert. Wissenschaftler sind zudem uneins, ob es sich um eine eigenständige Essstörung oder eine Variante der Magersucht (anorexia nervosa) handelt.

Yvonne Michel ist Fachkraft für Suchtprävention bei der Suchthilfe Aachen. Sie arbeitet mit jungen Menschen, aber auch mit Lehrern und Sozialarbeitern. Die Gesellschaft werde heute vom Streben nach Effizienz und Leistungsdruck geprägt, sagt sie. „Und wir beobachten, dass dies immer häufiger auch auf Gesundheitsverhalten und Ernährungsstile übertragen wird.“ Auch beim Essen wollten viele perfekt sein, alles richtig machen. Ernährungstrends und -ratschläge sind allgegenwärtig. Die Folge: Immer mehr Menschen definieren sich darüber, was sie essen oder was sie nicht essen.

Stress und Leistungsdruck

Der Weg in die Orthorexie beginnt mit dem Wunsch, sich gesund zu ernähren, sagt auch Ruth Schwalbach. In ihrer Sprechstunde trifft sie auf junge Menschen, vor allem Frauen, die sich großem Stress und Leistungsdruck ausgesetzt sehen. „Sie haben Angst, nicht zu genügen. Sie sind auf der Suche nach Kontrolle und Halt.“ Durch eine strikt „gesunde“ Ernährung gewinnen sie das Gefühl: Wenigstens das schaffe ich. Das habe ich unter Kontrolle.

Positive Rückmeldungen von anderen verstärken den Trend noch. Die Freunde aus der Laufgruppe oder aus dem Fitnessstudio sind vielleicht auch überzeugt von Ernährungstrends wie „clean eating“ (Ernährung ausschließlich mit unverarbeiteten Lebensmitteln, die frisch gekocht werden), „low carb“ (Ernährung mit wenig Kohlehydraten) oder Intervallfasten, bei dem reglementiert ist, wann man isst. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Es kommt ja dauernd ein neuer Trend auf den Markt. Internet und Soziale Medien beschleunigen jede neue Entwicklung.

Wo aber beginnt die Essstörung? Kritisch, sagt Schwalbach, werde jede Diät dann, wenn Menschen anfangen, sich übermäßig mit dem Thema Essen zu befassen. Sie halten sich streng an selbst aufgestellte Essensregeln und verzehren nur Lebensmittel, die sie als unbedenklich erachten. Ein Alarmsignal ist es auch, wenn die ständige Beschäftigung mit dem „richtigen“ Essen solche Ausmaße annimmt, dass dies mit einem normalen Alltag nicht mehr zu vereinbaren ist. Wer akribisch Packungsangaben und Nährwerttabellen studiert, hat den Genuss am Essen verloren und vielleicht schon eine handfeste Essstörung entwickelt.

„Ungesunde“ Lebensmittel werden bei einer Orthorexie nach subjektiven Kriterien rigoros vom Speiseplan gestrichen. Das können Fette sein, Kohlenhydrate oder Zucker. Oft wird Gluten vermieden, obwohl überhaupt keine Glutenunverträglichkeit ärztlich nachgewiesen ist. Am Anfang, beobachten die Beraterinnen, steht oft auch der Versuch, ein gesundheitliches Leiden durch gesunde Ernährung in den Griff zu bekommen.

Die Betroffenen verschärfen dann ihre selbst auferlegten Regeln immer weiter. Erst nichts Süßes, dann kein Fleisch mehr, dann nur noch gedünstetes Gemüse ...

Die drohenden Folgen sind massiv: Mangelerscheinungen durch nicht ausgewogene Ernährung, gefährliches Abmagern — und zunehmende Isolation. Menschen mit Orthorexie verzichten nicht nur auf den Zucker im Kaffee oder kaufen keinen (gezuckerten) Fruchtjoghurt. In letzter Konsequenz können sie nicht einmal mehr ins Restaurant gehen oder bei Freunden essen, sagt Yvonne Michel: „Ganz zuckerfrei geht nur, wenn ich mir mein Essen immer selbst zubereite.“ Oft versuchen Betroffene auch, andere zu ihrer extremen Ernährungsweise zu bekehren — und machen sich damit keine Freunde.

Wo beginnt die Krankheit?

Wie viele Menschen zwanghaft an gesundes Essen denken, ist statistisch nicht untersucht. Nach Schätzungen aus einer Studie der Universität Düsseldorf sind etwa ein bis zwei Prozent der Deutschen geradezu besessen vom Bestreben, sich gesund zu ernähren. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.

Die Grenze zwischen bewusster Ernährung und Krankheit ist bei der Orthorexie fließend. Das macht auch die Diagnose schwierig. Die Betroffenen sehen sich selbst in der Regel nicht als krank. Angehörige sollten deshalb umso hellhöriger werden, wenn Familienmitglieder bestimmte Lebensmittel in den Himmel loben und andere verteufeln und vermeiden, wenn sie sich beim Essen zurückziehen — und natürlich, wenn sie sehr stark abnehmen.

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