Suchthilfe Aachen:Kinder brauchen Regeln im Umgang mit dem Smartphone

Suchthilfe rät : Mit dem neuen Handy sollten neue Regeln ins Haus kommen

Endlich das heißersehnte Smartphone unterm Tannenbaum! Für manches Kind in Aachen ist an Weihnachten ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Die Verbreitung der „schlauen“ Telefone, die auch kleine Computer sind und die Tür ins Internet öffnen, dürfte mit dem Fest weiter gestiegen sein.

Experten zufolge besitzen mittlerweile 97 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland ein eigenes Smartphone. Das ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte für ein Gerät, das noch vor einigen Jahren allenfalls in den Händen von Geschäftsleuten im Einsatz war. „Das iPhone ist letztes Jahr erst zehn Jahre alt geworden“, ruft Yvonne Michel, Fachkraft für Suchtprävention bei der Suchthilfe Aachen, in Erinnerung. „Und mittlerweile ist der Markt bei Smartphones komplett abgedeckt.“ Erhebungen des Branchenverbands Bitcom zufolge nutzen sogar schon 20 Prozent aller Siebenjährigen ein Smartphone. Und ab dem Alter von zehn Jahren sind fast alle Kinder mit mobilen Geräten im Internet unterwegs.

Aber wann ist es überhaupt sinnvoll, Kindern ein eigenes Smartphone zu erlauben? Fachleute halten sich da eher bedeckt. „Auf jeden Fall brauchen auch Zehn- bis 13-Jährige noch Anleitung, wenn sie ein Smartphone bekommen“, sagt Yvonne Michel. Den jungen Leuten müsse man natürlich nicht beibringen, wie sie das Gerät in Betrieb nehmen und bedienen. „Da sind Kinder oft fitter als ihre Eltern.“ Sehr wohl aber sollte aus Sicht der Präventionsberaterin festgelegt werden, wann und wie lange Kinder ihr Smartphone nutzen. Geklärt werden sollte auch, was sie damit tun dürfen. „Übers Internet ist alles überall und jederzeit verfügbar“, warnt Michel. Damit dürfe man Kinder nicht alleinlassen.

Die Suchthilfe rät Eltern, mit ihren Kindern einen „Medienvertrag“ abzuschließen. Vorlagen dafür gibt es im Internet. „So kann individuell ausgehandelt werden, welche Regeln in der Familie gelten sollen. Diese müssen dann allerdings auch kontrolliert werden.“

Ausdiskutieren und festlegen können Eltern zum Beispiel, dass das Handy beim gemeinsamen Essen oder bei den Hausaufgaben nichts zu suchen hat und dass das Schlafzimmer nachts eine handyfreie Zone ist. „Diese Regeln sollten für alle Familienmitglieder gelten“, betont Yvonne Michel, „auch für die Eltern.“ Sinnvoll könne es zudem sein, je nach Alter des Kindes Handyzeiten pro Tag festzulegen.

Wer Handys verschenkt, muss für die Benutzung auch Regeln aufstellen, rät Beraterin Yvonne Michel von der Suchthilfe Aachen. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Natürlich müssten Kinder und Jugendliche den Umgang mit digitalen Medien lernen, sagt die Beraterin, „aber sie brauchen Anleitung. Eltern müssen sich da auch mal unbeliebt machen.“ Wer sich diesem Stress nicht so gerne aussetzt, der sollte die Anschaffung eines eigenen Smartphones oder Tablets fürs Kind so lange wie möglich hinausschieben. „Mit dem Handy kommt eine große Portion zusätzliche Verantwortung für die Eltern ins Haus.“

Der Druck durch die Altersgenossen ist natürlich groß, das weiß auch Michel. „Grundschullehrerinnen erzählen mir, dass spätestens zur Erstkommunion alle Kinder ein Handy wollen.“ Und beim Übergang auf die weiterführende Schule finden es sogar viele Eltern sinnvoll, das Kind mit Smartphone loszuschicken. „Auch da sollte man ehrlich hinterfragen, ob das wirklich nötig ist“, sagt Michel.

Bei der Suchthilfe lässt man auch das Suchtpotenzial bei der Nutzung von Smartphones und Handys nicht außer Acht. Fast ein Fünftel (19 Prozent) der 16- bis 18-Jährigen gibt in einer Umfrage an, pro Tag durchschnittlich drei Stunden oder sogar länger mit Computer, Konsole oder Smartphone zu spielen.

Mädchen, sagt die Beraterin, fühlten sich allerdings eher von Instant-Messaging-Diensten wie Whatsapp oder Snapchat angesprochen „Es gibt 15-Jährige, die erzählen glaubhaft, dass sie per Whatsapp 500 Nachrichten am Tag haben.“ Das führt schnell zur zwanghaften Sorge, nicht auf dem Laufenden zu sein, und zum Drang, immer alles zu lesen und zu beantworten.

Jungen sind, was das Suchtpotenzial von Computer und Internet angeht, eher Spieler. Manche der jungen Gamer verlieren sich derart in Egoshooter- oder Strategiespielen, dass sie ihren Alltag nicht mehr hinbekommen. „Internetspiele funktionieren rund um die Uhr“, warnt Yvonne Michel. „Und viele Spiele sind so aufgebaut, dass man nur zum nächsten Level kommt, wenn man viel Zeit im Spiel verbringt.“ Der Zeitmangel im echten Leben kann offenbar so extrem werden, dass extreme Onlinespieler kaum noch trinken, weil sie keine Zeit haben, aufs Klo zu gehen.

Die Suchthilfe Aachen hat im vergangenen Jahr 45 Menschen zu den Themen exzessive Mediennutzung und krankhafter PC- und Internetgebrauch beraten und/oder behandelt. Auch Angehörige meldeten sich. Jugendliche selbst, sagt Yvonne Michel, hätten da oft noch kein Problembewusstsein. Sieben Eltern fragten allerdings bei der Suchthilfe an, weil sie sich wegen des erhöhten PC-Konsums ihrer Kinder sorgten.[Link auf http://www.suchthilfe-aachen.de]

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