Aachen: Stundenlang sieht Aachen nach Großbrand nur schwarz

Aachen : Stundenlang sieht Aachen nach Großbrand nur schwarz

Ein lauter Knall lässt die städtischen Mitarbeiter im Übergangswohnheim in Aachen-Ost an der Weißwasserstraße am Montag kurz nach halb elf plötzlich aufschrecken. Weitere Detonationen folgen, das lässt nichts Gutes erahnen. Beim Blick aus dem Fenster entdecken die Mitarbeiter dicke schwarze Rauchwolken am Himmel.

Es brennt, eine große Lagerhalle eines Recycling- und Entsorgungsunternehmens im Gewerbegebiet an der Philipsstraße in direkter Nachbarschaft zum Übergangswohnheim steht lichterloh in Flammen. Schnell reagieren die Mitarbeiter, evakuieren die sechs Häuser, bringen 123 Menschen nach draußen in Sicherheit.

Eine gigantische schwarze Rauchwolke schwebt über der Stadt, nachdem in einer Lagerhalle eines Entsorgungs- und Recyclingunternehmens an der Philipsstraße ein Feuer ausgebrochen ist. Rund 160 Kräfte der Feuerwehr und 40 Polizeibeamte sind im Einsatz. Foto: Roeger

Sie alle haben großes Glück und können das Wohnheim rechtzeitig verlassen. Doch dieser Brand wird die Wehr noch viele Stunden in Atem halten und „einen massiven Einsatz“ nach sich ziehen, wie Stadtsprecher Bernd Büttgens auf Anfrage mitteilt.

Eine gigantische schwarze Rauchwolke schwebt über der Stadt, nachdem in einer Lagerhalle eines Entsorgungs- und Recyclingunternehmens an der Philipsstraße ein Feuer ausgebrochen ist. Rund 160 Kräfte der Feuerwehr und 40 Polizeibeamte sind im Einsatz. Foto: Brepols

Wilde Gerüchte im Internet

Die Feuerwehr hat alle Hände voll zu tun, um Herr der Flammen zu werden. Gegen 16 Uhr am Montag ist der Brand unter Kontrolle. Foto: Michael Jaspers

Um 10.47 Uhr erreicht das Brandmeldesignal der Firma die Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Aachen. Sofort wird Großalarm ausgelöst, Feuerwehrzüge fahren von allen Seiten an die brennende Halle heran. Da zunächst nicht feststeht, um welches Gebäude es sich handelt, kursieren im Internet die wildesten Gerüchte: „e.Go brennt“, „eine Halle von Philips steht in Flammen“, „die Halle ist vom Unternehmen Horsch“.

Doch all diese Gerüchte bleiben ebensolche. „Die Feuerwehr greift das Feuer von außerhalb der Halle an, durch eine Riegelstellung wird eine Ausweitung des Feuers verhindert“, teile das städtische Presseamt mit. Andere Gebäude seien nicht in Gefahr, es brennt tatsächlich in der Recyclinghalle.

In der mehrere tausend Quadratmeter großen Halle, in der Elektroschrott und wohl auch Gasflaschen lagern, entwickelt sich das Feuer rasend schnell. Laut ersten Erkenntnissen kommen dennoch alle Mitarbeiter frühzeitig aus dem Gebäude raus, Verletzte gibt es nicht zu beklagen.

Kein Gaffer-Problem

Die Rauchwolken aber sind so gigantisch, dass sie weit über Aachen hinaus zu sehen sind, Bilder und Videos der Katastrophe verbreiten sich in sämtlichen Sozialen Medien. Und auch die Martinshörner sind bis in den späten Nachmittag in Aachen zu hören.

Vor Ort ist es dann vor allem die dunkle Rauchwolke, die die Menschen erschreckt. In großen Schwaden zieht sie über die Stadt, überdeckt fast alle Flammen und schwebt wie ein großer Pilz über Aachen.

Während die Feuerwehrleute versuchen, den Brand in den Griff zu bekommen, sperrt die Polizei die Straßen rund um das Gebäude und weitläufig drum herum ab, schickt die evakuierten Menschen und Neugierige weg und schafft den Platz, den die Feuerwehr braucht. „Die Menschen haben keinen Einfluss auf den Einsatz genommen“, sagt Büttgens, von einem Gaffer-Problem kann demnach bei diesem Einsatz keine Rede sein.

Nach und nach rollt Verstärkung der Freiwilligen Feuerwehren aus Kornelimünster und Mitte an, aber auch aus Würselen wird Amtshilfe angefordert. Sie zapfen rund um den Einsatzort alle vorhandenen Hydranten an, um ausreichend Wasser für den Einsatz zur Verfügung zu haben. Parallel dazu werden Feuerwehren in der gesamten Region angehalten, immer wieder die Luft zu messen, um die Schadstoffwerte zu ermitteln.

Bernd Geßmann, stellvertretender Fachbereichsleiter der Feuerwehr Aachen: „Uns hilft heute das windige Wetter. Die Schadstoffbelastung in der Luft erfuhr so eine sehr schnelle und sehr hohe Verdünnung.“ Die gemessenen Werte seien unterhalb der Nachweisgrenze.

Per Warn-App Nina wird die Bevölkerung zusätzlich gewarnt — bis nach Eschweiler und Stolberg. Menschen, die in Aachen Ost, Rothe Erde, Haaren und Verlautenheide sowie in Teilen von Eschweiler und Stolberg leben, werden gebeten, die Fenster und Türen zu schließen, Lüftungs- und Klimaanlagen abzuschalten und sich möglichst weit von der Wolke fernzuhalten. In Eilendorf fahren zudem Lautsprecherfahrzeuge und warnen die Menschen. Die starke Rauch- und Geruchsbelästigung ist auch noch in Nirm wahrzunehmen.


Dach eingestürzt

Rund anderthalb Stunden nachdem das Feuer ausgebrochen ist, kommt es dann zu einer weiteren, kleineren Detonation. Plötzlich fliegen brennende Teile der Halle, deren Dach inzwischen komplett eingestürzt ist, in hohem Bogen durch die Luft in Richtung eines Baumes an der Weißwasserstraße. Polizei und Feuerwehr fordern Umstehende lautstark auf, sich in Sicherheit zu bringen.

Viele Menschen, die eben noch neugierig zugesehen haben, rennen davon. Wieder Glück gehabt, niemand wird verletzt, die Feuerwehr kann ihre Arbeit fortführen. Eine Gasflasche ist dennoch explodiert, was die Arbeit der Einsatzkräfte ziemlich gefährlich macht. Daher löscht die Wehr nur von außen, geht zunächst nicht ins Gebäude. „Die Löscharbeiten sind ausgesprochen anspruchsvoll“, schreibt auch das Presseamt der Stadt in einer Pressemitteilung.

Um 16 Uhr gibt es dann endlich Entwarnung: „Wir haben die Situation unter Kontrolle“, sagt Einsatzleiter Stefan Wenders. Auch die Rauchentwicklung ist deutlich zurückgegangen. Die Löscharbeiten werden allerdings noch viele Stunden dauern und in den kommenden Tagen weitergehen.

160 Kräfte der Feuerwehr

Nun übernehmen andere Einsatzkräfte die Arbeit. Insgesamt sind etwa 80 Kräfte der Berufsfeuerwehr und 80 Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr vor Ort. Die Polizei ist mit 40 Beamten im Einsatz.

Gegen Abend werden zwei Abrissbagger angefordert, die die Halle öffnen sollen, um weitere Löscharbeiten zu ermöglichen. Zur Sicherheit hat die Feuerwehr Aachen zusätzlich Vollalarm ausgelöst. Dadurch sind Berufsfeuerwehr und Freiwillige Feuerwehren in Einsatz und in Bereitschaft. Alle Wachen und Gerätehäuser sind besetzt, um den Grundschutz der Bevölkerung weiterhin zu gewährleisten. In der Turnhalle Neuköllner Straße hat die Stadt Aachen zudem eine Anlaufstelle für betroffene Anwohner eingerichtet. Dort wurden auch einige der Bewohner des Übergangsheimes vorerst untergebracht. Am Abend konnten die Anwohner dann wieder zurück in ihre Wohnungen und Häuser.

Weitere Auswirkungen des Großbrandes machen sich am späten Nachmittag bemerkbar. Aufgrund der starken Rauchentwicklung gibt es im Bahnverkehr auf der Strecke zwischen Aachen Hauptbahnhof und Aachen Rothe zeitweise große Einschränkungen. Und auch die Aldi-Filiale in Eilendorf zieht ihre Konsequenzen. Wegen des Brandes wird der Discounter am Montag um 12.45 Uhr vorsorglich geschlossen. Am Dienstag, 28. August, wird sie wieder zur gewohnten Zeit öffnen.

In den nächsten Tagen wird die Suche nach der Ursache und die Beseitigung des Schutts im Vordergrund stehen.

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