Studenten und Schüler befassen sich mit dem Schicksal verfolgter Juden

Jüdische Kulturwoche in Aachen : Das Erinnern ist noch nicht abgeschlossen

RWTH-Studierende haben die Ausstellung „We, the six million“ konzipiert, die sich mit dem Schicksal der von Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Juden auseinandersetzt. Anfang April kommt die Ausstellung im Rahmen der jüdischen Kulturwoche ans Anne-Frank-Gymnasium und an die Heinrich-Heine-Gesamtschule.

Vorsichtig faltet Rene Porger die Luftpolsterfolie auseinander. Darin hat der Politikstudent einen Schatz verwahrt, der in der ersten Aprilwoche eine wichtige Rolle in den beiden Schulen Anne-Frank-Gymnasium (AFG) und Heinrich-Heine-Gesamtschule (HHG) spielen wird: Das kleine, handgebundene Märchenbuch der Familie Leib, geschrieben von der Mutter, illustriert von zwei der drei Kinder, arbeitet ihre Flucht vor den Nationalsozialisten und die Emigration in die neue Heimat Brasilien auf. Im Rahmen der jüdischen Kulturwoche wird die von RWTH-Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen konzipierte Ausstellung „We, the six Million“, in der das Märchenbuch eine wichtige Rolle spielt, in der Aula der beiden Schulen zu Gast sein und mit einem umfassenden, öffentlichen Programm eröffnet.

„Die Schüler haben ein großes Interesse an Originalerfahrungen“, weiß AFG-Lehrerin Anita Zuketto-Debour. Doch die Chance, diese über Zeitzeugen zu ermöglichen, schwindet. „Es hat sich aber gezeigt, dass die Biografienarbeit eine gute Alternative für die Erinnerungskultur ist. Der Nationalsozialismus war nicht nur ein System. Einzelschicksale fordern persönlich heraus.“ Umso mehr, weil das Laurensberger Gymnasium mit Anne Frank ein bekanntes Holocaust-Opfer als Namenspatronin hat und das Profil der Schule entsprechend ausgerichtet ist, war es den Schulverantwortlichen wichtig, erstens die Ausstellung in die Schule zu holen und zweitens sich wiederholt an den jüdischen Kulturtagen zu beteiligen.

Erinnerungskultur und heutiges Leben nicht trennbar

Erinnerungskultur und jüdisches Leben heute – das lässt sich für Porger eben nicht trennen: „Die jüdische Identitätsfrage in Deutschland hängt mit der Vergangenheit zusammen. Wir stehen alle in der Verantwortung, die Demokratie zu schützen und das Erinnern als nicht abgeschlossen zu sehen. Das kann nicht allein Aufgabe der Politik sein.“ Und Zuketto-Debour sagt: „Durch die Einzelschicksale erleben die Schülerinnen und Schüler, dass sie etwas bewegen können.“

Zur für alle Interessierten offenen Ausstellungeröffnung am Montag, 1. April, soll es im Rahmen eines Podiumsgesprächs genau um diese Verbindung gehen: Erinnern an die Verbrechen vor rund 80 Jahren, aktuellen Antisemitismus und Rassismus bekämpfen, jüdisches Leben heute als normal begreifen. Dafür sitzen neben Porger und Vertretern der beiden Schulen auch Dr. Michael Rado von der jüdischen Gemeinde in Köln, Monica Leib, Tochter der Märchenbuchautorin, Isabell Pfeiffer-Poensgen, NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft, sowie der neue Rektor der RWTH, Ulrich Rüdiger, auf der Bühne. Neben Oberstufenschülern beider Laurensberger Schulen sind auch Vertreter einer Partnerschule aus Heerlen eingeladen, mit der das AFG zurzeit eine Projektwoche für die Oberstufe vorbereitet, die ebenfalls den Nationalsozialismus „vor Ort“ thematisieren wird.

Zuvor wird Pfeiffer-Poensgen Familie Leib aus Sicht ihrer eigenen Familie vorstellen. Beide Familien waren und sind befreundet. Vielleicht nimmt sie dann auch das Märchenbuch wieder zur Hand. Denn dank des Engagements der Studierenden und ihres Projektleiters, Dr. Christian Bremen, ist es nachgedruckt worden und kann ab dem 1. April in jedem Bücherschrank stehen – als Erinnerung an schreckliche Zeiten und Mahnung, schreckliche Zeiten nicht wieder zuzulassen. Eine Luftpolsterfolie zum Schutz braucht es dann nicht mehr.