Aachen: Streit um Kindertagespflege geht weiter: Tagesmütter ziehen vor Gericht

Aachen : Streit um Kindertagespflege geht weiter: Tagesmütter ziehen vor Gericht

Der obligatorische Blick auf den Fußboden darf am späten Nachmittag in Christine Frels’ Wohnzimmer nicht fehlen. Ein bunter Plastiklöffel hier, eine grüne Miniaturschale da. Und dazwischen hat es sich womöglich noch ein brauner Stoffbär bequem gemacht.

Dass der Wohnraum der Familie Frels überwiegend von bis zu fünf Kleinkindern gleichzeitig belagert wird, ist selbst dann offenkundig, wenn die Jungen und Mädchen längst von ihren Eltern abgeholt wurden. An der Wand sind in dekorativen Hängeelementen stets griffbereit Stapel von Windeln verstaut. Und Christine Frels, gelernte Betriebswirtin und seit knapp neun Jahren hauptberuflich als Tagesmutter tätig, sitzt mitten in ihrem Wohnzimmer auf einem kleinen Kinderstuhl an einem kleinen Kindertisch und sagt mit einer Überzeugung, die man ihr sofort abkauft: „Ich habe meinen Traumjob gefunden.“ Wenn nicht die Sache mit dem Geld wäre ...

Knapp ein Jahr nach Inkrafttreten der neuen Richtlinie für die Betreuung der Jüngsten in Aachen hält die Kritik an der Bezahlung der Kindertagespflegepersonen an. Und beschäftigt erneut das Gericht.

Wie Dr. Frank Schafranek, Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht, auf AZ-Anfrage mitteilt, sind bislang 30 Klagen gegen die Stadt Aachen eingegangen. In der Sache gehe es um eine Teilfrage der neuen Förderrichtlinie, nämlich wie Ausfallzeiten bei der Bezahlung der Tagespflegepersonen berücksichtigt werden.

Fällt ein Kind krankheitsbedingt aus, werden Tagesmütter und -väter zwei Wochen lang weiter bezahlt; liegt dem Fachbereich Kinder, Jugend und Schule ein Attest vor, verlängert sich die Fortzahlung auf bis zu acht Wochen. Auch wenn das Kind urlaubsbedingt fehlt, gilt: Abwesenheiten von bis zu 28 Tagen im Jahr haben keine Auswirkungen auf die Bezahlung. Anders sieht das — wie bei anderen Selbstständigen auch — bei Ausfallzeiten der Tagespflegeperson aus. Diese Zeiten seien im Rahmen der „Kalkulation zur Bemessung der Höhe der laufenden Geldleistung“ bereits berücksichtigt worden, heißt es in der neuen Richtlinie. Ein Termin zur mündlichen Verhandlung sei derzeit noch nicht absehbar, teilt Schafranek mit. Eine Klageerwiderung der Stadt Aachen stehe noch aus.

Erste Klage war erfolgreich

Christine Frels ist eine der 30 Tagespflegepersonen, die gegen die Stadt klagen. Erneut. Bereits 2016 hatte das Verwaltungsgericht Aachen die Bezahlpraxis der Stadt als „nicht leistungsgerecht“ bezeichnet und damit den klagenden Tagesmüttern und -vätern recht gegeben. Auskömmlich sei das, was die neue Richtlinie biete, aber keineswegs, meinen die Betroffenen. Seit 1. März gibt es 4,73 Euro pro Kind und Stunde. Darin enthalten sind 1,73 Euro für Sachkosten und 3 Euro als „Anerkennung der Förderungsleistung“. Hinzu kommen anteilige Beiträge für Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung.

Obwohl der Stundensatz erhöht wurde, hätten viele Tagesmütter unterm Strich weniger auf dem Konto als vorher, weil Fehlzeiten stärker berücksichtigt werden, sagt Frels, Sprecherin der Interessengemeinschaft Kindertagespflege Aachen. Sie selbst habe seit dem Frühjahr pro Stunde und Kind durchschnittlich 34 Cent weniger verdient. „Wir fragen uns schon, warum der Kindergarten Öffnungszeiten hat, für die er bereitsteht und bezahlt wird, selbst wenn kein Kind vor Ort ist“, sagt Frels, während Tagesmütter und -väter im Gegensatz dazu ab dem 29. Urlaubstag des Kindes kein Geld erhalten.

Die organisierten Tagespflegepersonen fühlen sich dadurch benachteiligt. Schließlich werde der Platz das ganze Jahr über für das Kind freigehalten, sagt auch Frels‘ Kollegin Kerstin Wolff, die ebenfalls seit neun Jahren als Tagesmutter arbeitet. In anderen Kommunen, beispielsweise in Düren, sei das besser geregelt. Mit dem aktuellen Gehalt in Aachen könne man als Tagesmutter jedenfalls kaum Rücklagen bilden, um solche Ausfälle aufzufangen, betont Wolff.

Ob in Aachen auch aus Sicht der Politik einiges besser laufen kann, wird der Kinder- und Jugendausschuss voraussichtlich Ende April diskutieren. Dann will die Verwaltung einen ausführlicher Bericht über die Erfahrungen mit der neuen Richtlinie vorlegen, wie das städtische Presseamt auf Anfrage mitteilt. Zumindest Christine Frels und ihre Kollegen sehen spätestens dann deutlichen Nachholbedarf. „Unser Rentenbescheid ist ein Witz“, betont Frels. Zum Lachen sei das allerdings nicht.

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