Aachen: Statt Bel-Etage ein „Stück Stadtreparatur“

Aachen: Statt Bel-Etage ein „Stück Stadtreparatur“

Das Projekt „Bel Etage“ ist gestorben, aber stattdessen könnte ein neues Innenstadtquartier geboren werden: Eine ebenso radikale wie überraschende Kehrtwende wird in den nächsten Monaten rund um das marode Parkhaus Büchel — seit vielen Jahren ein städtebaulicher Schandfleck — vollzogen. Und der Anfang ist bereits gemacht.

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Denn das Parkhaus, das die Strabag Real Estate vor einigen Jahren erworben hat, um dort besagtes Shopping-Projekt „Bel Etage“ zu realisieren, hat erneut den Besitzer gewechselt. Nur die Unterschrift des Notars auf dem Kaufvertrag fehlt noch.

Gekauft haben es die bekannten Aachener Investoren Norbert Hermanns und Gerd Sauren, die bereits in der näheren Umgebung Grundstücke und Immobilien besitzen. Unter anderem hatte Hermanns zuletzt das Kaufhaus „Lust for Life“ erworben. Anstelle des Großprojektes „Bel Etage“ streben sie eine „kleinteiligere Bebauung“ an, so Sauren, die sich auch über die Grenzen des Parkhausgrundstückes hinaus erstrecken soll.

So will man auch das „Problem Antoniusstraße“ lösen, wo sich aktuell durch Bewegungen in der Eigentümerschaft ganz neue Chancen ergeben. Der Hintergrund: Ein Besitzer gleich mehrerer Grundstücke dort ist gestorben, die Immobilien sind plötzlich „auf dem Markt“ — eine gute Gelegenheit, die seit langem angestrebte Ausweitung der Sperrzone in der Rotlichtmeile endlich in die Tat umzusetzen. Sauren bringt dabei auch seinen alten Plan zur Sprache, die Bordellbetriebe in einem großen Eros-Center in der Antoniusstraße zu konzentrieren.

Gar eine „historische Chance, etwas zu verändern“, sieht Jens Kreiterling von der Landmarken AG des Investors Hermanns in der neuen Entwicklung. Man habe zwar noch keine fertigen Pläne, doch böte sich jetzt die Gelegenheit zu einem „Stück Stadtreparatur“, zu einer „Erweiterung der Altstadt mit Wohlfühlcharakter“ und einer besseren Verzahnung mit den umliegenden Einkaufstraßen. So seien künftig Wegeverbindungen vom Büchel zur Antonius-straße und weiter zur Kleinköln-straße denkbar — und vieles mehr.

Neue Denkanstöße soll vor allem ein städtebaulicher Wettbewerb liefern — was nicht zuletzt auch den Seniorchef der Mayerschen Buchhandlung, Helmut Falter, erfreut, der mit seinem brachliegenden Grundstück an der Ecke Nikolausstraße/Antoniusstraße ebenfalls seit Jahren unter dem Stillstand am Büchel leidet. „Ich begrüße das sehr“, sagt er, „und ich bin kooperationsbereit.“

Dass der Verzicht auf die „Bel Etage“ nicht ganz freiwillig kommt, daraus macht Rainer Maria Schäfer von der Strabag keinen Hehl. Bei der vierten Präsentation im Architektenbeirat im Januar, als es nur noch um Veränderungen an der Fassade habe gehen sollen, sei plötzlich „die Bremse gezogen“ und eine grundsätzliche städtebauliche Diskussion eröffnet worden. „Man muss auch mal etwas loslassen können und die Zeichen der Zeit erkennen“, sagt Schäfer. „Wir als Strabag wollten am liebsten die Bel Etage realisieren, aber es gab Signale, dass es der Stadt nicht am liebsten wäre.“

Die Verpflichtung der Strabag, als Ersatz für die Kaiserplatz-Galerie („Aquis Plaza“) am Büchel 61 Wohnungen zu bauen, geht auf die neuen Eigentümer über. Gerd Sauren hat damit kein Problem: „Das ist ein Wohnstandort.“ Neben der neuen Situation in der Antoniusstraße sieht der Investor als auslösendes Element für den radikalen Kurswechsel auch „die aktuelle Diskussion über den Zustand der Aachener Innenstadt“ — wobei ihm OB Marcel Philipp zumindest indirekt Recht gibt: „Dort war bisher ein großer Klotz geplant, das war der Nachteil des Projekts.“

Jetzt sehen Philipp und seine Baudezernentin Gisela Nacken die Chance, „im Herzen der Stadt zu einer guten, altstadtähnlichen Entwicklung zu kommen. Die könnte auch ausstrahlen bis zur Großkölnstraße und dem seit langem leer stehenden Pfeiffer-Haus. Das gehört Peek & Cloppenburg, das sich aber in Aachen Richtung Adalbertstraße oder „Aquis Plaza“ orientieren will. Laut Nacken will man für diesen Fall in der Großkölnstraße prüfen, auf besagtem Grundstück neben Handel auch ein Parkhaus zu realisieren.

Allerdings ist Eile geboten. Sofort müsse über die Grundstücke in der Antoniusstraße verhandelt werden, sagt Sauren. Parallel dazu soll die Politik, die die neue Entwicklung am Donnerstag im Planungsausschuss teils zustimmend, aber auch mit deutlicher Skepsis aufnahm, die Weichen für den Ideenwettbewerb stellen.

Die Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen, Ende März 2015 könnte das Parkhaus abgerissen werden. Das der Abriss sich damit um mehrere Monate verschiebe, sei die „schlechte Nachricht“, sagt der OB. Doch das sollte ihn nicht sorgen. Was den Abriss des Parkhauses angeht, haben die Aachener schließlich schon einige Ankündigungen erlebt.

Blick über die Brache: An der Ecke Nikolausstraße/Antoniusstraße plant Helmut Falter eine Geschäftszeile mit Wohnungen. Foto: Michael Jaspers