Aachen: Star-Qualität zeigt nur der Tivoli

Aachen: Star-Qualität zeigt nur der Tivoli

Es ist 16.15 Uhr. Satte vier Stunden vor Spielbeginn, und die ersten Fans tauchen schon vor den Toren des neuen Stadions auf. Jenem Bauwerk, das Massen und Medien über ein knappes Jahr mit seiner Entstehungsgeschichte fasziniert hat. Michael Müller und seine Gattin Nicole Müller-Kirstein sind da noch auf der Autobahn.

Sie kommen nicht aus Alsdorf oder Jülich, sondern aus Rastatt in Deutschlands Südwesten. So wie bei jedem Heimspiel, denn die Beiden sind eingefleischte Alemannen. Trotz Karlsruher SC und Freiburger SC. Die 350 Kilometer Anfahrt sind für sie an jenem 17. August ein Vergnügen.

Von der sportlichen Klatsche konnte das Paar nichts ahnen. Und schon gar nichts von dem Drama, das sich nach dem Spiel im Stadion abspielt, als ein St.-Pauli-Fan beim Jubeln über eine Brüstung knapp acht Meter in die Tiefe stürzt und sich lebensgefährliche Verletzungen zuzieht.

All das ist undenkbar, als die Müllers anreisen. Das neue Stadion kennen sie nur von den Web-Kameras, der Aha-Moment wurde bis zum letzten Augenblick herausgezögert. Zeit für den hauptberuflichen City-Manager, zwei 33000stel des Stadions in Besitz zu nehmen. Als kleiner Junge hat er bei seinem Onkel Bodo in Aachen die Ferien verbracht, und mit 15 Jahren war es so weit: „Der Alemannia-Virus hat mich gepackt.”

Bis gegen 18 Uhr hält der Geduldsfaden, dann werden die Treppen in den Business-Bereich erklommen. Währenddessen putzen selbst die höchsten Verantwortungsträger noch die Tische im VIP-Bereich, damit alles glänzt - Erik Meijer als 1a-Abstauber.

Sehr professionell fand Müller den ganzen Stadionbau aus der Fernsicht. Jetzt tauscht er den virtuellen Blick gegen die Live-Perspektive und ist „schwer beeindruckt”.

In der Tat ist das schwer beeindruckend, was sich vor dem Anpfiff in der neuen schwarz-gelben Stätte abspielt. Die Dirigenten dieser kolossalen Premiere haben bewusst auf übertriebene Paukenschläge verzichtet.

Ein kurzer Moment voller Pathos ist erlaubt: Zum Monumentalstück „Conquest of Paradise” werden die Fahnen der Fanklubs ins Stadion getragen, alle Jugendmannschaften laufen ein und bilden ein erstes beeindruckendes Bild, eine erste Gänsehaut ist legitim. Vor allem, weil die 11.000 Fans auf der Stehplatztribüne gerade ihre Schlachtrufe schmettern - eine sensationelle Geräuschkulisse, eine optische Sensation allemal.

OB Dr. Jürgen Linden lässt die Entstehung dieses Bauwerks kurz Revue passieren, dankt allen: von der Alemannia GmbH bis zu den Kleingärtnern.

Und auch NRW-Innenminister Ingo Wolf verneigt sich verbal vor der neuen Südkurve und erntet braven Applaus. Der braust auf zu einem Orkan, als Keeper Thorsten Stuckmann einläuft. Die Stehgerade tobt - nicht ahnend, was nach dem 0:5 noch kommen sollte.

Als sich die Müllers durch den beispiellosen Stau rund um den Tivoli - 13.000 Fans mehr als früher wollen nach Hause - Richtung Rastatt quälen, wissen sie noch nichts vom Schicksal des schwer verletzten St.-Pauli-Fans.

In einer Aachener Klinik kämpfen die Ärzte um sein Leben. Gleichzeitig kümmern sich ein Polizeiseelsorger und Hilfskräfte um geschockte Schlachtenbummler, die Augenzeugen dieses dramatischen Absturzes wurden.