Städteregionsrat: Jansen und Grüttemeier im Wahlendspurt

Wahl zum Städteregionsrat : Daniela Jansen und Tim Grüttemeier im Wahlendspurt

Bahnhöfe haben eine große Anziehungskraft. Das hat oftmals ganz pragmatische Gründe, denn sehr viele Menschen pendeln zwischen ihrem Wohn- und ihrem Arbeitsort mit der Bahn. Auf Tim Grüttemeier trifft das nicht zu. Er fährt in der Regel mit dem Auto zum Büro.

An diesem Morgen aber steht er schon um 6.30 Uhr, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, vor dem Aachener Hauptbahnhof – und das bei weitem nicht zum ersten Mal.

„An Bahnhöfen gibt es eine hohe Frequenz. Hier kann man in relativ kurzer Zeit viele Menschen erreichen,“ erklärt der Stolberger Bürgermeister, der ab dem 1. Januar gerne Städteregionsrat sein möchte. Am Sonntag werden die Wähler entscheiden, ob es auch so kommt. Dann findet die Stichwahl um die Nachfolge von Helmut Etschenberg statt.

Auch Tim Grüttemeier (CDU) sucht häufig auf der Straße den direkten Kontakt mit den Bürgern – beispielsweise auf dem Wochenmarkt in Eilendorf. Foto: dmp press/Ralf Roeger

Während der CDU-Kandidat auf dem Bahnhofsplatz Laugenstangen und Flyer verteilt, bringt Daniela Jansen vor dem Werkstor von Philips in Aachen Schokoriegel unter die Belegschaft. „Denken Sie bitte daran, am Sonntag wählen zu gehen“, fordert sie die vielen Passanten, die sich zum Schichtwechsel ihren Weg bahnen, höflich auf. Dazu gibt es noch einen Stift und ein Flugblatt, dem die wichtigsten Themenschwerpunkte der Sozialdemokratin zu entnehmen sind.

Auch Jansen setzt bei solchen Terminen darauf, Aufmerksamkeit zu erzeugen – natürlich für sich, „aber vor allem für diese Stichwahl, von der viele Leute offenbar gar nichts wissen“.

35,5 Prozent betrug die Wahlbeteiligung vor knapp zwei Wochen beim ersten Durchgang, als noch sechs Kandidaten im Rennen waren. Bei der letzten Stichwahl, die am 15. Juni 2014 zwischen Helmut Etschenberg (CDU) und Christiane Karl (SPD) ausgetragen wurde, waren es nur 22,2 Prozent.

Städteregion besser vermitteln

Das gibt den beiden aktuellen Kandidaten, wie sie übereinstimmend feststellen, sehr zu denken. „Wir müssen den Bürgern viel mehr vermitteln, was die Städteregion ist und was sie von ihr haben“, ist Daniela Jansen überzeugt.

Der Satz hätte auch von Tim Grüttemeier stammen können. Die Konkurrenten sind in diesem Punkt auf einer Wellenlänge – und in vielen anderen auch. Gleichwohl geben sie in diesem Wahlkampf-Endspurt noch einmal alles, um auch die Unterschiede deutlich zu machen – mitunter in bis zu 14 Stunden pro Tag.

Das geht an die Substanz, zweifellos. Auch wenn der Bürgermeister und die IG-Metall-Gewerkschaftssekretärin seit Wochen von ihrem eigentlichen Job freigestellt sind – unentgeltlich, versteht sich. „Wir sind mittlerweile seit fast fünf Monaten im Wahlkampf“, gibt Tim Grüttemeier zu bedenken. Das bedeutet für ihn, seit fünf Monaten nahezu täglich um 5 Uhr aufzustehen und dann tagsüber wie auch abends unterwegs zu sein. „In dieser Zeit haben wir es kein einziges Mal geschafft, uns in Ruhe mit Freunden zu treffen“, blickt der 38-Jährige zurück.

Und auch die Fußballspiele seiner beiden sechs und neun Jahre alten Söhne, die er sonst regelmäßig besucht, hat er allesamt verpasst. Seine Kinder sieht er derzeit – falls überhaupt – nur morgens, seine Frau Nina nicht viel öfter. Es ist die wohl größte Entbehrung in diesem Ausnahmezustand für den passionierten Vater und Familienmenschen.

Kurze Verschnaufpause

Daniela Jansen hat es an diesem Morgen immerhin geschafft, zwischen dem ersten Termin des Tages am Werkstor und dem folgenden einen Abstecher nach Hause zu machen. Für die zehnjährigen Zwillinge und Mann Björn gibt es Brötchen und für die Kandidatin eine kurze Verschnaufpause. „Das ist schon wahnsinnig anstrengend“, räumt die 41-Jährige ein, fügt aber gleich an: „Ich bin immer noch energiegeladen, weil mir der Wahlkampf einfach Spaß macht.“

In diesem Sinne zieht sie dann weiter zum zentralen Hörsaalgebäude „C.A.R.L.“ der RWTH Aachen, wo an die vielen vorbeikommenden Studenten Taschentücher, Stifte und Faltblätter verteilt werden. Auch hier geht es um Aufmerksamkeit, Frequenz und die Hoffnung, das Interesse der in diesem Fall jungen Menschen für die Städteregion im Allgemeinen und die Stichwahl im Speziellen zu wecken.

Unterdessen hat auch Tim Grüttemeier seinen Standort gewechselt. Das macht er seit vielen Wochen beinahe im Stundentakt. Über 8000 Kilometer mit dem Wahlkampfwagen sind so mittlerweile zusammengekommen. Daniela Jansen kann eine ähnliche Bilanz aufweisen. Immerhin werden beide von einem treuen Parteimitglied als Fahrer unterstützt und bei den Terminen selbst von mehreren Vertretern des jeweiligen Ortsverbandes bzw. Ortsvereins.

„Die Städteregionswahl ist eindeutig eine Personenwahl“

Auf dem Wochenmarkt in Eilendorf wechseln Rosen den Besitzer. Bei strahlendem Sonnenschein und mittlerweile etwas angenehmeren Temperaturen kommt auch das ein oder andere Gespräch zustande. „Die Städteregionswahl ist eindeutig eine Personenwahl“, erklärt Grüttemeier. Deshalb sehe er dem Sonntag mit Blick auf das mögliche Verhalten der immerhin 21,2 Prozent, die im ersten Wahlgang für Oliver Krischer gestimmt haben, gelassen entgegen. „Auch die Grünen-Wähler werden in erster Linie eine Person wählen.“ Politische Konstellationen wie etwa die seit fast 25 Jahren existierende schwarz-grüne Koalition im früheren Kreis Aachen und jetzt in der Städteregion hält er für wenig relevant.

Die Kontrahenten Jansen und Grüttemeier fragen sich aus

Daniela Jansen sieht das genauso, und das muss sie wohl auch. Schließlich wird allgemein damit gerechnet, dass die Krischer-Wähler am Sonntag den Ausschlag geben werden. Die Sozialdemokratin muss kräftig aufholen, wenn sie den Christdemokraten, auf den am 4. November 39,2 Prozent der Stimmen entfielen (Jansen: 27,8), hinter sich lassen will. Deshalb steuert sie neben Bahnhöfen, Hörsälen und Wochenmärkten gezielt Wahlkreise an, in denen die Menschen vor knapp zwei Wochen nicht für sie gestimmt haben. „Bei solchen Terminen kommt man richtig an die Menschen heran, weil sie sich ernstgenommen fühlen“, ist die 41-Jährige angetan. „Und man erhält einen tiefen Einblick in die Unterschiede, die diese Städteregion ausmachen.“ Nicht immer sind das schöne Aussichten. Die hohe Armutsquote beispielsweise findet Jansen bedrückend. „Hier muss dringend gegengesteuert werden. Ganz egal, wer die Wahl am Sonntag gewinnen wird.“

Das unterstreicht sie dann auch noch mal vor laufender (Handy-) Kamera. In den sozialen Netzwerken sind die beiden Kandidaten derzeit allgegenwärtig. Wer erfahren will, was Daniela Jansen und Tim Grüttemeier gerade so machen, wird auf Facebook und Instagram schnell fündig. „Wir zielen damit vor allem auf ein junges Publikum ab“, erklärt Grüttemeier. Und das fühle sich, wie die täglich einlaufenden Rückmeldungen und Rückfragen zeigten, durchaus angesprochen.

Einiges gewohnt

Nicht immer ist das Echo allerdings positiv und freundlich. „Es setzt mir schon zu, dass es immer wieder sehr bösartige Kommentare gibt“, sagt Jansen. „Ich nehme mir dann das Recht, Kommentare zu löschen oder Kontakte zu blockieren. Schließlich ist das meine Seite.“ Grüttemeier hingegen lässt das nach eigener Aussage weniger an sich ran und deshalb meistens auch einfach stehen. „Vielleicht liegt das daran, dass ich es als Bürgermeister gewohnt bin, alle zwei Tage beschimpft zu werden“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Zwei Tage bleiben den Kandidaten noch, um bei den Bürgern zu punkten. Am Sonntag fällt dann die Entscheidung. Natürlich wollen Daniela Jansen und Tim Grüttemeier gewinnen. Aber beide geben auch offen zu, dass sie froh sind, wenn alles vorbei ist. Feiern wollen sie, unabhängig vom Ergebnis, mit ihren vielen Wahlhelfern, die sie über Monate unterstützt haben. Und nach einer vermutlich kurzen Nacht endlich noch mal einen ganz normalen Arbeitstag genießen. Jansen als Gewerkschaftssekretärin, Grüttemeier als Bürgermeister. Und einer von ihnen als zukünftiger Chef oder zukünftige Chefin der Städteregion.

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