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Städteregion Aachen prognostiziert akuten Lehrermangel

Dramatische Personalengpässe drohen : Grundschulzahlen schrecken alle Fraktionen auf

Nach dem verbalen Hin und Her im Schulausschuss haben die Streithähne hinter verschlossenen Türen eine Einigung zum Thema Grundschullehramt erzielt. Gemeinsamen forderten die Fraktionen im Städteregionsausschuss die Wiedereinführung des Grundschulstudiengangs in Aachen. Und nicht nur das.

Aufgeschreckt worden waren sie zuvor von den Prognosen der Verwaltung, die eine dramatische Verschärfung des personellen Notstandes erwartet.

Wenig überraschend ist, dass der Beschluss im Ausschuss keinerlei bindende Wirkung hat. Die Städteregion muss sich, weil sie in der Sache keine Entscheidungskompetenz besitzt, auf Empfehlungen und Appelle beschränken. Immerhin fallen diese deutlich aus: Nunmehr geschlossen fordert die Politik die Landesregierung auf, die Ausbildungskapazitäten für das Lehramt an Grundschulen über neue Studienplätze zu erweitern – und das nicht nur an bestehenden Standorten. Vielmehr soll die RWTH Aachen „zeitnah“ mit den erforderlichen Mitteln ausgestattet werden, um wieder ein Grundschulstudium anbieten zu können.

88 Stellen unbesetzt

Aufgeschreckt wurden die Fraktionen von durchaus alarmierenden Zahlen, die die städteregionale Verwaltung ermittelt hat. Demnach ist die Zahl der vakanten Stellen an den insgesamt 88 Grundschulen in Stadt und Altkreis Aachen in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Im Schuljahr 2016/17 konnten 14 Stellen von Grundschullehrern und Sonderpädagogen nicht besetzt werden, drei Jahre später ist diese Zahl auf 73 hochgeschnellt. Außerdem fehlen 14 sozialpädagogische Fachkräfte.

Und es gibt weitere sehr beunruhigende Beispiele: So wurden zum Schuljahresbeginn 2019/20 65 Grundschulstellen ausgeschrieben, aber lediglich 16 konnten besetzt werden – wobei nur ein Viertel der eingestellten Kräfte über die Lehrbefähigung für die Grundschule verfügt.

Eine Besserung ist weit und breit nicht in Sicht – ganz im Gegenteil: Die Verwaltung geht – nach eigener Aussage „defensiv geschätzt“ – davon aus, dass die Zahl der Grundschüler in den kommenden Jahren um etwa 2000 auf dann 19.700 steigen wird. Gleichzeitig werde sich die Zahl der Pensionierungen rasant nach oben bewegen.

Das habe zur Folge, dass sich der Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern im Primarbereich bis 2024 um 91 auf 1003 erhöhen wird. „Um den normalen Unterrichtsbedarf decken zu können, müssten in den nächsten fünf Jahren also mindestens 180 Lehrkräfte in Vollzeit alleine für den städteregionalen Schulamtsbezirk hinzugewonnen werden“, rechnet Bildungsdezernent Markus Terodde in seiner Stellungnahme hoch. Aus Verwaltungssicht ist deshalb klar: „Der Lehrermangel an den Grundschulen wird sich in den nächsten Jahren weiter extrem zuspitzen.“

Dieser Einschätzung schließt sich die städteregionale Politik kollektiv an und stellt über die Wiedereinführung des Grundschulstudiengangs in Aachen hinaus weitere Forderungen auf: 1) Der Stellenpool für Kräfte anderer Professionen an Grundschulen – beispielsweise Schulsozialarbeiter, Inklusionsassistenten und IT-Administratoren – soll aufgestockt werden, um Lehrerinnen und Lehrer zu entlasten; 2) Die Möglichkeit zum Seiteneinstieg an Grundschulen soll über die Fächer Kunst, Musik, Sport und Englisch hinaus auch in Mathematik und Deutsch ermöglicht werden; 3) Die Besoldung von Grundschulkräften soll auf das Niveau von Kollegen, die im weiterführenden Bereich tätig sind, angehoben werden.

Runder Tisch in Düsseldorf

Sämtliche Forderungen dürften auch am 16. Dezember thematisiert werden. Dann findet auf Einladung der FDP-Fraktion und ihres Landtagsabgeordneten Werner Pfeil in Düsseldorf ein „runder Tisch“ mit wahrscheinlich prominenter Besetzung statt. Eingeladen sind unter anderem die beiden Landesministerinnen Isabel Pfeiffer-Poensgen und Yvonne Gebauer, RWTH-Rektor Ulrich Rüdiger sowie Städteregionsrat Tim Grüttemeier und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp.