Stadt Aachen und Städteregion übernehmen gemeinsame Trägerschaft

Hilfe für Angehörige von radikalen Jugendlichen : Programm gegen Salafismus wird ausgeweitet

Was tue ich, wenn ich das Gefühl habe, dass sich ein Bekannter, ein Freund, ein Kollege oder ein Schüler radikalisiert und sich eventuell dem Salafismus, einer ultrakonservativen, extremen Form des Islam, zuwendet?

Seit 2016 gibt es in der Stadt Aachen das Präventionsprojekt „Wegweiser“, das sowohl direkt Betroffenen, als auch Menschen aus dem Umfeld Beratung anbietet. Die Arbeit des Projekts in den vergangenen beiden Jahren war so erfolgreich, dass es auf die gesamte Städteregion ausgeweitet wird. Am Montag haben Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und Städteregionsrat Tim Grüttemeier den entsprechenden Vertrag unterschrieben.

„Die Arbeit von ‚Wegweiser’ stützt sich grundsätzlich auf drei Säulen: Beratung, Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung“, erklärt Nenja Ziesen, Integrationsbeauftragte der Stadt Aachen. Bei ihr sowie ihren Kolleginnen und Kollegen – ein interdisziplinäres Team aus dem Bereich der Sozialarbeit, Mediation und Islamwissenschaften – gab es alleine im vergangenen Jahr 350 Beratungsanfragen und Kontakt zu 550 Multiplikatoren.

Ausweitung gut und sinnvoll

Die Ausweitung in die Städteregion hält Ziesen für eine wichtige, gute Sache: „Extremismus macht vor Stadtgrenzen nicht Halt, darum wollen wir auch in Zukunft stärker in den Kommunen der Städteregion Präsenz zeigen.“ Konkret soll „Wegweiser“ in den Erziehungsberatungsstellen der Städteregion angedockt werden. Eine Kooperation mit Ostbelgien gibt es schon länger, „gerade hier in der Grenzregion ist es wichtig, dass sich die Kommunen gegenseitig unterstützen.“

Wie akut das Problem von Salafismus in der Städteregion ist, dazu will sich Ziesen nicht konkret äußern. Auch nicht darüber, ob es eher Angehörige sind oder Betroffene, die Hilfe suchen. Das hat damit zu tun, dass das Angebot von „Wegweiser“ absolut freiwillig und diskret ist. Aber: „Wenn es in dem Bereich keinen Bedarf gäbe, dann gäbe es auch das Programm nicht.“

Ebenso wichtig sei die Aufklärung der Bevölkerung in der Region, ist Ziesen überzeugt: „Es gibt viele Menschen, die werfen im Bereich Islam, Islamisierung und Salafismus einiges durcheinander.“ Auch dächten viele, dass die Radikalisierung junger Menschen häufig auf der Straße stattfinde. „Doch wir leben in einer digitalen Welt, und viele kommen erstmals im Internet auf entsprechenden Plattformen oder in Foren mit diesem Thema in Kontakt.“ Gerade dann sei wichtig, dass die Eltern wissen, was ihre Kinder so treiben.

Die Ursachenkomplexe für eine Radikalisierung, ob nun in Richtung Salafismus oder auch Rechtsradikalismus, seien ähnlich. Faktoren wie eine zerrüttete Familie, die leichte Beeinflussbarkeit als junger Mensch, die Suche nach einer Identität, Versagen in der Schule oder auch ein sonstiges tragisches Ereignis können Gründe dafür sein, warum sich ein junger Mensch radikalisiert.

Nicht für Aussteiger

Explizit nicht gedacht ist „Wegweiser“ übrigens für Aussteiger – also ehemalige Salafisten, die Hilfe dabei brauchen, den Weg in die Normalität zurückzufinden. „Wir vermitteln aber gerne Kontakt zu Hilfestellen, die sich genau mit diesem Thema befassen“, sagt Nenja Ziesen.

Finanziell gefördert wird das „Wegweiser“-Programm, das sich jetzt in gemeinsamer Trägerschaft von Stadt und Städteregion Aachen befindet, vom Land Nordrhein-Westfalen. Aachen ist eine von 19 Städten, die sich an dem Projekt beteiligt.

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