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Stadt Aachen kommt beim Ausbau der Infrastruktur langsam voran

E-Mobilität : Firmen machen Druck

Nein, in der Einfahrt der Familie Heckes fand kein Kindergeburtstag statt. Und doch ging es bei dem Fest, zu dem die ganze Nachbarschaft eingeladen war, um die Kinder. Denn Mark Heckes denkt an die Zukunft – und hat deshalb Schmithofs erste Ladesäule für Elektroautos aufgebaut. Auch deshalb, weil die Stadt aus seiner Sicht zu langsam vorankommt.

Gemeinsam durchtrennen Emma und Johanna das rote Band, das vor der etwas futuristisch anmutenden Ladesäule gespannt ist. An der Frennetstraße in Schmithof hat Mark Heckes, Geschäftsführer des Aachener Software-Unternehmens Complingua, auf seinem privaten Grundstück eine Ladesäule für Elektrofahrzeuge aufstellen lassen. Auch wenn das ein Privatgrundstück ist: Hier werden vor allem seine Firmenfahrzeuge „aufgetankt“, berichtet der Unternehmer, ein Tesla und ein Hyundai Kona. Dass das Betanken seiner Firmenautos an seinem Haus in Schmithof geschieht und nicht am Standort seiner Firma in der Nähe des Klinikums, hat einen Grund.

„Als wir im vergangenen Jahr vom Vorhaben der Stadt Aachen gehört haben, die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge auszubauen, haben wir unsere Fahrzeugflotte ausgetauscht, von Verbrennungs- auf Elektromotoren“, sagt Heckes und zeigt auf die beiden Firmenautos, mit denen er sehr zufrieden sei. Ziel des städtischen Projekts „Align“ (Abkürzung für Ausbau von Ladeinfrastruktur durch gezielte Netzunterstützung) ist – kurz gesagt – der massive Ausbau von Ladepunkten für Elektrofahrzeuge in der ganzen Stadt, und zwar vor allem unter Einbeziehung von Firmen. Unternehmen, die viel in der Stadt unterwegs sind, beispielsweise Dienstleister wie Pflegedienste oder Lieferdienste, könnten auf ihrem Firmengelände eine Zapfsäule der Stawag aufstellen lassen, um ihre eigenen, aber auch Elektrofahrzeuge von Kunden auftanken zu können.

Nachdem Heckes Interesse für das Projekt bekundet hatte, sei jedoch wenig passiert. Auch andere Unternehmen – nach Angaben der Stadt haben rund 150 Firmen ihr Interesse bekundet – meldeten sich bei unserer Zeitung mit dem gleichen Vorwurf. „Wir wissen einfach noch nicht, ob wir für das Projekt infrage kommen“, sagt Heckes und betont, dass er nicht einfach ungeduldig sei, sondern vor wichtigen unternehmerischen Entscheidungen stehe. „Wenn ich nicht in das Förderprogramm der Stadt aufgenommen werde, möchte ich meine eigene Ladesäule an meinem Betrieb aufbauen“, sagt er. Folglich warte er auf ein Signal der Verwaltung, ob und wann mit einem Fortschritt bei „Align“ zu rechnen sei.

Bereits im August hatte Axel Costard, Referent des Oberbürgermeisters für den Bereich Emissionsfreie Mobilität, unserer Redaktion gegenüber erklärt, dass sich der Ausbau deshalb hinziehe, weil die Sache komplizierter sei als zunächst gedacht. Er betonte außerdem, dass im Herbst ein neuer Kollege in der Verwaltung seinen Dienst aufnehme, um die Sache voranzutreiben. Und: Ein Rundschreiben an alle interessierten Unternehmen solle in Kürze rausgehen, hatte Costard gesagt.

„Bisher ist kein Schreiben bei uns angekommen“, macht Mark Heckes seinem Ärger an diesem Dienstag Luft. Er findet, trotz Personalnotstand in der Stadtverwaltung wäre so eine Information nach nun fast zehn Monaten realisierbar gewesen. Gleichwohl, räumt er ein, habe er beim Einrichten seiner eigenen Ladesäule am Privathaus festgestellt, wie viel „Neuland“ man in diesem Bereich noch begehen muss, wie wenige Standards es erst gibt.

Weitere Infos kommen 2020

Die Stadt hat nun erklärt, dass man im kommenden Jahr auf die Unternehmen zukommen werde hinsichtlich der Ladeinfrastruktur.

Währenddessen beschäftigt man sich auch an der RWTH mit „Align“. Denn das Bundesprojekt, für das das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) die Projektträgerschaft übernommen hat, soll auch wissenschaftlich begleitet werden. Unter anderem werden am Institut für Stromrichtertechnik und Elektrische Antriebe (Isea) Modelle entwickelt, die sich mit der Sicherstellung der Netzstabilität und der Stromqualität beschäftigen.

Es soll untersucht werden, inwieweit Elektrofahrzeuge in Zukunft ebenfalls als Energiespeicher genutzt werden können. „So könnte auf lokaler Ebene das Verteilnetz entlastet werden“, berichtet Philipp Schülting, wissenschaftlicher Angestellter am Isea, einer von vier Mitarbeitern, die an der Hochschule mit „Align“ befasst sind.

„Wir müssen mit der Verkehrswende einfach weiterkommen, und zwar deutlich schneller als bisher“, ist Mark Heckes überzeugt. Er wisse auch, dass die Elektromobilität nicht der Weisheit letzter Schluss sei. „Doch auch wenn sich momentan nicht jeder Schritt rechnet, müssen wir uns bewegen. Das sind wir unseren Kindern einfach schuldig.“