Aachen: Spottbilliges Geld lässt Gerüste wachsen

Aachen: Spottbilliges Geld lässt Gerüste wachsen

Ganz schön rüstig - und mehr als nur Fassade. Überdurchschnittlich viele Eigentümer älterer Immobilien machen in Aachen mobil. So wandern Baugerüste in vielen Straßen der Stadt seit geraumer Zeit von Haus zu Haus.

Und der subjektive Eindruck, dass derzeit mehr Gebäudefronten denn je hinter hohen Gerüsten und riesigen Bauplanen verschwinden, wird von Experten untermauert: „Energetische Sanierungsmaßnahmen sind tatsächlich überaus gefragt”, bestätigt Michael Stephan. Der Geschäftsführer vom Infoservice Altbau plus liefert den geldwerten Grund gleich mit: „Die Kreditanstalt für Wiederaufbau forciert energieeffizientes Sanieren mit rekordverdächtig günstigen Konditionen. Der Darlehenszins liegt seit September konstant bei nur einem Prozent auf die förderfähigen Investitionskosten”, sagt Stephan. Das erklärt den aktuellen Boom aber nur zum Teil.

Denn die Architektinnen von Altbau plus, die Hauseigentümer kostenlos durch den Förderdschungel lotsen, stellen seit Jahren wachsendes Interesse fest. 2011 zählte das sechsköpfige Team knapp 1500 Beratungen - deutlich mehr als 2010. Etwa ein Drittel der Beratungskunden modernisiert in der Folge. Innerhalb von vier Jahren kletterte die Gesamtfördersumme, die von der KfW an Aachener Haussanierer überwiesen wurde, von 32 auf 45 Millionen Euro. Tendenz steigend.

Nach unten hingegen bewegen sich nach der Sanierung die Energiekosten. „Schon die Modernisierung einer alten Heizung kann 30 bis 40 Prozent einsparen”, sagt Beraterin Sabine Fenchel. Und die ist - so das Gerät vor 1978 eingebaut wurde - im Zuge der Energieeinsparverordnung ohnehin Pflicht. Nicht so die Fassade. „Die Dämmung ist gesetzlich nicht vorgeschrieben”, erklärt die Architektin. Aber: „Wir verfolgen bei Altbau plus ein ganzheitliches Beratungskonzept. Damit empfehlen wir neben den Pflichtsanierungen - wie etwa Heizung - weitere energetische Umbaumaßnahmen, wenn das sinnvoll erscheint.” Grundsätzlich gilt der Dreiklang: Energieverluste reduzieren, Energieerzeugung optimieren, Heizverhalten korrigieren. Und für sinnvoll halten Immobilienbesitzer nach Fenchels Erfahrung alles, was letztlich Kosten spart. Dabei scheint der ökologische Nutzen, nämlich die Einsparung von fast 4000 Tonnen Kohlendioxid allein in Aachen, eher zweitrangig. Wenn Förderprogramme spottbillige Darlehen für die energetische Erneuerung der Außenhülle - also Fassade, Fenster und Dach - versprechen, greifen Hauseigentümer zu. Auch weil viele angesichts der globalen Finanzkrise Investitionen in die eigene Immobilie als sicherste Anlageform betrachten.

Der Gewinn ist in ungezählten Wänden der Kaiserstadt verborgen. Meist handelt es sich um ein Wärmedämmverbundsystem, das in einer Dicke ab 14 Zentimetern auf die Fassade montiert und verputzt wird. „Diese einfachste Form der Dämmung kostet - je nach Gebäudeform - 120 bis 150 Euro pro Quadratmeter”, erläutert Fenchel. Natürlich gibt es auch dünnere Dämmsysteme, die teils noch effizienter wirken - eine Preisfrage.

Durchschnittlich investieren Eigentümer 41 000 Euro pro Haussanierung in Aachen. Pro Euro Fördermittel werden in der Regel fünf bis acht Euro Investitionen ausgelöst. Dabei leistet Altbau plus die „Initialberatung”. „Wir stellen einen Sanierungsfahrplan auf und geben Listen mit 18 Energieeffizienzplanern und 80 Fachbetrieben heraus, die sich auf dem Gebiet der energetischen Sanierung qualifiziert haben”, sagt Stephan. Davon profitiert das regionale Handwerk. „Die Aufträge sind ungeheuer wichtig”, betont Kreishandwerksmeister Herbert May. „Der Boom bei Solaranlagen ist vorbei. Das muss das Handwerk kompensieren.” Die Auftragslage in Sachen energetische Gebäudesanierung sei hervorragend, heißt es.

So lange die KfW-Förderdarlehen verlockend bleiben, läuft der Modernisierungsmarathon. Aachen rüstet auf - gegen Energiekosten. Für ganz schön viele Vorteile.

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