So wurde in Aachen aus der Graf-Schwerin-Straße der Kornelimünsterweg

Aachens Straßen (Teil 2) : So wurde aus der Graf-Schwerin-Straße der Kornelimünsterweg

Es war das Ende einer Ära: 2007 beschloss der Stadtrat die Umbenennung der Graf-Schwerin-Straße. Der Entscheidung ging eine jahrelange und äußerst emotional geführte Debatte voraus. Die Aachener Historiker Peter Quadflieg und René Rohrkamp hatten daran ihren Anteil.

Die Frage ist simpel, die Antwort dafür umso komplizierter: „Graf von Schwerin: Held oder Nazi?“ So betitelte die Aachener Lokalseite der Bild-Zeitung am 29. Juni 2005 einen Bericht über den ehemaligen Wehrmachtsgeneral Gerhard Graf von Schwerin. Es sind Wörter, die nach Ansicht von Peter Quadflieg für eine Verkürzung der Geschichte stehen, die der Situation in Aachen zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gerecht wird. Gleichzeitig fasst die Schlagzeile treffend eine jahrzehntelange und äußerst emotional geführte Debatte zusammen, die im Herbst 2007 ihren Höhepunkt in der Umbenennung der Graf-Schwerin-Straße in Burtscheid fand.

Die Aachener Historiker Peter Quadflieg und René Rohrkamp waren an dieser Entwicklung maßgeblich beteiligt. Auch wenn sie, wie sie mehr als ein Jahrzehnt später ausdrücklich betonen, als Wissenschaftler keine Empfehlung für oder gegen den Erhalt des Straßennamens ausgesprochen haben. „Das war eine politische Entscheidung“, erinnert sich Quadflieg im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese Entscheidung hing jedoch maßgeblich von einem RWTH-Gutachten vom Mai 2007 ab. „Gerhard Graf von Schwerin und das Kriegsende in Aachen – Ereignis, Mythos, Analyse“ lautet der Titel; die Autoren: Christoph Rass, Peter Quadflieg und René Rohrkamp.

Das Gutachten hatte die Stadt Aachen am 31. Januar 2007 in Auftrag gegeben. Zu dem Zeitpunkt befand sich die Debatte um die Rolle von Schwerins auf ihrem Höhepunkt. Mehrere Anträge forderten die Umbenennung der Graf-Schwerin-Straße. 2005 schrieben die Grünen in einem Ratsantrag, dass es nicht hinnehmbar sei, „einen von Adolf Hitler persönlich hochdekorierten und noch im April 1945 zum General der Panzertruppen beförderten Wehrmachtsgeneral weiterhin mit einer Straßenbenennung als Vorbild zu ehren, der eben keinen Widerstand gegen die Nazidiktatur und Hitlers Krieg geleistet hat“.

Diese Ehrung erfuhr Graf von Schwerin 1963 unter Oberbürgermeister Hermann Heusch. Der Grund: Graf von Schwerin galt als „Retter von Aachen“, weil er Hitlers Befehl, die Stadt bis zum letzten Mann zu halten, verweigerte. So lautet zumindest die Geschichte, die sich über Jahrzehnte hinweg in der Stadtgesellschaft durchgesetzt hat, bis sie in den 1980er Jahren erste Risse bekam, erläutert Rohrkamp, der damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dem Gutachten mitwirkte und heute das Aachener Stadtarchiv leitet. Mit ihrem Gutachten sollten die Historiker belastbare Fakten in eine Debatte bringen, die zunehmend durch Polarisierung geprägt war. „Bei vielen anderen Straßennamen, etwa der Diemstraße, war das Meinungsbild relativ eindeutig“, sagt Quadflieg, „bei der Graf-Schwerin-Straße war das nicht so.“

Eine Umstellung für die Anwohner: Aus der Graf-Schwerin-Straße wurde aufgrund eines Ratsbeschlusses von 2007 wieder der Kornelimünsterweg. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Entsprechend hitzig lief die Diskussion um eine mögliche Umbenennung: in der Bürgerschaft, in der Politik und auch in Leserbriefen in unserer Zeitung. Vor allem die Frage, welche Rolle der Wehrmachtsgeneral bei der Erschießung zweier 14-jähriger Jungen spielte, passte nicht zum Helden-Mythos, der jahrzehntelang sowohl von der Politik als auch von den lokalen Medien befeuert wurde. Heute wissen die Historiker: Schwerin hat zwar den Befehl erteilt, dass Standgerichte eingeführt werden, aber nicht explizit die Erschießung der Jugendlichen veranlasst. Ob er wusste, wie alt die Jungen waren, ist unklar. Über die zwei Toten wurde er aber unmittelbar nach deren Erschießung unterrichtet, so Quadflieg.

Held oder Nazi? Die Antwort von Quadflieg ist eindeutig: weder noch. „Ein Anhänger der NS-Ideologie ist Schwerin nie gewesen. Aber er hat auch nie den Schritt zum aktiven Widerstand vollzogen“, sagt der Historiker, der in seiner Dissertation „Gerhard Graf von Schwerin (1899-1980) – Wehrmachtsgeneral, Kanzlerberater, Lobbyist“ ausführlich mit dem Mythos Schwerins aufräumt.

„Einer der lokalen Bausteine wird plötzlich infrage gestellt. Es geht um eine Wahrheit, die plötzlich nicht mehr wahr ist“ – so zumindest erklärt sich René Rohrkamp die Emotionalität, mit der über die Umbenennung der Straße gestritten wurde. Mehr noch: „In dem Konflikt um die Straße kumulierte eine gesamtgesellschaftliche Diskussion“, ergänzt Quadflieg. Nämlich darum, wie man sich als Stadtgesellschaft mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Und entsprechende Konsequenzen daraus zieht.

Eine dieser Konsequenzen wurde am 22. August 2007 gezogen. Der Rat der Stadt beschloss die Umbenennung der Graf-Schwerin-Straße. Damit folgte die Mehrheit der Politiker der Empfehlung der Verwaltung und der Arbeitsgruppe, die gegründet wurde, um das städtische Straßenverzeichnis nach Personen mit NS-Bezügen zu überprüfen. Drei CDU-Ratsleute stimmten dagegen, vier enthielten sich. Es war das Ende einer Ära. Aus der Graf-Schwerin-Straße wurde wieder der Kornelimünsterweg. Es sollte nicht das einzige Straßenschild sein, das ausgetauscht wurde (siehe Infokasten).

Dass sich die Diskussion um die Erinnerungskultur vor allem auch an Straßennamen entzündet, überrascht Quadflieg nicht: „Straßennamen sind ein Aspekt der öffentlichen Gedenkkultur. Und als solche sind sie immer in der Gegenwart verhaftet.“