Mehr als „nur“ Sprachförderung: So funktioniert Integration auf Augenhöhe

Mehr als „nur“ Sprachförderung : So funktioniert Integration auf Augenhöhe

Adam klettert sehr flink auf den Tisch – von dem Mariele von Detten ihn freundlich wieder herunterhebt. Adams Mutter ist gerade beschäftigt. Sie feilt an einem schwierigen deutschen Satz, den sie gleich sagen will. Da kann man so einen kleinen Wirbelwind wie Adam schon mal aus den Augen verlieren. Schon in diesem Bild zeigt sich die Schwierigkeit von geflüchteten Frauen, die deutsche Sprache zu lernen. Das soll besser werden.

„Sie sind eindeutig benachteiligt. Sie tragen die Hauptverantwortung für die Familie. Ihnen fehlt daher oft die Möglichkeit, einen Sprachkurs zu besuchen. Sprachkurse mit Kinderbetreuung sind wirklich Mangelware“, meint Irmgard Geupel. Weitere Gelegenheiten, mit Deutschen in Kontakt zu kommen, haben sie viel weniger als ihre Ehemänner, die oftmals arbeiten. Geupel hat deshalb 2016 zusammen mit Margret Ragab unter dem Dach der Bürgerstiftung Lebensraum das Projekt „Neuland – Neustart“ ins Leben gerufen. Nur für Frauen.

Drei Gruppen

Drei Gruppen haben sich seither gebildet: in Preuswald, am Driescher Hof und in Herzogenrath. „Wir sind kein Ersatz für einen Sprachkurs“, stellt Ragab klar. „Das wollen wir auch nicht sein. Aber wir trainieren Alltagssprache für den Besuch bei Ämtern, beim Arzt oder einfach nur beim Friseur. Wir üben lesen und schreiben.“ Das gibt den Frauen eine oft lange vermisste Sicherheit. Souad ist zum Beispiel bereits vor acht Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen.

Weil sie sich um vier Kinder kümmert, hat sich ihr Ankommen in der neuen Heimat stark verzögert. „Früher habe ich mich nicht allein zum Arzt getraut. Jetzt gehe ich da allein hin“, kann sie durchaus mit Selbstbewusstsein erzählen.

Eine Art Familienersatz

Auch Masume, vor zwei Jahren aus dem Iran geflohen, freut sich jede Woche auf ihren Termin bei „Neuland – Neustart“. „Zu Hause bin ich immer mit meinem kleinen Sohn allein. Der Kontakt mit den Nachbarinnen ist schwierig.“ Die Gruppe ist vielen eine Art Familienersatz, wie Alaa aus dem Irak erzählt. Gerade Frauen aus Kriegs- und Krisengebieten wie Syrien und Irak freuen sich auch auf den Austausch mit Landsleuten, weil sie viel Traurigkeit mit sich herumtragen. „Dennoch achten wir darauf, dass alle alles verstehen können – und das funktioniert meistens am besten auf Deutsch“, so Geupel.

Die Kursleiterinnen haben nämlich ein deutlich wichtigeres Anliegen als reine Sprachvermittlung: Integration. Und die – da sind sich alle Frauen einig – funktioniert am besten auf Augenhöhe. Deshalb ist den Kursleiterinnen wichtig zu betonen, dass sie nicht nur geben, sondern auch jede Menge von den geflüchteten Frauen bekommen: Beate Beaucamp wollte Menschen in der großen Gruppe der Migranten kennenlernen. Mariele von Dettens Blick wurde durch die Frauen geöffnet: „Sie helfen mir, meine eigenen Gewohnheiten in Frage zu stellen.“

Große Dankbarkeit

Irmgard Geupel bewundert ihre Stärke und Kraft, sich in einem Land mit fremder Sprache und Kultur zurechtzufinden. „Das macht mich sehr dankbar, nicht flüchten zu müssen.“ Margret Ragab entdeckt regelmäßig viele Gemeinsamkeiten unter den Frauen: „Egal aus welchem Land wir kommen, wir ticken doch alle ähnlich.“ Ilham Alhewdry, deutsche Kursleiterin mit irakischer Herkunft, beobachtet mit Genugtuung, dass die Frauen der Gruppe langsam aber sicher auch in ihren Familien gleiche Chancen fordern. „Mir ist es wichtig, sie immer wieder auf ihre Rechte hinzuweisen.“

Doch das ist ein langer Weg. In der Regel stehen die Frauen, wie viele deutsche Frauen auch immer noch, hinter den Bedürfnissen ihrer Ehemänner und Kinder zurück. Männliche Wesen sind auch deshalb allenfalls bis zur Einschulung gern gesehene Gäste. „Ohne Männer lernt es sich einfach leichter. Und die Frauen öffnen sich mehr“, erklärt Ragab.