Sief: So findet die Milch den Weg in die Verpackung

Sief: So findet die Milch den Weg in die Verpackung

Ein wenig skeptisch beäugelt die Milchkuh „Hanuta“ das Treiben in der Melkstation. So viele Zuschauer ist sie normalerweise nicht gewöhnt. Und dann noch die Geräusche. Ausdrücke wie „Ihh“ und „Aha“ schallen durch den Stall, in dem es etwas nass und kahl ist. Bauer Bernd Pitz legt „Hanuta“ und den andern Kühen die Melkmaschinen an und präsentiert schon kurze Zeit später das Resultat: Frische Milch. So schnell und so einfach.

Doch trinken möchte das frische Produkt niemand. „Klar, ist ja auch nicht in einer bunten Verpackung mit Gütesiegel und Mindesthaltbarkeitsdatum“, sagt Bernd Pitz.

Einmal selbst melken

Er kennt diese Art Reaktion. Dass die meisten Konsumenten Milch nur im Karton oder in einer Glasflasche kaufen, führe dazu, dass viele gar nicht mehr wissen, woher das weiße Getränk eigentlich komme und wie es produziert werde.

Deshalb veranstaltet er auf seinem großen Bauernhof regelmäßig kleine Rundgänge, bei denen den Kindern und Jugendlichen das Landleben nähergebracht wird. Auch der familienentlastende Dienst (FeD) der Lebenshilfe besucht das Anwesen mit einer Gruppe Jugendlicher, die hier einen Exkurs zum Thema Nahrungsmittel erhalten. „Immer mehr Menschen mit Behinderung leben ambulant betreut in ihrer eigenen Wohnung und führen ein selbstständiges Leben. Dazu gehört auch, dass sie wissen, wo die Lebensmittel herkommen“, erklärt Renate Adomeit, Geschäftsführerin des FeD.

Und dass einige Besucher in der Tat etwas überrascht waren, als sie sahen, wie die frische Milch aus dem Kuheuter kommt, merkte man an den skeptischen Blicken. „Wir sind so erzogen worden, dass alles, was bei den Menschen aus dem Körper kommt, fies ist. Jetzt sehen die Jugendlichen, dass da unten was rauskommt. Ihr erster Gedanke ist oftmals: Ihh, was ist das denn? Erst nach und nach bauen sie Hemmschwellen ab“, ergänzt Pitz.

Francesca ist so eine, die ihre Scheu überwindet und selbst melkt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Melina merkt sie, dass es gar nicht so schwer ist, Milch aus dem Euter zu gewinnen.

Runterkühlen auf 4 Grad Celsius

120 Milchkühe versorgen Bauer Pitz und seine Frau täglich. Zweimal müssen sie gemolken werden. Dabei können allerdings nur die Kühe Milch geben, die ein Kalb geboren haben. Die frisch gewonnene Milch hat eine Temperatur von 38,5 Grad Celsius, wenn sie in den großen Milchtank kommt, der sie auf vier Grad hinunterkühlt, damit sie nicht schlecht wird. Zudem wird sie jede halbe Stunde umgerührt, bevor sie von der Molkerei abgeholt wird. „Kann man die denn überhaupt trinken, wenn die Milch aus der Kuh kommt?“, fragt ein Jugendlicher. Und ob man das kann. Gesund und nahrhaft ist sie allemal, erklärt der Landwirt.

Für die Jugendlichen der Lebenshilfe ist der Tag auf dem Bauernhof eine echte Bereicherung. Nicht nur, weil sie hier gelernt haben, wie die Milch den Weg in die Packung findet, sie haben auch den kurzen Ausflug aufs Land genossen und gemerkt, dass frisches Essen nicht nur gesund, sondern auch richtig lecker ist.

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