Aachen: Skandal auf Recyclinghof: Herrschte ein System des Drucks?

Aachen: Skandal auf Recyclinghof: Herrschte ein System des Drucks?

Wer einmal mitmacht, hängt tief drin und meint dann, immer weitermachen zu müssen — weil Druck auf ihn ausgeübt wird, weil er möglicherweise sogar erpresst wird. Nach AZ-Recherchen war dies das Prinzip, nach dem das illegale Treiben auf dem Recyclinghof an der Kellershaustraße in Eilendorf funktionierte, bis der Schwindel vor einigen Wochen aufflog und die komplette neunköpfige Belegschaft der Annahmestelle fristlos entlassen wurde.

Der Skandal um den Recyclinghof, in dem alle Mitarbeiter Elektroschrott abgezweigt und auf eigene Rechnung an einen externen Schrotthändler verscherbelt haben sollen, hat hohe Wellen geschlagen. Die AZ-Berichte über den Fall wurden insbesondere im Internet heftig kommentiert, wobei sich nicht wenige Leser darüber wunderten, dass die städtischen Mitarbeiter sofort fristlos entlassen wurden.

In die selbe Kerbe schlägt nun ein anonymes Schreiben, das die AZ-Lokalredaktion in diesen Tagen erreichte. Darin wird ein Vergleich gezogen mit einem anderen pikanten Fall in der Aachener Stadtverwaltung — dem eines ehemaligen Vorsitzenden des Personalrats des Stadtbetriebs und des Gesamtpersonalrats der Stadt.

Bei diesem hatten Wirtschaftsprüfer Anfang 2016 merkwürdige Abbuchungen vom Konto des Personalrats festgestellt, ohne dafür Belege zu finden. Unter anderem fand sich darunter auch eine Überweisung auf ein Privatkonto des Mannes, der sich daraufhin entschuldigte und von einem Versehen sprach. Die Sache wurde mit einer Abmahnung geahndet und zu den Akten gelegt — auch weil man keinen Vorsatz habe feststellen können, wie es damals hieß.

Das sieht diesmal anders aus. Denn als Versehen konnten die Mitarbeiter die illegale Abgabe von Elektroschrott, die ihnen vorgeworfen wird, sicher nicht darstellen. Allerdings spricht nach AZ-Informationen einiges dafür, dass auf dem Recyclinghof mit und mit ein System regierte, in dem massiver Druck auf einzelne Beteiligte ausgeübt wurde und mancher wohl nur weiter mitmachte, weil er seinen Job nicht verlieren wollte.

Dass an der Kellershaustraße offenbar ein System des Drucks herrschte, bestätigt auf Anfrage auch Stadtsprecher Bernd Büttgens. „Nach unseren Erkenntnissen aus den Gesprächen mit den Beteiligten wurde von dem von uns angezeigten Dritten ein entsprechender Druck auf die Belegschaft ausgeübt“, sagt er. Inwieweit dieser dann intern weitergegeben wurde, müssten die weiteren Ermittlungen zeigen. Mit dem „angezeigten Dritten“ ist der Abnehmer des Elektroschrotts gemeint. Wie dieser Druck ausgeübt worden sein soll, dazu will Büttgens nicht näher ins Detail gehen. Allerdings gehört nicht viel Fantasie dazu, sich das vorzustellen. Nach AZ-Informationen soll der Abnehmer Mitarbeitern des Recyclinghofs gedroht haben, sie bei ihrem Arbeitgeber zu verraten, womit sie dann ihren Job verlören. Eben nach dem Motto: Wer einmal mitmacht, hängt mit drin...

Die Aachener Staatsanwaltschaft ermittelt gegen diesen „Dritten“ und gegen vier Mitarbeiter des Recyclinghofs — Letzteres allerdings aus eigener Initiative, wie Büttgens betont: „Wir haben keine Anzeigen gegen unsere Beschäftigten erstattet.“ Laut Aachener Staatsanwaltschaft geht es bei den Ermittlungen um den Verdacht auf Unterschlagung und Diebstahl, es gebe aber auch Hinweise auf Korruptionssachverhalte und Bestechungsdelikte. „Ob es auch Nötigungshandlungen gegeben hat, ist noch nicht bekannt“, sagt Behördensprecher Jost Schützeberg auf Anfrage. „Das müssen die weiteren Ermittlungen zeigen.“

Wie viel Geld der Stadt — und damit den Bürgern — durch die Machenschaften auf dem Recyclinghof entgangen ist, ist nach wie vor unbekannt und wird es wohl auch bleiben. „Das ist sehr schwer zu beziffern, weil Elektroschrott in Tonnage abgerechnet wird“, sagt Büttgens. Da könne man nur Vergleiche zum Vorjahreserlös anstellen, aber genaue Schadenssummen seien so nicht zu ermitteln. Die Höhe des Schadens sei aber auch nicht entscheidend für die Entlassungen gewesen, betont der Sprecher. Dafür seien der „Bruch des Eigentums“ an sich und der „Verlust des Vertrauens in die Belegschaft“ ausschlaggebend gewesen.