Sina Eghbalpour vom Stadtsportbund Aachen im Interview

Inklusion beim Stadtsportbund : Sport? Das ist auch mit Handicap möglich.

Sina Eghbalpour ist Inklusionsmanagerin beim Stadtsportbund und zeigt, was mit Handicap alles möglich ist. In den kommenden drei Jahren hat sie viel vor – und sie hat jetzt auch die Möglichkeiten dazu.

Sina Eghbalpour kann durchstarten. Sie lächelt bei dem Gedanken an die kommenden drei Jahre, denn die Chancen stehen sehr gut, dass sie noch erfolgreicher werden als die vergangenen beiden. Und das war mit Blick auf ihre beruflichen Anfänge nicht selbstverständlich. Sina Eghbalpour ist Sport-Inklusionsmanagerin beim Stadtsportbund in Aachen. Die junge Frau sitzt wegen ihrer Glasknochenkrankheit selbst im Rollstuhl und weiß auch deshalb genau, wie lang der Weg zur wirklichen Inklusion noch ist. „Ich wäre glücklich, wenn wir diesen Begriff irgendwann gar nicht mehr brauchten“, sagt die 26-Jährige. Dabei hat sie selbst seit Januar 2017 enorm dazu beigetragen, dass ein gutes Stück auf dem Weg zur Inklusion Behinderter bewältigt ist. In den kommenden drei Jahren hat Sina Eghbalpour viel vor – und sie hat jetzt auch die Möglichkeiten dazu. Was sie alles bewegen will, welche Möglichkeiten der Sportbereich zur Inklusion bietet und was sich in unserer Gesellschaft hin zu einer selbstverständlichen Teilhabe von Menschen mit Handicap am Sport noch ändern muss, erzählt sie im Interview mit Redakteur Hans-Peter Leisten.

Was hätten Sie geantwortet, wenn Ihnen jemand vor zwei Jahren Ihren heutigen Status Quo vorausgesagt hätte?

Eghbalpour: Ich hätte ihn wahrscheinlich müde angelächelt. Die Entwicklung der letzten Jahre und vor allem Wochen ist wie ein wahr gewordener Traum. Ich habe so viel Energie, Gedanken und Zeit in die Konzeption für unser neues Projekt gesteckt. Mein Vertrag als Sport-Inklusionsmanagerin war schließlich zunächst auf zwei Jahre befristet.

Und ist jetzt verlängert?

Eghbalpour: Ich habe einen neuen Arbeitsvertrag. Als ich im Januar 2017 angefangen habe, war die Stelle, die ich im Rahmen eines Projektes des Deutschen Olympischen Sportbundes bekommen habe, auf zwei Jahre befristet. Im ersten Halbjahr hat mich die Befristung nicht so sehr belastet. Da musste ich mich erst mal orientieren. Dann stellten sich aber tolle Erfolge ein, und der Gedanke, dass diese Arbeit nach zwei Jahren nicht weitergehen würde, war schon schwer und vor allem frustrierend. Mir wurde schnell klar: Wir können das schaffen, wenn wir ein gut fundiertes und ausgearbeitetes Konzept entwickeln.

Und jetzt?

Eghbalpour: Wir haben es tatsächlich geschafft! Der Stadtsportbund Aachen kann mich weiterhin mit Hilfe einer Förderung über die Ak­tion Mensch als Sport-Inklusionsmanagerin für die nächsten drei Jahre beschäftigen. Den Eigenanteil, den der Stadtsportbund Aachen leisten muss, gilt es allerdings noch zu stemmen!

Wann wird man etwas davon lesen oder hören?

Eghbalpour: Sehr bald. Schon am 25. Februar. Dann gibt es im Forum M der Mayerschen die Auftaktveranstaltung (siehe Zusatzbox). Wir haben das Projekt „Inklusion im Sport – gemeinsam stark für Aachen“ ins Leben gerufen.

Was verbirgt sich dahinter?

Eghbalpour: Es geht darum, die Teilhabe am Sport für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Durch unsere wissenschaftliche Erhebung sollen die Bedarfe und Bedürfnisse ermittelt werden: Was brauchen diese Menschen? Fehlt es an Fahrdiensten? Stimmen die Angebote? Welche Stellschrauben müssen im Freizeitbereich verändert werden? Dazu müssen wir auch die Sportvereine und öffentlichen Strukturen unter die Lupe nehmen. Die ganzen Erhebungen müssen wissenschaftlich begleitet und analysiert werden.

Wie kommen Sie an die vielen Menschen ran, die für eine wissenschaftliche Erhebung nötig sind?

Eghbalpour: Über ein Netz von Kooperationspartnern aus der Stadt Aachen: Einrichtungen der Behindertenhilfe, Wohnheime, Werkstätten der Behinderteneinrichtungen, Selbsthilfestrukturen, Elterninitiativen, Behindertenbeirat, Bildungseinrichtungen, Ämter und kommunale Institutionen. Das erste Jahr des dreijährigen Projektes ist für diesen Netzwerkaufbau vorgesehen, in das auch die Sportvereine und die Bürger gehören. Menschen mit Behinderung sollen ihren Sozialraum in Aachen aktiv mitgestalten können. Dazu werden wir sehr differenzierte Fragebögen entwickelt, denn diese müssen auch die Menschen mit Sehbehinderungen und geistigen Behinderungen ausfüllen bzw. verstehen können. Diese werden dann an die Menschen mit Behinderungen, an die Sportvereine und an die betreffenden öffentlichen Stellen in der Stadt verschickt.

Können Sie die wissenschaftliche Begleitung allein leisten?

Eghbalpour: Das geschieht in Zusammenarbeit mit Professorin Dr. Schirra-Weirich von der Katholischen Hochschule in Aachen, wo ich studiert habe, und durch Prof. Dr. Thomas Abel von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er hat an der Deutschen Sporthochschule Köln die erste Professur für paralympischen Sport eingerichtet. Demzufolge liegt sein Forschungsschwerpunkt im Bereich des Sports von Menschen mit Behinderung. Für mich persönlich hat die wissenschaftliche Erhebung eine weitere besondere Bedeutung, durch die ich noch stärker eingebunden bin.

Das bedeutet?

Eghbalpour: Für mich einen großen Glücksfall: Ich kann über das Thema gleichzeitig meine Doktorarbeit schreiben, was mich ungemein freut. Die kommenden drei Jahre sind also nicht nur mein Job, sondern auch mein Herzensprojekt.

Wäre das auch losgelöst von den vergangenen zwei Jahren möglich gewesen?

Eghbalpour: Ganz sicher nicht. In dieser Zeit haben mich viele Leute kennengelernt, viele fragen bei uns nach und lassen sich beraten, zudem qualifizieren wir auch die Übungsleiter in Fragen rund um das Thema Inklusion im Sport. Ich verstehe mich gegenüber den Vereinen auch als Türöffner für unsere Idee. Und umgekehrt als Türöffner für Vereine mit Blick auf Möglichkeiten und Angebote. Die Tür für diese Ideen ist jetzt einen Spalt offen, aber es ist noch ganz viel Luft nach oben.

Wie können Sie den Vereinen weiterhelfen?

Eghbalpour: Jeder Sportverein kann zum Beispiel 5000 Euro für einen barrierefreien Umbau seiner Sportstätte beantragten – wir helfen gerne bei den Anträgen. Wir müssen neue Angebote schaffen, Grundvoraussetzung dafür sind qualifizierte Übungsleiter. Wir werden in den nächsten drei Jahren neue Fortbildungen und Beratungsangebote entwickeln. Rollstuhlbasketball zeigt, wie gut es gelingen kann: Das ist die perfekte Inklusionssportart, bei der Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt mitei­nander Sport treiben können. Auch jeder Mensch ohne Handicap kann sich in den Rolli setzen und mitmachen.

Sehen Sie sich selbst als Beweis für gelungene Inklusion?

Eghbalpour: In den vergangenen zwei Jahren ist enorm viel passiert, auch seitens meines Arbeitgebers. Björn Jansen, Vorsitzender des Stadtsportbundes, hat sich unheimlich für mich eingesetzt. Hier in der Nadelfabrik haben jetzt alle Türen auf dem Weg zur Geschäftsstelle elektrische Öffner, ich habe in meinem Büro eine Liege zum Ausruhen, einen höhenverstellbaren Schreibtisch und angepassten Stuhl. Ganz besonders wichtig ist meine Arbeitsassistenz für mich. Nur durch diese Unterstützung kann ich an Terminen außerhalb des Büros, bundesweiten Austauschtreffen, Dienstreisen und Fortbildungen teilnehmen. Das alles zeigt, dass eine vollwertige Beschäftigung auch für Menschen mit Behinderung möglich ist – auch wenn man sich durchkämpfen muss.

Woher nehmen Sie die Kraft?

Eghbalpour: Es wäre in der Tat für mich schlimm gewesen, wenn es nicht weiter gegangen wäre. Es gab Rückkopplungen aus den Vereinen, die mir signalisierten, dass ich für sie sehr wichtig sei. Es gab einen beispielhaften emotionalen Moment beim Minisportabzeichen-inklusiv: Ein kleines Mädchen kam mit Beinschienen zu mir, und ich erzählte ihr, dass ich diese als Kind auch tragen musste. Inzwischen kann ich aber dank Behandlung und viermal Physiotherapie pro Woche immer besser laufen. Und das Mädchen sagte zu mir: Das will ich auch schaffen. So etwas gibt einem Kraft für den in der Tat kräftezehrenden Alltag. Wenn zu einer 40-Stunden-Woche Dienstreisen, Physiotherapie und Lauftraining kommen, dann ist das nicht immer einfach. Aber es lohnt sich. Ich hatte Glück und ein gutes Konzept. Ich schaffe das alles, weil das Projekt ein echtes Herzensanliegen ist.

Und Sie vorerst die Finanzierung gesichert haben.

Eghbalpour: Beim Thema Inklusion heißt es immer: Wir haben kein Geld, wir haben kein Geld… Kein Geld?! Es geht hier nicht um den Kauf eines Pullis. Inklusion ist ein Menschenrecht, aber von der Erkenntnis ist unsere Gesellschaft noch sehr weit entfernt. Die Töpfe dafür müssen da sein, hierfür muss sich Politik stark machen. Es ist so traurig, dass viele Menschen mit Behinderung keinen Job finden. Aber das motiviert mich weiter auf dem Weg zu meinem Ziel: ein Leben ohne Ausgrenzung!

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