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400 Jahre Elisabethinnen in Aachen: Sie haben Kriege, Seuchen und den großen Stadtbrand überstanden

400 Jahre Elisabethinnen in Aachen : Sie haben Kriege, Seuchen und den großen Stadtbrand überstanden

Mit einem großen Fest-Wochenende feiern die Elisabethinnen im Aachener Mutterhaus ihren runden Geburtstag. Sie erinnern an Zeiten von Pest und Krieg und blicken in eine ausbaufähige Zukunft.

Rund um das Anwesen am Preusweg in Aachen blühen und duften die Rosen, eine zarte Erinnerung an Elisabeth, Markgräfin von Thüringen, die im 13. Jahrhundert für ihre fromme Mildtätigkeit berühmt war. Oft wird sie mit einem Korb voller Rosen dargestellt. Seit 400 Jahren fühlen sich die „Hospitalschwestern der heiligen Elisabeth vom Dritten Orden des heiligen Franziskus“ – in prägnanter Kurzform „Elisabethinnen“ genannt – der Heiligen verbunden.

Ganz besonders zeigt sich das in der Hinwendung, dem konkreten Da-Sein für alle Menschen, die bis heute unter anderem im Mutterhaus am Preusweg 2 willkommen sind – als Mitbewohnerinnen und Mitbewohner in der Kloster-Wohngemeinschaft, als Gäste beim Angebot für Wohnsitzlose (täglich rund 60 Essen bei „Plönns Jaastes“) oder der Arbeit im „Klosterstift Radermecher“, das von den Aachener Caritas Diensten geleitet wird.

Die Aachener Bürgerstochter Apollonia Radermecher (1571-1626) hat bereits vor 1622 nicht weggeschaut, als sie Not und Elend sah. Ende des 16. Jahrhunderts floh die Familie aus den Glaubensunruhen ins niederländische ’s-Hertogenbosch, wo Apollonia als 40-Jährige ein Haus kaufte und zusammen mit anderen gläubigen Frauen gebrechliche und kranke Menschen pflegte. Als der Stadtrat sie nach Aachen zurückrief und ihr die Leitung des „Städtischen Armenspitals Gasthaus“ und späteren Vinzenzhospitals am heutigen Münsterplatz (Gebäude der Sparkasse Aachen) als „Gasthausmeisterin“ ans Herz legten, kam es zur Ordensgründung.

Heute gibt es mit weltweit rund 1000 Ordensfrauen noch 14 Elisabethinnen-Gemeinschaften in sieben mitteleuropäischen Ländern, sowie eine Gemeinschaft in Kanada. In Aachen leben 19 Schwestern im Alter von 55 bis 96 Jahre mit ihrer Generaloberin Schwester Marianne Liebl.

„Durch unsere pflegerische Ausbildung könne wir die älteren Schwestern selbst betreuen, in anderen Einrichtungen sind wir Angestellte“, erklärt Ökonomin und Generalvikarin Schwester Johanna, bei einem von Marliese Kalthoff, Pressereferentin des Bischofs, geleiteten Gespräch. „Das ist gut für unsere Finanzen. Die Elisabethinnen haben selbst keine Einrichtungen gegründet, das ist dem Orden bekommen.“

Zum 400. Geburtstag feiert man gemeinsam mit Ordensfrauen aus diversen internationalen Gründungen (unter anderem aus Österreich und Polen) ein fröhliches Wochenende in Aachen, wo in der Krypta seit 1937 die Gebeine der Ordensgründerin ruhen. Einer der Höhepunkte: das Pontifikalamt mit Bischof Helmut Dieser im Aachener Dom. Er blickt zurück in die Zeit der ersten „organisierten und systematisierten Krankenpflege“ Apollonias und ihrer Mitstreiterinnen im „Gasthaus“, das Apollonia von Grund auf renovierte.

„1622 war ein Jahr der Heiligtumsfahrt, und unter Pilgerinnen und Pilgern brach eine Epidemie aus, wahrscheinlich die Pest“, berichtet Dieser. Der Sorglosigkeit, mit der die heutige Gesellschaft Fortschritte in der Medizin feiere, stellt er eine anhaltende „Not“ entgegen, der sich die Ordensfrauen aktuell annehmen: Einsamkeit. „Das ist die Not unserer Zeit, ein Leid, das deutlich zunimmt“, weiß Schwester Marianne aus täglicher Erfahrung. In der „tätigen christlichen Liebe“ brauche man heute weiterhin dringend „Gründerinnen und Gründer, die als Gerufene Antwort geben, wie Mutter Apollonia“, sagt der Bischof.

Beim Empfang im Haus am Preusweg, musikalisch umrahmt von Steffen Thormälen (Schlagzeug), Werner Lauscher (Kontrabass) und Arne van Coillie (Klavier), bei dem zudem Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen gratuliert, gibt es gute Gelegenheiten, in die turbulente Geschichte der Elisabethinnen einzutauchen, unter anderem durch die von Theologin und Journalistin Angela Reinders verfasste neue Chronik der Ordensgemeinschaft unter dem Titel „Ihn anschauen und für die Menschen da sein“ (Einhardverlag Aachen, 344 Seiten, 24,90 Euro).

Im Gespräch mit Sabine Mathieu, Stadtführerin in Aachen und Moderatorin der Veranstaltung, erläutert sie den dramatischen, geradezu filmreifen Kampf der Schwestern ums Überleben – Seuchen, Hunger, Stadtbrand, Kriege, Enteignung durch Napoleons Truppen. Als 1937 das Gebäude am Preusweg bezogen wird, hat man die Schwestern erneut vertrieben. Polizei, Gestapo und Funktionäre der Waffen-SS ziehen ein. Dann ist der Krieg vorbei, die Schwestern kommen zurück, machen mühsam weiter, nehmen obdachlose Aachener und Flüchtlinge auf.

Eine unglaubliche Geschichte kommt aus dieser Zeit. Die Monstranz, gestiftet von Apollonia Radermecher und gefertigt vom Aachener Goldschmied von Rath, hat in den Wirren 1941 ein Offizier mitgehen lassen und sie in St. Pölten einer Bauernfamilie zur Aufbewahrung gegeben – er kam nicht zurück, die Kostbarkeit stand bald im Museum. Bei Recherchen zu ihrer RWTH-Promotion über die Aachener Goldschmiedefamilie von Rath (1975) entdeckt Herta Lepie (damals noch Herta Schmitz-Cliever), 1978 bis 2003 Leiterin der Domschatzkammer/Abteilung Goldschmiedekunst Aachen, die von Rath-Monstranz, die schließlich 1998 nach komplizierten Verhandlungen zum Orden zurückkehren kann.

Wie geht es weiter? „Wir brauchen für unsere Hilfsprojekte mehr als Obst und Gemüse“, betont Schwester Johanna. So gibt es Pläne, im Bereich des Klostergartens Bauten für unterschiedliche Wohnformen zu schaffen, einen neuen Studienort der Katholischen Hochschule (Katho), sowie Wohngemeinschaften für Hilfsbedürftige, getragen vom Franziskanischen Sozialwerk Johannes Höver. Mit großem Optimismus geht der Orden ans Werk – und verbreitet dabei Freude und Hoffnung, wie vor 400 Jahren.

www.elisabethinnen.de.