Aachen: Sie gibt Menschen erste Hilfe zur Selbsthilfe

Aachen: Sie gibt Menschen erste Hilfe zur Selbsthilfe

Dr. Carmelita Lindemann ist eigentlich Sozialwissenschaftlerin, hat in Geschichte promoviert. Seit Januar ist sie aber die Leiterin der AKIS — der Aachener Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe. Jetzt hat sie Themen auf dem Tisch wie Borderline, Esssucht oder Dystonie. Dass das kein Bruch mit ihrem vorherigen Berufsleben bedeutet, erzählt sie im AZ-Interview.

Es gibt fast 200 Selbsthilfegruppen in der Städteregion Aachen…

Lindemann: 196, um genau zu sein.

Von A wie ADHS bis W wie Wachkoma. Selbst Schüchterne tun sich zusammen. Begegnen Ihnen immer noch Krankheiten oder Leiden, die Ihnen bis dahin nicht bekannt waren?

Lindemann: Da ich die Aachener Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (AKIS) erst im Januar übernommen habe, waren die vergangenen elf Monate in Bezug auf Krankheiten ein täglicher Lernprozess. Ich bin jeden Tag nach Hause gegangen und habe gedacht: Mir geht es wirklich gut.

Ist das immer Ihre Reaktion? Oder fühlen Sie sich manchmal auch schon ganz schlecht?

Lindemann: Nein. Ich war immer froh, dass es mir gut geht und auch in Bezug auf meine Kinder. Es gibt ja auch eine ganze Menge Selbsthilfegruppen, die sich auf chronische Krankheiten bei Kindern beziehen. Aber auch da bewegt sich immer alles im grünen Bereich.

Wieso haben Sie die AKIS übernommen?

Lindemann: Ich bin seit einigen Jahren pädagogische Mitarbeiterin der Aachener Volkshochschule. Zuletzt habe ich hier ein großes Projekt zur Einwanderungsgeschichte betreut. Von Haus aus bin ich Sozialwissenschaftlerin und promovierte Historikerin — man möchte denken, etwas, was gar nicht zur AKIS passt. Aber Selbsthilfegruppen hängen eng mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen. Und das ist etwas, das ich aus vielen Projekten bereits kenne. Deshalb habe ich gern zugesagt, als ich gefragt wurde, ob ich die frei werdende Stelle übernehmen würde. Auch weil ich die Volkshochschule als Bildungseinrichtung sehr schätze.

Wirkt sich Ihre bisherige Berufserfahrung auf die Ausrichtung der AKIS aus?

Lindemann: Zunächst war ich überwältigt von den Inhalten. Aber im Bereich Projekte habe ich bereits einiges anstoßen können. Als nächstes nehme ich mir den Bereich Bildung vor. Da möchte ich — in der guten Tradition der Volkshochschule stehend — Vorträge im Bereich Gesundheit, Psychologie, Pädagogik anbieten. Durch die bestehenden Vortragsangebote kann ich auch auf viele versierte Referenten zurückgreifen, wenn die Gruppen nicht selbst Referenten kennen. So können die Teilnehmenden der Selbsthilfegruppen über die Beschäftigung mit sich selbst hinaus ihr Thema ganzheitlich betrachten. Das ist mir ein wichtiger Aspekt, denn die Verortung der AKIS in der Volkshochschule ist eine Chance.

Ist es denn so ungewöhnlich, dass die Kontaktstelle für Selbsthilfe in der VHS zu finden ist?

Lindemann: Das ist schon ein Unikum. In anderen Städten ist die AKIS beim Gesundheitsamt oder auch beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) angesiedelt. Manche unterstehen auch direkt dem Bürgermeister und sind dann gesplittet mit der Betreuung von Ehrenamt. Dort sind die Schwerpunkte sicher auch anders.

Was veranlasst Menschen, sich in Selbsthilfegruppen zu organisieren?

Lindemann: In Selbsthilfegruppen können sich Betroffene auf Augenhöhe mit Leidensgenossen treffen. Denn sie stellen unweigerlich fest, dass das Interesse im sonstigen sozialen Netz — Familie, Freunde, Verein — irgendwann abebbt. Zum Beispiel jemand mit chronischen Schmerzen hat eben immer Schmerzen. Damit können aber nicht alle in der Umwelt permanent gut umgehen, ohne es böse zu meinen. Dann ist es gut, Menschen zu treffen, die das gleiche Thema betrifft. Dort kann man sich fallen lassen, darf auch jammern. Bei Kontakten mit anderen — selbst bei Ehepartnern — tun sich Grenzen auf. Außerdem stellen viele fest, dass irgendwann ein Punkt in Diagnose und Therapie erreicht ist, an dem es nicht weiter geht. In Selbsthilfegruppe können sie unter Gleichen Informationen und Wissen austauschen.

Sind alle Selbsthilfegruppen gleich organisiert?

Lindemann: Selbsthilfegruppen sind sehr unterschiedlich. Es gibt viele, die in Vereinsstrukturen organisiert sind, oft auch einem Bundesverband angehören. Zum Beispiel der Blinden- und Sehbehindertenverband oder die Lebenshilfe. Über das Gesprächsangebot unter Gleichen hinaus können diese großen Institutionen auch professionelle Beratung anbieten. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die Gruppen, die maximal 15 Teilnehmende haben und sich nur für sich treffen. Zum Beispiel die Gruppe „Soziale Phobie“, die sich Anfang des Jahres gegründet hat. Die Teilnehmer besprechen Themen, die sich aus den Zusammenkünften heraus ergeben, trainieren zusammen, den Alltag zu meistern.

Wie viele Menschen sind in der Städteregion Aachen in Selbsthilfegruppen organisiert?

Lindemann: Darüber gibt es keine Zahl. Wir fragen das auch nicht ab. Auch nicht alle Gruppen wollen in unserer Datenbank gelistet sein.

Warum?

Lindemann: Manche wollen nicht gefunden werden, weil die Gruppe gut miteinander funktioniert. Sie wollen keine neuen Teilnehmenden aufnehmen.

Wie finanziert sich die AKIS?

Lindemann: Vor allem fördern die Krankenkassen seit 30 Jahren die Selbsthilfe. Die Personalkosten der AKIS — für meine Stelle und eine Verwaltungskraft — werden von den Krankenkassen stark bezuschusst. Das Land trägt einen kleinen Teil dazu bei, den Rest übernimmt die Volkshochschule als städtischer Eigenbetrieb.

Warum engagiert sich die Stadt als übergeordnete Instanz bzw. die Volkshochschule im Bereich der Selbsthilfe?

Lindemann: Da muss man gut 30 Jahre zurückgehen. Das war eine Zeit, in der bürgerschaftliches Engagement stark zunahm und daraus auch viele Selbsthilfegruppen entstanden. Sechs davon wandten sich damals an die Volkshochschule zunächst auf der Suche nach Räumen und schließlich mit der Bitte, ein Kontaktbüro einzurichten. 1985 wurde es in AKIS umbenannt. Der Grund liegt wohl in der Anerkennung der Selbsthilfe neben Diagnose, Therapie und Rehabilitation als vierte Säule der Gesundwerdung. Aachen hat wie über 200 Städte in Deutschland dies als Aufgabe für sich identifiziert und die AKIS eingerichtet. Die Initiative ging aber tatsächlich von der Volkshochschule aus.

Was passiert, wenn jemand eine Selbsthilfegruppe gründen möchte?

Lindemann: Ich unterstütze auf verschiedenen Ebenen: Öffentlichkeitsarbeit ist ganz wichtig. Eine Anbindung an eine Institution ist hilfreich — in Fall einer Gruppe „Dystonie“ befürwortete ein Arzt bei der Uniklinik stark die Gründung der Selbsthilfegruppe. Das hatte den Vorteil, dass er wiederum viele Betroffene informiert hat. Ich habe für die Veröffentlichung des Gründungstermins gesorgt. Die ersten Treffen begleite ich, gebe Unterstützung in Sachen Gruppenleitung, Kommunikation. In diesem Fall konnten sich die Gruppenmitglieder schnell auf die wichtigen Punkte einigen: Wahl des Gruppensprechers, der den Kontakt zu uns hält, Treffpunkt, Häufigkeit der Treffen, Inhalte.

Gibt es Krankheiten, die nicht für die Selbsthilfe geeignet sind?

Lindemann: Die Frage habe ich mir noch nicht gestellt und will sie mir auch nicht stellen, bevor ich es nicht versucht habe. Aber manchmal ist es wirklich sehr schwierig. Seit Monaten bin ich zum Beispiel dabei, eine Gruppe „Borderline“ zu initiieren. Es ist mir noch nicht gelungen, obwohl es sehr viele Nachfragen gibt.

Die Gründungsphase ist also die Zeit, in der Sie aktiv beteiligt sind?

Lindemann: Die AKIS hat auch die Aufgabe der Krisenintervention. Es kommt immer wieder vor, dass Gruppenmitglieder Schwierigkeiten miteinander haben. Das ist ja nur menschlich. Auch hier habe ich jetzt die Verbindung zu einem Projekt hergestellt. Durch das „Netzwerk Psychische Gesundheit“ können wir Gruppen aus diesem Themenspektrum professionelle Supervision vermitteln.

Wenn man „nur“ einen Platz in einer Gruppe sucht, ist man bei der AKIS auch an der richtigen Stelle?

Lindemann: Da ist man genau an der richtigen Stelle! Im Schnitt fragen 35 Menschen pro Monat bei mir nach einer Gruppe an. Wenn ich allerdings nicht in eine bestehende Gruppe vermitteln kann, versuche ich die Menschen schon zu animieren, eine Gruppe zu gründen. Da bin ich zum Beispiel gerade beim Thema „Stalking“ dabei.

Was keine Krankheit ist…

Lindemann: Richtig, aber Selbsthilfe reagiert ganz stark auf gesellschaftliche Veränderung. Mobbing und Stalking macht die Betroffenen seelisch krank. Die meisten sind in Therapie. Dennoch sind sie in Depressionsgruppen nicht richtig aufgehoben. Sie brauchen eine Gruppe, in der es nur um ihr Thema geht.

In wieweit reagiert Selbsthilfe denn auf gesellschaftliche Veränderung?

Lindemann: Wenn man die Liste der Gruppen aus dem Jahr 1994 zum Vergleich heranzieht, gab es damals zum Beispiel noch eine Gruppe „Ausländische Mitbürger/Mitbürgerinnen“. Die gibt es heute nicht mehr. Dafür sind viel mehr Gruppen entstanden, die mit Überlastung zu tun haben. Insgesamt ist die Zahl der Gruppen zu psychischen Erkrankungen stark gestiegen. Gesellschaftliche Veränderungen setzen Akzente — auch in der Landschaft der Selbsthilfe.

Ihnen begegnen hier immer Menschen, die ein Problem haben — Sucht, Krankheit, Einschränkung, sicher auch Verzweiflung. Wo tanken Sie die Kraft, hier täglich fröhlich hinzukommen?

Lindemann: (lacht) Bei meiner Familie — ich habe zwei Kinder —, bei meinen Freunden. Und ganz wichtig ist mir der Sport: Rennrad fahren, Fitness, Tanzen. Ich gehe regelmäßig Salsa tanzen. Und wenn die Musik beginnt, ist alles andere weg.

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