Selbstversuch: Mama mit zwei Kinder beim CHIO in Aachen unterwegs

Wie kindertauglich ist die Soers? : Mit Kindern durchs CHIO-Gewusel

Wenn beim CHIO erstklassiger Reitsport gezeigt wird, dann strebt „Tout Aachen“ in die Soers. Und viele bringen ganz selbstverständlich den eigenen Nachwuchs mit, die nächste Generation Reitsportfans gewissermaßen. Doch wie ergeht es Kind und Kegel in den Massen, die in die Soers streben? Wie kinderfreundlich ist der CHIO?

Wir wollten es genau wissen, und darum bin ich mit meinen beiden Töchtern losgezogen. Antonia ist neun Monate alt und erlebt ihren ersten CHIO, Julia ist sechs Jahre alt und im Grunde bereits ein erfahrener CHIO-Besucher, weil auch ich den Nachwuchs immer ganz selbstverständlich mit zum Turnier genommen habe. Kein Wunder, dass Julias Lieblingstiere Pferde sind.

Und die will sie sehen, ganz viele. Zu ihrem großen Entzücken sehen wir bereits die ersten Pferde bevor wir die Stadien überhaupt erreicht haben. Am Eulersweg kreuzen gleich mehrere Tiere mit ihren Reitern. Auf dem Parkplatz angekommen, packe ich den Kinderwagen voll: Sonnenschutz, Regenplane, Wickeltasche sowie eine weitere Tasche mit Essen für Antonia. Dann rollen wir los. Einen eigenen Buggy hätten wir übrigens gar nicht gebraucht, die Aseag, die am Kreisverkehr vor dem Haupteingang einen Informationsstand hat, verleiht dort gegen 20 Euro Kaution auch Buggys. Ein netter Service, den laut Aseag dieses Jahr zwar noch nicht so viele Besucher genutzt hätten, doch vergangenes Jahr sei die Nachfrage größer gewesen.

Wir sind aber versorgt und streben dem Eingang entgegen. Für Kinderwagen und Rollstühle gibt es eine eigene Passage und so sind wir fix durch, trotz Taschenkontrolle.

Danach geht es gleich Richtung Hauptstadion, denn Julia möchte ja Pferde sehen. Ich mache mir derweil ein wenig Sorgen, was passiert, wenn mir Julia in dem Gewusel, das überall herrscht, verloren geht. Andere Eltern sind da weiter als ich, immer wieder sehe ich Kinder, auf deren Armen fett mit Filzstift eine Handynummer aufgemalt ist. Ich habe jetzt keinen Filzstift zur Hand und darum erkläre ich Julia – jetzt bestimmt zum dritten Mal – dass sie unbedingt bei mir bleiben muss. Sie nickt verständnisvoll. Antonia sitzt derweil gemütlich in ihrem Kinderwagen und betrachtet, was um sie herum geschieht.

Ich schiebe den Wagen weiter, was auf den gepflasterten Wegen kein Problem, auf den Wegen mit Schotter ein wenig mühseliger ist. Im Hauptstadion sieht dann Julia endlich wieder Pferde, Antonia, die ich mal aus dem Kinderwagen nehme, interessiert sich mehr für das blaue Band meiner Akkreditierung und ich beobachte andere Eltern. Es sind wirklich viele an diesem Morgen im Stadion. An der Werbebande steht eine ganze Riege Kinderwagen und Buggys. Manche sind mit ganz kleinen Babys unterwegs, die in Tragetüchern an Mamas oder Papas Bauch gekuschelt sind.

Gekuschelt wird bei uns jetzt nicht. Antonia muss etwas essen, wir suchen einen Platz auf einer Bank und während ich Antonias Fläschen fertig mache, will auch Julia etwas trinken. Jetzt wird es schwierig, ich kann Julia noch nicht alleine zum Getränkestand schicken, und noch ist Antonia nicht fertig. Julia muss sich gedulden, was sie überhaupt nicht mag und auch unmissverständlich zeigt. Anders geht es aber nicht und kurze Zeit später hat Julia ihre Apfelschorle. Jetzt braucht Antonia noch eine frische Windel – kein Problem auf dem Gelände gibt es fünf Wickelräume. Wir suchen den nächsten auf, doch die Tür ist abgeschlossen. Und jetzt? Das soll so sein, erfahre ich kurz darauf bei der Servicekraft auf der Damentoilette, die mir den Raum umgehend aufschließt. So könne sie dort nach dem Rechten sehen und tauscht auch prompt den Müllbeutel.

Julia will Pferde sehen. Davon gibt beim CHIO gottlob reichlich. Foto: Harald Krömer

Nach dem Wickelstopp erkunden meine Mädchen und ich die Zeltstadt. Es ist voll und ich muss ein wenig aufpassen, niemanden mit dem Kinderwagen in die Haken zu fahren. Irgendwann erklärt Julia, dass sie hungrig sei und so gönnen wir uns eine Portion Reibekuchen. Einen freien Sitzplatz, um unser Essen gemütlich zu verspeisen, finden wir jetzt nicht mehr. Mittlerweile ist Mittagszeit und viele Menschen möchten etwas essen. Außerdem bin ich wegen des großen Kinderwagens gehandicapt. Wir müssen also im Stehen essen und suchen uns dafür abseits des Trubels ein schattiges Plätzchen. Es ist nämlich warm geworden, unsere Jacken haben wir längst ausgezogen und alsbald muss ich Antonias Sonnensegel am Kinderwagen anbringen. Die Kleine ist erkennbar müde und schläft schließlich ein.

Davon ist Julia freilich weit entfernt, sie möchte jetzt – endlich – zum Roby Club. Dort können Kinder zwischen vier und zwölf Jahren betreut von geschulten Personal spielen, während ihre Eltern weiter den sportlichen Ereignissen folgen oder über das Turniergelände schlendern können. Vorausgesetzt, der Nachwuchs möchte auch alleine im Roby Club, der sich auf der Rückseite der Stawag-Tribüne befindet, bleiben. Julia möchte das nicht. Sie möchte aber ein CHIO-Glitzertattoo haben. Das möchten andere Kinder auch und so muss Julia warten. Und ich muss warten, denn natürlich bringe ich es nicht übers Herz sie dort alleine zu lassen. Und so warten wir gemeinsam. Weil aber richtig viele Kinder vor Julia dran sind, dauert das eine ganze Stunde. Dasselbe Kind, das nur wenig vorher keine fünf Minuten auf eine Apfelsaftschorle warten konnte, sitzt nun mit einer Engelsgeduld in der Reihe bis endlich auch auf ihrem Arm das CHIO-Logo glitzert.

Viel später, kurz bevor Julia ins Bett muss, frage ich sie, wie ihr der Tag gefallen habe. Statt einer Antwort bekomme ich ein strahlendes Lächeln und einen Kuss. Ich werte dies als gutes Zeichen und weiß, dass der CHIO längst einen weiteren Fan gewonnen hat. Und der nächste folgt sicher auch.