Aachen: Sechs Stunden Drahtseilakt über dem Pontviertel

Aachen: Sechs Stunden Drahtseilakt über dem Pontviertel

Wehmütig schaute Herbert Kinzel vom Kirchenvorstand der Gemeinde Franziska von Aachen am Samstagmorgen in die Luft, wo in schwindelerregenden 60 Metern Höhe ein Dachdecker gerade dabei war, das Turmkreuz der Kirche Heilig Kreuz in der Pontstraße aus der Befestigung herauszureißen.

Stürme brachten das Kreuz zuletzt in Schieflage, so dass es nun abgenommen werden sollte, um es zu überarbeiten und eine neue Befestigung auszumessen.

„Die Bergung des Kreuzes wäre schon ein Stück Identitätsverlust für uns, aber anders scheint es wohl nicht zu gehen”, sagte Kinzel, auch Baubeauftragter der 1902 gebauten Kirche. Zum Identitätsverlust kam es nach sechs Stunden Drahtseilakt auf dem Kirchturm dann doch nicht: Das Kreuz bleibt vorerst oben.

„So ein Eingriff ist schon eine emotionale Sache. Das Besondere an dem Kreuz ist, dass man es hier in der Umgebung nahezu aus allen Winkel sieht”, meinte Architekt Mathias Paulssen.

Dass es ein derart kompliziertes Unterfangen werden sollte, konnte er jedoch auch nicht ahnen. Denn für die Dachdecker entstanden gleich zwei Probleme: Zum einen schätzte man die Höhe des Kirchturms samt Turmkreuz um etwa zehn Meter zu niedrig ein, so dass der Kran, der schon in den frühen Morgenstunden anrückte, zu „kurz ”war.

Der Dachdecker musste die letzten Meter somit ohne Hilfe des Krans auf sich nehmen. Zum anderen ließ sich das Kreuz nicht ohne Weiteres aus der Befestigung nehmen.

„Wir haben uns dazu entschieden, das Kreuz nun doch oben zu lassen. Trotz der Schieflage besteht keine Gefahr. Die Befestigung ist mehr als stabil. Das Kreuz abzunehmen würde nur weiteren Schaden mit sich ziehen”, erklärte Noemi Walter vom Fachbereich Kirchbau und Denkmalpflege des Bistums Aachen.

Damit kein weiteres Risiko entsteht, wurde die Kugel unter dem Kreuz, in der sich Wasser angesammelt hatte, abgedichtet und einzelne schadhafte Schiefer ausgetauscht. Zudem brachte man den Hahn auf dem Kreuz wieder zum Drehen.

Doch damit war es an diesem Tag nicht getan, und so mussten ebenfalls vorbereitende Maßnahmen am Dachreiter vorgenommen werden, der ein statisches Problem aufweist.

Wie die dortigen Baumaßnahmen bis zum Ende des Jahres genau aussehen werden, ist dabei noch unklar. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir nehmen den Dachreiter komplett herunter und beheben den Schaden. Oder wir lassen ihn oben und versuchen das statische Problem so in den Griff zu bekommen.

Kostengünstiger ist sicher die erste Variante, doch die Denkmalpflege spielt auch eine gewisse Rolle”, meinte Noemi Welter. Eine Entscheidung soll bis zum Ende des Jahres fallen, auch in Sachen Kirchturmspitze. Die Gesamtkosten stehen noch im leeren Raum. Eine Summe von rund 350.000 Euro wird geschätzt.

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