Schutzstreifen für Radfahrer anstelle von Autofahrbahnen

Verkehr in Aachen : Mehr Schutzstreifen, Staus und Gestank

Auf dem Weg Richtung Autobahn können Radfahrer in Aachen jetzt auf brandneuen Radfahrschutzstreifen rollen – und zwar direkt an langen Autokolonnen vorbei, die deshalb noch länger im Stau stehen. Die aktuellen Markierungsarbeiten im Aachener Nordosten in direkter Nachbarschaft des Europaplatzes zeigen, worauf sich Autolenker in der Kaiserstadt einstellen müssen.

Selbst da, wo in Autobahnnähe täglich zehntausende Automobile in die Stadt und aus der Stadt rollen, werden straßenweise komplette Fahrspuren geopfert, um deutlich weniger Radfahrern eigene Fahrstreifen zu sichern. Dass diese zusätzlichen Staus mit entsprechenden Extra-Abgasen für die Aachener Luft verbunden sind, spielte bei den entsprechenden politischen Beschlüssen, die bereits 2015 gefällt wurden, offenbar keine entscheidende Rolle. „Zu den bereits vorhandenen 29 Kilometern Schutzstreifen in Aachen sind jetzt weitere 3,1 Kilometer dazugekommen – wobei jede Fahrtrichtung einzeln gezählt wird“, rechnet Harald Beckers vom städtischen Presseamt auf Anfrage unserer Zeitung vor.

234.000 Euro investiert

Die Markierung der Radfahrschutzstreifen ist Teil des Projekts „Maßnahmenplan Radverkehr“. Die Kosten für den Steuerzahler: 234.000 Euro. Stadtverwaltung und Ratsmehrheit verfolgen auch bei den „sehr stark vom Kfz belasteten Hauptverkehrsstraßen im Osten“ das Ziel, mehr Autofahrer auf den Fahrradsattel zu locken. Betroffen sind Adalbertsteinweg (Bismarckstraße bis Josefskirche), Stolberger Straße, Joseph-von-Görres-Straße und Sedanstraße.

Die Konsequenzen sind bereits spürbar – jedenfalls wenn man in einem Auto oder im Bus sitzt. Nicht nur im Berufsverkehr stauen sich Blechlawinen auf der Sedanstraße bis auf den Europaplatz. Teils kollabiert der Rundverkehr von und zur Autobahn 544. Auch zwischen Adalbertsteinweg (Josefskirche) und Breslauer Straße wird der Verkehr stadtauswärts von zwei auf eine Fahrspur gedrängt. Auch hier reichen die Rückstaus bis zu den Linksabbiegern auf dem Adalbertsteinweg. Für viele Aachener und Auswärtige verlängern sich die täglichen Wege zur Arbeit – in oder außerhalb der Stadt – erheblich.

Was auf vielen Straßen Sinn ergibt, erschließt sich vielen Fahrzeuglenkern am Europaplatz auf dem Weg von und zu der Autobahn eher weniger. Foto: Andreas Steindl

Die gestrichelt mit weißem Kaltplastik markierten Radfahrschutzstreifen dürfen übrigens – natürlich so lange sich dort kein Radfahrer befindet – „bei Bedarf“ von Autos, Lkw und Bussen überfahren werden. Dies ist zum Beispiel beim Ausweichen vor Begegnungsverkehr der Fall. Verboten ist es hingegen, als Autofahrer durchgehend über den Radfahrschutzstreifen zu fahren – auch wenn dort kein Radfahrer unterwegs ist. Beim Überholen von Radfahrern müssen Autofahrer – wie überall auf der Straße – einen Mindestabstand von 1,50 Metern einhalten.

Für Radfahrer gelten ebenfalls einige „Schutzstreifen-Regeln“. So dürfen sie auf dem Schutzstreifen die Autoschlangen (auch wenn diese sich langsam vorwärts bewegen) rechts überholen – allerdings mit äußerster Vorsicht, demnach höchstens zehn Stundenkilometer schneller als die Autos. In der Verkehrspraxis erlebt man in Aachen – sowohl bei Autofahrern als auch bei Radfahrern – vielfach rasanteres Fahrverhalten.

Mehr Platz für Radler, weniger Fahrspuren für Autos. Foto: Andreas Steindl

Die Stadt empfiehlt ausdrücklich trotz der neuen Schutzstreifen „die Radrouten der Stadt Aachen auf verkehrsärmeren Straßen, die man sich sehr gut im Radroutenplaner des Landes NRW anzeigen lassen kann“. Außerdem arbeite man intensiv am Aufbau des „Rad-Vorrang-Netzes“, heißt es. Pendler und Berufstätige, die auf das Auto beim Durchqueren der Stadt angewiesen sind, dürfte das kaum trösten.

Und was sagen die Radfahrer? „Critical Mass“, eine Bewegung, die sich für mehr Sicherheit für Radfahrer einsetzt, bezeichnete die Schutzstreifen am Dienstag spöttisch als „Scherzstreifen“...

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