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Aachen: Schulsozialarbeit: Schwere Last auf kleinen Schultern

Aachen : Schulsozialarbeit: Schwere Last auf kleinen Schultern

Keine zwei Kilometer vom Tierpark entfernt sind Giraffen in Markus Bougés Büro schwer angesagt. Wölfe hingegen werden in dem mit bunten Postkarten und Bildern dekorierten Raum in der Katholischen Grundschule Forster Linde nur ungern gesehen und erst recht nicht gehört. Warum das so ist, weiß der neunjährige Berkin Yildiz ganz genau.

„Die Wolfssprache ist eine gemeine Sprache mit vielen gemeinen Wörtern. Die Giraffensprache aber ist nett und freundlich“, erklärt der Viertklässler. Denn die Giraffe ist das Säugetier mit dem größten Herz. Eine Unterscheidung, die für Berkins Tätigkeit als „Pausenengel“ wichtig ist. Schließlich soll er beim Streitschlichten auf dem Schulhof mit der Giraffensprache sprechen und seine Mitschüler ebenfalls dazu animieren — nicht von oben herab, sondern mit ganz viel Herz.

Starke Präsenz im Schulalltag ...

Beigebracht hat ihm das Markus Bougé. Seit 2012 ist der 35-Jährige als Schulsozialarbeiter an der Grundschule an der Lintertstraße tätig. Er hat den Bereich mit aufgebaut und kann gut ein halbes Jahrzehnt später mit Überzeugung sagen, dass er viel bewirkt hat. Sowohl bei den „Feuerwehreinsätzen“, wenn es zwischen Kindern, Pädagogen und Eltern brennt, als auch im Rahmen seiner präventiven Arbeit.

Sei es durch „Pausenengel“ wie Berkin und Co., das regelmäßige Training mit den Schülern an sozialen Kompetenzen und einem verantwortungsbewussten Umgang mit Medien — ein Bereich, der seit einigen Jahren auch in der Grundschule immer wichtiger wird. Ermöglicht wird das durch Bougés starke Präsenz im Schulalltag. Und zwar indem er gezielt mit Kleingruppen und Klassen arbeitet und indem seine Bürotür für jeden einzelnen Schüler offen steht.

... und doch die nötige Distanz

Wo diese Tür verortet ist, sei dabei nicht unerheblich, betont Ruth Comos, Teamleiterin für Sozialarbeit im städtischen Fachbereich Kinder, Jugend und Schule. Bougés Büro ist — nur wenige Türen vom Schuleingang entfernt — für Kinder, Eltern und Lehrer zentral und leicht erreichbar gelegen — und doch mit einer nötigen Distanz zum Schulalltag. Nämlich so weit weg, dass Eltern auch mal unbemerkt vom Tumult der Schüler hineinhuschen können, um Probleme diskret zu besprechen.

Ein „Standortvorteil“, über den leider nicht jede Schule in Aachen verfüge, so Comos. Bougé zumindest ist froh, dass er diesen nutzen kann. Denn nicht selten kommen Eltern mit Anfragen zu ihm, die mit einer gewissen Scham verbunden sind — zum Beispiel, wenn sie Hilfe bei Anträgen für Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) benötigen. Anspruch auf diese finanzielle Unterstützung habe etwa ein Drittel der rund 220 Schüler der KGS Forster Linde, so der Sozialarbeiter.

Obwohl Bougé 2012 zunächst befristet für die Dauer der Drittmittelfinanzierung aus dem BuT eingestellt wurde, geht sein Aufgabenfeld deutlich über die Beratung von Eltern, die Hartz IV beziehen, und das Ausfüllen von Anträgen hinaus — auch wenn dies häufig ein „Türöffner“ sei, über die Eltern und Schüler Vertrauen entwickeln.

Denn Schule, sagt Bougé, habe sich stark gewandelt, allein schon, weil die Jungen und Mädchen durch die offene Ganztagsschule deutlich mehr Zeit fernab von Zuhause verbringen als noch vor einigen Jahren. „Dadurch bekommt Schule automatisch einen anderen Auftrag als die bloße Wissensvermittlung. Es ergeben sich ganz neue Konfliktfelder.“ Konflikte, die auch schon im Grundschulalter nachhaltige Folgen haben können.

Trennung und Scheidung der Eltern, Verlustängste oder auch häusliche Gewalt — Themen, die auch schon auf kleinen Schultern in den Schulalltag getragen werden und dort ohne die entsprechende Unterstützung für große — und womöglich sogar langfristige — Probleme sorgen können. „Der Kinder- und Jugendausschuss hat deshalb auch bewusst beschlossen, möglichst viele Schulsozialarbeiter in Grundschulen einzusetzen, um die Familien frühzeitig zu unterstützen“, betont Comos.

Alle Stellen sind entfristet

Auch deshalb sind Bougés Kollegen froh, dass sie nicht mehr darum bangen müssen, ob sie eines Tages wieder ohne die Unterstützung des Schulsozialarbeiters mit diesen Schwierigkeiten umgehen müssen. Die Stadt hat mittlerweile alle kommunalen Schulsozialarbeiterstellen entfristet. Denn Ziel ist, dass sich langfristig an Aachens Schulen immer mehr Giraffen und immer weniger Wölfe tummeln. Und große Sorgen auf kleinen Schultern möglichst schnell vertrieben werden.