VHS-Projekt: Schülerinnen beschäftigen sich mit der NS-Verfolgten Vera Dahl

VHS-Projekt : Schülerinnen beschäftigen sich mit der NS-Verfolgten Vera Dahl

Schaut man auf die alten Familienfotos, muss das Leben von Vera Dahl ein gutes, ein behütetes Leben gewesen sein. Bis zum Jahr 1937. Da muss Vera, weil sie Jüdin ist, das St.-Ursula-Gymnasium, das sie seit 1931 besucht, verlassen.

In einem Schulprojekt in Kooperation mit der Aachener Volkshochschule haben sich Schülerinnen des St.-Ursula-Gymnasiums mit Projektleiterin Josefine Marsden mit der Lebensgeschichte Vera Dahls befasst. In der Veranstaltung „Damals verfolgt – heute vergessen?“ zum Holocaust-Gedenktag stellten die Schülerinnen die Ergebnisse ihrer Forschungen vor. Vera gelingt 1939 die Flucht nach England, ihr jüngerer Bruder Rudolf und die Eltern Adolf und Olga werden 1942 ins Durchgangslager Izbica deportiert. Dort verliert sich ihre Spur, vermutlich werden sie in Sobibor oder Belzec ermordet.

In London lebt die 17-Jährige zunächst bei Pflegefamilien, wo sie als Hausangestellte arbeitet. Später besucht sie eine Pflegeschule, lernt ihren Ehemann Erwin Bier kennen, bekommt drei Kinder. Über ihre Erlebnisse während der NS-Zeit kann sie lange nicht sprechen. Erst 1988, 50 Jahre nach der Reichspogromnacht, schreibt sie ihre Erinnerungen in einem Brief an ihren Sohn David nieder. Sie beschreibt die Zerstörung, den schmerzlichen Verlust von Freunden und Verwandten, die bereits fliehen mussten oder deportiert wurden.

Die Bar-Mizwa-Feier ihres Bruders Rudi fand ohne Rabbi in den Trümmern der Synagoge statt. Sie bittet ihren Sohn um Verständnis, dass sie deshalb Bar-Mizwa-Feiern kaum ertragen könne. Klara (17), Paula und Rea (beide 16) haben sich mit dem Brief befasst und trugen auch Auszüge daraus vor. „Als Vera ihre Heimat verlassen musste, war sie 17, also im gleichen Alter wie wir. Man kann sich das kaum vorstellen, wie das ist“, sagt Paula und Rea fügt hinzu: „Da wird deutlich, wie sicher wir leben.“

Annalena und Sonja (beide 16) haben die Stationen, die Vera Dahl beschreibt, in einem Kurzfilm nachgezeichnet. Sofia, Franziska und Nele stellten die Lebensgeschichte von Vera Dahl zusammen, forschten dazu unter anderem in alten Jahrbüchern und Schullisten, die aus dieser Zeit erhalten geblieben sind. Zehn Schulen hatten im vergangenen Jahr in verschiedenen Projekten des Netzwerks „Wege gegen das Vergessen“ gearbeitet.

Auch die Schüler der 7c des Geschwister-Scholl-Gymnasiums haben sich mit der Geschichte einer Aachener Familie befasst: sie reinigten die Stolpersteine der Familie Borkowski/Heumann in Brand und forschten auch, soweit möglich, zum Leben der Familienmitglieder. Besonders berührte die Jugendlichen das Schicksal der kleinen Ingeborg, die bei ihrer Deportation am 15. Juni 1942 erst sechs Jahre alt war.

In Briefen haben die Schüler gefunden, wie bedrückt die Kleine gewesen sein muss, weil sie nicht, wie andere Kinder, den Kindergarten besuchen durfte. Für die Schüler erhalten die nüchternen Zahlen und Fakten durch die Beschäftigung mit den Biografien ein Gesicht und eine Geschichte. Das finden VHS-Leiterin Beate Blüggel und Dozent Holger Dux gerade in der Arbeit mit Schülern wichtig. Die Schulprojekte werden auch zukünftig dafür sorgen, dass diese Geschichten nicht vergessen werden.

(kaa)
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