Aachen: Schüler filmt Aachen aus der Stratosphäre

Aachen: Schüler filmt Aachen aus der Stratosphäre

Sein Physiklehrer muss ihn anhimmeln. Weil der 13-jährige Marvin Stahlmann aus Aachen gerne in die Luft geht. Buchstäblich. Der Schüler hatte es sich nämlich in den Kopf gesetzt, seine Heimatstadt von oben zu filmen und zu fotografieren. Von weit oben.

Um es präzise zu formulieren: aus der Stratosphäre, also quasi vom Weltraum aus. Dazu hat er mit seiner Familie — Vater Michael Stahlmann (58), Mutter Martina (52) und Opa Alfred Haamann (78) — eine Box gebaut, seine kleine Kamera hineingesteckt und das Konstrukt jetzt auf 39.000 Meter Höhe Richtung All gejagt.

Spektakuläre Bilder: Vom Startplatz in Simmerath hebt die Raumkapsel Marke Eigenbau ab...

39 Kilometer hoch! Da Flugzeuge auf knapp 10.000 Metern Höhe verkehren, mussten diese wegen Marvins Flugkörper Marke Eigenbau extra umgeleitet werden. Wäre Marvins Vehikel waagerecht geflogen, entspricht die Strecke exakt der Luftlinie von Aachen bis Lüttich. Also: von Aachen bis Lüttich, bloß senkrecht hoch. Aus dem Kinderzimmer (fast) ins All.

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Fliegender Schuhkarton

...durchbricht die Wolkendecke...

„Das war in der Tat nicht ganz so leicht, wie man es sich vorstellen kann“, sagt Vater Stahlmann. Bis die luftfahrtbehördliche Genehmigung für die Weltraum-Exkursion des 13-jährigen Sohnes in Aachen eintrudelte, dauerte es Monate.

...und steigt schließlich auf 39.000 Meter an den Rand der Stratosphäre...

„Erst hat die Bezirksregierung in Düsseldorf die Genehmigung blockiert, die mussten aber letztlich klein beigeben, nachdem wir auch das Verkehrsministerium eingeschaltet hatten“, erinnert sich der 58-jährige Betriebswirt. Sicherheitshalber hat er dann noch eine Versicherung abgeschlossen. Nicht auszudenken, wenn der fliegende Schuhkarton in schwindelnder Höhe einen Satelliten schrotten würde — aber die ziehen in der Regel erst ab 200 Kilometern über der Erdoberfläche ihre Kreise.

...bis der Wetterballon schließlich platzt.

Schnell war Marvins Familie klar, dass ein Raketenstart aus dem heimischen Vorgarten aus Kostengründen — und auch wegen Bedenken der Nachbarn — nicht in Frage kam. Also wurde ein Wetterballon gekauft. So einen mit Helium gefüllten Ballon verwenden Meteorologen zum Transport von Messgeräten und speziellen Radiosonden.

Marvin befestigte eine 15 Meter lange Spezialschnur, einen Fallschirm — für den sanften Rücktransport des Flugkörpers auf die Erde — und eine kleine Styroporbox in Schuhkartongröße mit zwei winzigen Flügelchen. „Die Flügel haben die Box beim Flug stabilisiert und die Kamera hinter dem handgeschnittenen Loch Richtung Erde gucken lassen“, erklärt Marvin. Denn wenn das Gerät einmal in der ziemlich windigen Luft ist, lässt sich nichts mehr nachjustieren.

Neben einem Batteriepack platzierte Marvin noch einen sogenannten Tracker in der Box. Dieser Sender sollte später nach der Rückkehr zur Erde die Koordinaten des Landeorts auf den Computer der Stahlmanns übermitteln, damit Box, Kamera und Filmmaterial wieder aufgelesen werden können. Extrabatterien sind nötig, weil Temperaturen von minus 60 Grad Celsius in schwindelnder Höhe völlig normal sind — was Akkus schnell auslaugt.

Das Ziel der Mission: „Ich wollte Aachen von ganz oben fotografieren, den Flug filmen und mindestens ein Viertel der Erde auf dem Bild haben“, erläutert Marvin. Gestartet wurde in Simmerath „weil es da beim Start weniger Gefahren durch Hochspannungsleitungen gibt“.

Die ganze Familie rückte zum Start in die Eifel aus und drückte die Daumen. Der Wetterballon mit Datenlogger gewann schnell an Höhe. So durchbrach Marvins 780 Gramm schweres Flugobjekt schon auf 330 Metern spielend die Wolkenschicht — alles im Nachgang über die Videoaufzeichnungen zu beobachten. Schon nach 30 Minuten waren 10.000 Meter erreicht — Düsenjethöhe. Letztlich stieg das ungewöhnliche Raumschiff tatsächlich auf 39.000 Meter. Das belegt das Fluglogbuch mit den Höhendaten.

Hoch oben hinter der turbulenten Ozonschicht — wo schon das schwarze All hinter der Stratosphäre zu sehen ist (Marvin: „Die Troposphäre bis zu 15 Kilometern Höhe darunter haben wir schnell durchflogen“), platzte der Ballon planmäßig. Auf dem Videomaterial ist das hörbar. Denn solch ein Gummi-Ballon dehnt sich wegen des mit zunehmender Höhe nachlassenden Luftdrucks auf Durchmesser von über zwölf Metern aus.

Irgendwann reißt die Hülle, dann geht‘s abwärts. Der Aufstieg auf 39 Kilometer mit durchschnittlich sechs Metern Höhengewinn pro Sekunde dauerte insgesamt anderthalb Stunden. Abwärts braucht die Schuhkarton-Kamera am Fallschirm etwas länger. „Die Fallgeschwindigkeit beträgt etwa drei Meter pro Sekunde“, rechnet Marvin vor. Und dann? „Wir waren total verzweifelt, weil erst kein Signal mehr kam“, sagt sein Vater.

Etliche Bäume gefällt

Nach insgesamt etwa sechs Stunden meldete der Trackingsender die Koordinaten der Landeposition. Natürlich kam die Expeditionssonde nicht genau dort wieder herunter, wo sie gestartet war — wegen der unterschiedlichen Höhenwinde, wie Marvins Vater bemerkt. Genau 120 Kilometer Luftlinie entfernt von Aachen, in Lahnstein an der Rheinschleife, wurde Marvins Fluggerät geortet. Prima, dachte man. Also setzte sich die Familie ins Auto und fuhr hin. Das Problem: Nach stundenlanger Suche lokalisierte man das abgestürzte Objekt samt Fallschirm zwar — allerdings in einem Baumwipfel, 30 Meter hoch.

„Wir haben die Kamerabox dann nur mit Hilfe eines unglaublich netten Försters bergen können“, schildert Mutter Martina. Dazu mussten im Umfeld einige Bäume gefällt werden, um eine Leiter anzusetzen. Denn der „Landebaum“ selbst war ein ausgesprochen wertvolles Exemplar und deshalb für die Motorsäge tabu. „Am übernächsten Tag sind wir dann wieder nach Aachen gefahren, haben die Fotos und Filme begeistert ausgewertet“, erklärt Großvater Alfred Haamann. Insgesamt viereinhalb Stunden Filmmaterial sind das Ergebnis der atemberaubenden Reise.

Die Folgen: Marvins Physiklehrer wäre wohl auch stolz auf den Berufswunsch seines Schülers: „Am liebsten würde ich Astronaut werden“, sagt der 13-Jährige. Klar. „Wenn das nicht klappt, dann Feuerwehrmann.“ Hauptsache dem Himmel ganz nah...