Aachen: Schnee im Winter oder: ein Jahr Aachen

Aachen: Schnee im Winter oder: ein Jahr Aachen

Jahresrückblick 2013, Kommunalpolitik. Fast 52 Wochen Aachen (ausgenommen Ferien) — in allen Facetten, mit allen kleinen und großen Dramen, mit Freud und Leid. Mit Spaß und Ärger. Höhen und Tiefen. Ein spannendes Jahr.

Es geht gemächlich los. Mit bemerkenswerten Nachrichten: Schnee im Winter! Daran kann sich der Öcher irgendwie nicht gewöhnen. Die Jecken frieren um die Wette, Prinz Thomas II. ist verschnupft, das dreijmoel Alaaf lässt sich dennoch nicht einfrieren. Apropos Alaaf: Schon im Januar regt die SPD die Einführung des fraktionsübergreifenden „Elferrates“ an, um die Haushaltspro-bleme anzugehen — und holt sich bei der ach so mächtigen und selbstbewussten grün-schwarzen Mehrheit einen Korb. Die Zeiten werden sich ändern. Und wie!

Campusbahn. Ja, da war doch was! Geht es Ihnen auch so? Lichtjahre scheint das her zu sein, dabei sind gerade einmal etwas mehr als neun Monate vergangen, seit die Schiene zum Abstellgleis wurde. Kein Thema der jüngeren Vergangenheit hat die Menschen in dieser Stadt so politisiert, so wach gemacht, sich einzumischen. Das hält man gerne als ausgesprochen positiv fest. Wenn auch der ein oder andere Beitrag — von Gegnern wie von Befürwortern — eher in die Klamottenkiste oder direkt vors Zivilgericht gehörte. Geschenkt.

93 Prozent der Aachener, das ergab eine Umfrage, haben sich mit dem Thema Anfang des Jahres befasst. Solch ein Ergebnis würde sich mancher Politiker wünschen. Das Wunschergebnis der Politik kam dennoch nicht heraus. Warum? Es ist viel darüber diskutiert worden. Über mangelnde Transparenz zum Beispiel. Bei allem Bemühen mochte es einfach nicht gelingen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Und wer spricht sich für Millioneninvestitionen aus, wenn täglich Meldungen hereinkommen, dass anderswo aus Millioneninvestitionen Milliardenlöcher werden? Schwierig. Sicher ist: Große Würfe mag der Öcher nicht. Kein Bauhaus Europa, kein Haus für Musik, kein Museum an der Monheimsallee. Kühne Ideen hat es schon immer gegeben, Aachen scheint mit dem zufrieden zu sein, was da ist. Mit ein klein bisschen mehr. Sonst nichts. Also keine Campusbahn. Eine verpasste Chance? Die Ertüchtigung des ÖPNV wird mittels Bus nicht billiger. Und die eigenen Trassen auf der Trierer Straße und dem Adalbertsteinweg werden auch so kommen. Pech gehabt. Die Bahn ist abgefahren.

Es war die Generalpleite des Stadtrates, der sich fast geschlossen auf die Schiene gesetzt hatte. Doch diese Geschlossenheit war nur Fassade, hinter den Fraktionstüren rumorte es doch merklich. Was nun die CDU in diesem Rückblick auf den Plan ruft: Abservieren ist angesagt. Von Krokodilen wird die Rede sein. Von geheimen und öffentlichen Treffen, von Schmierentheater und derber Komödie. Kurzum: ein christdemokratisches Trauerspiel oder: die Hinterbank muckt auf.

16 CDU-Ratsleute sagen Danke. Zu Harald Baal. Vielmehr: Danke, es reicht. Der wortgewaltige Fraktionschef soll ins dritte Glied treten. Weil man sich bevormundet fühlt, nicht beteiligt, schlecht behandelt und so weiter. Maike Schlick und Ralf Otten führen die Revoluzzer an, man trifft sich in der Gaststätte am Bend, die früher Krokodil hieß, und plant den Aufstand. Ein Abwahlantrag wird formuliert. Die Sache geht ihren Gang. Parteichefin Ulla Thönnissen versucht sich als Friedensengel und legt eine derbe Bruchlandung hin. Baal ist als Sprecher Geschichte, Maike Schlick übernimmt. Besser wird es nicht.

Denn jetzt hat die Fraktionsopposition das Sagen. Und die leitet flugs das Ende der ersten grün-schwarzen Koalition in Aachen ein. Die Grünen wollen einen Gitarrenlehrer zum Kultur- und Schuldezernenten machen. Da kann die neue CDU-Fraktionschefin noch so betonen, dass man zu seinem Wort steht und den Grünen den Saitenkünstler schenkt — die Fraktion sagt schließlich nein. Einstimmig. Urplötzlich. Der Fall ist erledigt. Und die Koalition auch. Tusch! Grün-schwarz oder schwarz-grün, das ging in Aachen dann doch nicht. Es war wohl von Beginn eine Liebe auf Funktionärsebene — keine Zuneigung von Herzen. Das Personal passt nicht zum Programm. Oder umgekehrt. Egal. Dabei haben es sich die Grünen so wunderbar in der Mitte bequem gemacht, dass sie eigentlich der ideale Partner sein müssten. Von Aufbruchstimmung, von Provokation keine Spur, Behäbigkeit statt Ansporn. Everybody‘s darling. Sozusagen gesetztes Grün. Auf ein Neues ab Mai 2014?

Nun ist es also schon Mitte des Jahres Essig mit der Koalitionspolitik. So sauer das auch den Machtmenschen aufstoßen mag — jetzt muss jeder im Rat sehen, wo er bleibt. Und mit wem er oder sie „kann“. Neue Farbenspiele? Der Elferrat muss wieder her. Fraktionsübergreifend gemeinsam Politik machen, lautet die Aufforderung. Angesichts knapper Kassen ist das ohnehin ein dürftiges Vergnügen. Man wird sehen, wie die Parteien das hinkriegen. Im Frühjahr 2014 muss der Haushalt verabschiedet werden. Schwieriges Geschäft.

Irgendwie sehen die Schwarzen dann doch einen Silberstreif am Horizont. Das ist das eigentlich Bemerkenswerte in diesem Politik-Jahr. Wie die Christdemokraten es schaffen, vom heillos zerstrittenen Haufen zu einer allseits Zuneigung verströmenden Familie zu werden. Unheimlich. Ulla Thönnissen erhält zwar nur 73 Prozent bei ihrer Wiederwahl. Aber das bleibt ein Schönheitsfehler. Der Vorstand ist neu aufgestellt, Maike Schlick findet ihren Frieden auf Platz vier der Liste. Und Marcel Philipp wird wieder Oberbürgermeister. Also erst Kandidat. Aber wer will ihn aus dem Rathaus verdrängen?

Sie ahnen es — wir sind bei der SPD angekommen. Die bekommt zum Ende des Jahres doch tatsächlich die Kurve und präsentiert einen OB-Kandidaten. Was für eine Überraschung: Björn Jansen soll es richten. Dabei hatte der seinen Hut schon längst aus dem Ring genommen. Aber wen interessieren Entscheidungen von gestern? Verschnarchte SPD-Personalpolitik. Selbstbewusstsein, den CDU-OB ablösen zu können, sieht anders aus. Politik als Baustelle.

Apropos: Dass das Leben eine solche sein soll, ist hinlänglich bekannt. Aachen trägt dazu gerne einiges bei. Alemannia ist eine solche. Ausgang ungewiss. Die Stadt übernimmt den Tivoli und muss nun sehen, was sie mit dem Stadion anstellt. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Auf dass die Enkel wieder Profifußball zu sehen bekommen und die Bürger nicht mehr für die Millionenpleite blechen.

52 Wochen Aachen: Turbulente Tage und Wochen. Nächstes Jahr wird das nicht weniger. Zwei Wahlen stehen an, da gibt es jede Menge Gesprächsbedarf. Wir sind gespannt, was dieser 25. Mai zutage fördert. Große Koalitionen, Ampeln, absolute Mehrheiten? „Es bleibt alles anders“ hat die Lokalredaktion ihren mit Augenzwinkern verfassten Jahresrückblick auf der nächsten Seite betitelt. Wir sind auf das Jahr gespannt. Guten Rutsch!

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