Aachen: Schimmel: Seit 2010 ist ein Haus im Studentendorf unbewohnbar

Aachen: Schimmel: Seit 2010 ist ein Haus im Studentendorf unbewohnbar

Der Schimmel wuchert. Der Ärger wächst. Seit Ende 2010 steht Haus 1 des Studentendorfs Eckertweg 20 leer. Weil sich aber das Studentenwerk Aachen und eine Baufirma nach einer Sanierung aus dem Jahr 2006/2007 wegen Baumängeln vor Gericht streiten, laufen die Bewohner der anderen vier Häuser jeden Tag an einem leer stehenden Wohnblock vorbei — und das in einer Zeit, in der jede Studentenbude händeringend gesucht wird.

Nein, so etwas kann Professor Karl-Heinz Hausmann nicht verstehen. „Man kommt doch nicht daran vorbei, es zu renovieren. Es muss endlich was passieren“, sagt Hausmann, der sich heute im Förderverein des Studentendorfs engagiert. Am 15. Juni soll die Anlage 60. Geburtstag feiern. Bis dahin müsse es einen Fortschritt geben. „Wir sind da leider abhängig vom weiteren Verlauf des Rechtsstreits“, muss Dietmar Spingys dagegen für das Studentenwerk erklären.

Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, dass Hausmann in einem der zweistöckigen Gebäude wohnte. Er hat miterlebt, wie sich das ganze Dorf gegen die Übernahme des Studentenwerks 1970 wehrte, ebenso wie Abrisspläne 1990 am Widerstand der Bewohner scheiterten. 1995 wurde das gesamte Studentendorf dann unter Denkmalschutz gestellt. Deswegen hat es eine Art Bestandsschutz. Auf den Zustand von Haus 1 hat dieser aber dann doch keinen Einfluss.

Die aktuellen Bewohner der fünf Häuser klagen über den spärlichen Informationsfluss seitens des Studentenwerks — und über Wasser, das auch in den anderen Gebäuden durch Fugen läuft. Vor Haus G, dem größten Gebäude des Studentendorfs, wurde eine Baustelle eingerichtet. Auch hier müssen die Mauern besser vor Feuchtigkeit geschützt werden. Warum, ist klar: Wenn Dorfsprecher Christopher Blum die Tür zum Fitnessraum öffnet, dann ist ihm nicht nach Sport zumute.

Dann gibt er höchstens schnell wieder Fersengeld, denn an den Wänden haben es sich zentimeterdicke Schimmelpolster gemütlich gemacht. Hantelbank und andere Geräte können die Studierenden seit Monaten nicht nutzen. „Hier sind alle Häuser nicht richtig abgedichtet“, musste Rebecca Tritscher aus dem Vorstand des 200 Personen starken Fördervereins feststellen.

Der Zustand in Haus 1 ist derart gesundheitsgefährdend, dass es nicht mehr betreten werden darf. Nur Gutachter gehen hier immer noch ein und aus — in diesem Monat gibt es einen weiteren Termin. Damit es nicht noch schlimmer wird, werden die Zimmer nach AZ-Informationen aber weiterhin beheizt. Haus G muss wegen der Baustelle im Moment durch die Turnhalle betreten werden — immer einmal quer übers gute Parkett. „Wir würden gerne wissen, wie es weitergeht. Ich sehe da auch eine gewisse Nachlässigkeit des Studentenwerks, das sich uns gegenüber nicht äußert“, sagt Siggi Reimann vom Förderverein.

Tatsache ist, dass 24 Zimmer seit Jahren nicht belegt sind. Nachdem die Buden kurzfristig geräumt worden sind, war eine schnellst mögliche Rückkehr versprochen worden. Immer wieder gab es Termine. Keiner wurde eingehalten. Es folgte ein Aufnahmestopp für das Dorf, denn mehr als 20 Haus-1-Bewohner mussten verteilt werden. Anfangs wurde den anderen Bewohnern sogar erlaubt — bei entsprechender Mieterhöhung für die etwa 13 bis 19 Quadratmeter großen Zimmer — zu zweit eine Bude zu bewohnen. Mittlerweile haben die ersten Studierenden, die dem Schimmel weichen mussten, ihr Studium beendet. Gelernt haben sie, dass sich so ein Rechtsstreit jahrelang hinziehen kann.

„Es ist alles sehr ärgerlich“, findet Tritscher. „Ich bin stinksauer. Wir wollen endlich mal einen Zeitplan vorgelegt bekommen, die Arbeiten müssen endlich starten“, sagt Karl-Heinz Hausmann. Für das Studentenwerk sagt Dietmar Spingys: „So lange keine Rechtssicherheit besteht, können wir nichts machen. Aber wir hoffen, dass wir so schnell loslegen können, dass Haus 1 zum Wintersemester 2013/2014 wieder bezogen werden kann.“

20 Paar Schultern fehlen

80 statt mehr als 100 Bewohner zählt das Studentendorf damit aktuell. Auch das ist ein Problem. Denn die Dorfbewohner verwalten sich selber, müssen sich entsprechend in Gremien engagieren und leben eine besondere Demokratie. Wenn da Ämter verteilt werden, macht es einen Unterschied, ob 80 oder 100 Kandidaten bereit stehen. „Uns fehlen mindestens 20 Paar Schultern, dabei sind wir darauf angewiesen, dass sich alle einbringen. Aber ein Viertel des Dorfes fehlt uns“, berichtet André Widera, der hier Haussprecher war.

„Das hier ist eine kleine demokratische Einheit, die sich seit 1953 gehalten hat“, sagt Hausmann. 1953 war für 400 000 Mark (aus einer amerikanischen Stiftung) ein fast einmaliges Konzept Wirklichkeit geworden — fast, weil es ein ähnliches Konstrukt in Berlin gibt. Doch alle Demokratie und Selbstverwaltung hat Grenzen — an der verschlossenen Tür von Haus 1. Jenem Gebäude, in dem nur noch der Schimmel wohnt.