Aachen: Schicksal eines 16-jährigen Flüchtlings: Neue Hoffnung in Aachen

Aachen: Schicksal eines 16-jährigen Flüchtlings: Neue Hoffnung in Aachen

Wenn Yassine aus seinem jungen Leben erzählt, lächelt er fast immer, manchmal strahlt er wie ein Kind. Er ist ja auch noch eins, fast jedenfalls. Das einzige, was dem 16-jährigen Marokkaner — scheinbar — wirklich zu schaffen macht, ist sein Stuhl. Dieses Stillsitzen. Er wibbelt herum, wie man im Grenzland sagt, reibt sich die Hände, blinzelt unruhig umher.

„Er ist immer als erster da, wenn es etwas zu reparieren gibt oder eine starke Hand gefragt ist“, sagt John Mukiibi. Was heißt gefragt: „Neulich haben wir einen Hometrainer bekommen“, erzählt der Sozialarbeiter schmunzelnd. Eine von ungezählten Bescherungen aus der Nachbarschaft.

Zupacken ist sein „Ding“: Yassine ist immer als erster da, wenn eine starke Hand gefragt ist, sagt einer seiner Betreuer. Foto: Michael Jaspers

Als Mukiibi ein paar Leute zusammengetrommelt hatte, um das wuchtige Geschenk hineinzutragen in die neue Pavillon-Anlage des Zentrums für soziale Arbeit (ZfsA) an der Karl-Marx-Allee, da war es — schon futsch. Der junge Flüchtling Yassine (so nennt er sich heute mal, seinen echten Namen verrät er lieber nicht) hatte den „Job“ längst erledigt. Allein.

Eigentlich war er immer allein, sagt er. Und seine Familie? Er stutzt, wird verlegen, blickt nervös an die Decke des kleinen Aufenthaltstraums im Container. „Hab‘ keine.“ Mehr ist ihm nicht zu entlocken. Einen guten Kumpel hat er gehabt, damals in Casablanca, wo er aufgewachsen ist. Er war froh, dass er mit bei dessen Mutter wohnen konnte. Er besaß praktisch nichts, erzählt er.

Kaum Klamotten, keine Bücher, schon gar keine Schulbücher. Nur einen Hilfsjob im Hafen. Für die Schufterei gab es ein karges Essen, meist Reste vom Vortag, Geld habe er so gut wie keines erhalten. Da hielt ihn nichts und niemand. Sein Freund schon gar nicht. „Wir sind zusammen abgehauen, nur er und ich.“

Die Jungs schlichen sich auf ein Containerschiff nach Teneriffa. Europa! Ein echtes Traumziel halt. Eine Weile arbeitete Yassine in der Küche eines Restaurants, der Betreiber verschaffte ihm ein Nachtlager. Er lernte ein bisschen Englisch, ein bisschen Französisch, vor allem natürlich Spanisch. Sprachen sind sein Ding. Jetzt lernt er Deutsch, klar. Jeden Tag besucht er einen zweistündigen Kurs bei der Volkshochschule.

Vorerst ist er allerdings auf Vincent Schrums veritable Dolmetscherkünste angewiesen. Der angehende Student der Wirtschaftswissenschaften, gerade mal drei Jahre älter als Yassine, arbeitet als Praktikant in der Burtscheider Einrichtung, die in der provisorischen Bleibe an der Karl-Marx-Allee sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut. Vor kurzem hat Schrum zwei Monate in Mexiko „praktiziert“, in einem Kindergarten. „Was ich da an Elend und Armut gesehen habe, hat mich unheimlich motiviert, mich weiter zu engagieren“, sagt der 19-Jährige.

Die beiden jungen Männer verstehen einander offensichtlich in jeder Hinsicht bestens. Sie wissen sich beide in guter Gesellschaft. 18 Heranwachsende aus sieben Nationen, meist aus Nordafrika, leben seit Ende Oktober in der Übergangseinrichtung des ZfsA, berichtet dessen Leiter Udo Wilschewski. „Sie alle sind fest entschlossen, sich zu integrieren. Sie wollen lernen, endlich in die Schule. Leider müssen sie teils bis zu einem haben Jahr warten, bis sie einen Platz gefunden haben.“

Das ist die eine Seite. Die andere: Zum Glück können sie auf eine rasant wachsende Zahl hilfsbereiter Aachener zählen. „Es ist überwältigend, wie wir unterstützt werden“, sagt Wilschewski. Neulich hat der Lions-Club angefragt. Um Wünsche ist einer wie Wilschewski freilich nicht verlegen, nicht nur Weihnachten. „Wir bräuchten einen Menschen, der die Fülle der Angebote koordiniert, die an uns herangetragen werden, vielleicht auf 400-Euro-Basis.“ Nein, von der viel zitierten sozialen Kälte sei im bürgerlich-gediegenen Stadtteil wirklich nichts zu spüren. „Die Pfarren und die IG Burtscheider Vereine unterstützen uns, wo sie können. Es ist beglückend zu erleben, wie die jungen Menschen, die oft Schlimmstes erlebt haben, aufgenommen werden.“

So gesehen ist Yassine ein Glückspilz. Er war einer der ersten, die in der kleinen Container-Anlage Obhut gefunden haben. Denn sein vermeintliches Traumziel Teneriffa entpuppte sich flott als erste Station einer monatelangen Odyssee. Nach sechs Wochen wird Yassine von der Polizei aufgegriffen und in ein Aufnahmelager nach Madrid gebracht. Nach vier Wochen türmt er.

Als blinder Passagier schlägt er sich per Eisenbahn durch bis nach Frankreich. Noch ein vermeintliches Traumziel, das für ihn so gar nichts übrig hat außer die Straße. Die meiste Zeit verbringt er dann doch lieber unentdeckt auf den Toiletten der Züge, die ihn Richtung Deutschland bringen. Ein echtes, kalkulierbares Ziel hat er nicht. Angst hat er auch nicht, behauptet er. „Alles ist besser als Marokko!“, sagt er.

Über Belgien schafft er es bis an die deutsche Grenze. Dann wird er geschnappt. Papiere kann er nicht vorweisen. Am Hauptbahnhof wird er von der Bundespolizei „empfangen“. Seinen ersten Tag in Aachen verbringt er im frisch eingerichteten „Café Welcome“ des ZfsA. Außer zwei Rucksäcken mit ein paar Klamotten, zwei Laiben Brot und zwei Flaschen Wasser bringt er nichts mit. Nur Talent, guten Willen, den Traum von einem besseren Leben.

„Später hätte ich gern eine Familie mit genau zwei Kindern. Und ich würde gern Mechaniker werden“, verrät er. Vorerst bewohnt Yassine ein kleines Zimmer, übt täglich Deutsch, versucht sich als Texter von Rap-Songs, trainiert mit seinen Hanteln. Und geht seinen Mitbewohnern oder dem fünfköpfigen Betreuerteam des Hauses zur Hand, wo immer er kann. Er will weiter lernen, viel lernen.

„Auch ich lerne jeden Tag dazu“, sagt Udo Wilschewski. „Die Erfahrungen mit diesen Menschen verändern mich.“ Wenn er noch einen Weihnachtswunsch frei hätte? Qualifizierte Trauerbegleitung auch für die Kollegen, die täglich mit unsagbarem Leid konfrontiert sind, antwortet er. Die Pfarren wollen helfen, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Aber die Liste ließe sich mühelos fortsetzen.

„Wir müssen gemeinsam noch mehr tun, um eine echte Willkommenskultur zu etablieren — bevor andere Kräfte dem entgegenwirken! Was hier in Burtscheid im Kleinen so fantastisch funktioniert, sollte in der gesamten Gesellschaft funktionieren. Wir müssen begreifen, dass davon am Ende alle profitieren. Wir sollten lernen von der großen Dankbarkeit, die uns hier entgegengebracht wird — und selber dankbar sein.“

Wilschewskis Kollege John Mukiibi nickt. Er ist als Baby aus Uganda nach Deutschland gekommen, erfahren wir auf Nachfrage. 1981 musste seine Familie flüchten vor den Schlächtern eines Terror- und Folter-Regimes, das dem berüchtigten Idi Amin auf dem Fuß folgte. Als Zweijähriger kam er nach Aachen. Später studierte er Sozialwissenschaften an der Katholischen Hochschule, gleich nebenan in Burtscheid. Heute ist nicht nur Udo Wilschewski heilfroh, dass John Mukiibi geblieben ist.

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