Schausteller öffnen den Öcher Bend für Menschen mit Sehbehinderungen

Sonderführung für Sehbehinderte : Gänsehaut-Feeling auf dem Bend mit Blindenstock

Mit der Achterbahn durchs nachgestellte Alpenland, rein in die gruselige Geisterwelt und sich auf dem Breakdancer vom Wind die Frisur zerzausen lassen: Was für viele Menschen zum Öcher Bend einfach dazugehört, ist für andere nur mit Einschränkungen oder auch gar nicht möglich.

Die Schausteller des Öcher Bends haben deshalb am Montag zwei Stunden früher geöffnet, um Menschen mit einer Sehbehinderung einen ganz besonderen Besuch auf der Großkirmes zu ermöglichen.

Eine Umdrehung weniger hätte fürs Fahrvergnügen auch gereicht. „Die letzte Runde musste für mich persönlich nicht sein“, gibt Kerstin Stettner zu. Die Jugendbeauftragte des Blinden- und Sehbehindertenvereins der Städteregion Aachen wirkt nach ihrer Probefahrt auf dem Breakdancer noch etwas durchgeschüttelt. Es war ihre erste Fahrt auf dem rasanten Fahrgeschäft.

Mit 34 Jahren ist die Stolbergerin in Sachen Kirmes noch recht unerfahren. „Als Kind konnte ich nie den Öcher Bend besuchen“, sagt sie. Hintergrund ist ihre eingeschränkte Sehkraft. Seit ihrem sechsten Lebensjahr leidet sie an der seltenen chronischen Augenentzündung Uveitis. Zehn Prozent, mehr ist von ihrer Sehkraft nicht übrig geblieben. „Gesetzlich gesehen bin ich blind.“ Und damit geht für sie und andere Menschen mit einer Sehbehinderung der Besuch auf der Kirmes mit einigen Hürden einher.

An diesem Montagmittag werden einige dieser Hürden überwunden – zumindest vorübergehend. Rund 30 Männer, Frauen und Kinder haben sich auf dem Bendplatz versammelt. Einige tragen dunkle Sonnenbrillen, andere führen einen weißen Blindenstock mit sich. Sie alle sind für eine Führung zur Kühlwetterstraße gekommen, die in dieser Form auf Initiative von Stettner erstmals in Aachen angeboten wird: Zwei Stunden lang führt sie Schaustellerchef Peter Loosen über den Bendplatz.

Erste Amtshandlung: Kerstin Stettner hat als Jugendbeauftragte des Blinden- und Sehbehindertenvereins der Städteregion Aachen die Sonderführung über den Bend organisiert. Foto: Heike Lachmann

Zahlreiche Schausteller haben für die „VIP-Führung“, wie Loosen sie nennt, bereits zwei Stunden vor dem offiziellen Start ihre Attraktionen geöffnet. Einmal mit der Achterbahn durchs nachgestellte Alpenland, rein in die gruselige Geisterwelt, vielleicht noch ein paar Plastikenten aus dem Wasser fischen – und sich natürlich auf dem Breakdancer im Wind die Frisur zerzausen lassen.

Was für einige Menschen zum Bendbesuch einfach dazugehört, ist für andere nur mit Einschränkungen und zum Teil auch gar nicht möglich. „Die Schwierigkeit für Sehbehinderte ist das Betreten und Verlassen der Fahrgeschäfte“, erläutert Stettner. „Und wenn die Bahn mal stehen bleiben sollte, können wir sie nicht mehr selbstständig verlassen.“ Einige Freizeitparks gehen deshalb sogar so weit, dass sie Sehbehinderten die Nutzung von bestimmten Fahrgeschäften komplett untersagen.

So weist das Phantasialand in seiner Informationsbroschüre für Menschen mit Einschränkungen darauf hin, dass Menschen mit eingeschränkter Sehkraft aus Sicherheitsgründen Attraktionen wie die Wasserbahn, Mystery Castle oder die Achterbahn Black Mamba nicht nutzen dürfen – auch nicht mit einer Begleitperson. Dafür gibt es je nach Behinderungsgrad reduzierten oder auch freien Eintritt.

„Ohne Begleitung ist man hoffnungslos verloren“

Offizielle Ausschlusskriterien wie diese gibt es beim Öcher Bend zwar nicht. Am gut besuchten Familientag oder am Wochenende ist es mit eingeschränkter Sehkraft trotzdem nicht einfach, sich zu orientieren. Das weiß Eugen Plücker nur zu gut. Der 57-Jährige ist nach eigenen Aussagen begeisterter Bend-Gänger. Aber er sagt auch: „Ohne Begleitung ist man hoffnungslos verloren.“ Vor allem bei den besonders beliebten Fahrgeschäften, wenn es eng wird und sich die Besucher aneinander vorbei und in die Gondeln quetschen, hätten Menschen mit einer Sehbehinderung kaum die Möglichkeit, sich zu orientieren.

Dieses Problem besteht an diesem Montag nicht. Während Peter Loosen das Aussehen der Fahrgeschäfte beschreibt, helfen die Schausteller den Besuchern beim Ein- und Aussteigen und nehmen auch schon mal den Blindenstock vorübergehend in Obhut. Henning Gast, der mit seinem sieben Jahre alten Sohn Simon dabei ist, ist begeistert von der Aktion. „Ich finde das super, gerade, wenn man sich sonst nicht im Trubel hertrauen würde.“

Während sich Simon und die anderen Besucher an ihrem spendierten Eis schlecken, hat Kerstin Stettner vom Blinden- und Sehbehindertenverein aus gänzlich anderen Gründen „Gänsehaut-Feeling“: „Ich bin so dankbar, dass uns diese Gelegenheit geboten wird. So behindern wir niemanden und haben die Zeit und die Ruhe alles gezeigt zu bekommen.“

Zahlen mussten für die Attraktionen übrigens weder die sehbehinderten Gäste noch ihre Begleiter. „Das ist eine Einladung von uns Schaustellern“, sagt Peter Loosen. Eine Fortsetzung beim nächsten Sommerbend ist schon fest geplant.

Mehr von Aachener Zeitung