Burtscheid: Schäfer Udalrich hütet seine Märchen und Legenden

Burtscheid: Schäfer Udalrich hütet seine Märchen und Legenden

In eine Art Umhang gehüllt dreht der Schäfer Udalrich seine Runden durch die Burtscheider Fußgängerzone. Den großen grauen Filzhut hat er tief ins Gesicht gezogen, in der Hand hält er einen langen Stock.

An normalen Tagen würde diese eigentümliche Figur etwas fehl am Platz wirken, doch nicht heute. Denn es finden zum 16. Mal die Burtscheider Bänkeltage statt, die von der Burtscheider Interessengemeinschaft (BIG) und der Agentur Gaudium Plus organisiert werden. Wie jedes Mal verwandelt sich der Ortskern in einen Mittelaltermarkt.

Grausame Details

Viele Geschichten hat der Schäfer Udalrich zu erzählen - Märchen, Sagen und Legenden, die teils ausgedacht, teils überliefert sind. Den Inhalt passt er seinem Publikum an, spannend geht es meist zu, doch grausame Details aus Kämpfen unter Rittern bekommen nur ältere Kinder zu hören. Von abgehackten Körperteilen kann dann schonmal die Rede sein; es ging eben nicht zimperlich zu im Mittelalter.

Im Alltagsleben trägt dieser Udalrich den Namen Ulrich Mehler und ist Professor an der Universität in Köln. Ältere deutsche Sprache und Literatur unterrichtet er dort, die mündlich erzählte Geschichte ist sein Spezialgebiet. So kam ihm die Idee, jene Figur zu erfinden, die vom einfachen Volk Geschichten erfährt und sie weitergibt.

Den persönlichen Bezug zum Mittelalter leben hier viele aus. Zum Beispiel René von Weier, der zur Veytaler Ritterschaft gehört, einem Verein, der sich mit der authentischen Darstellung mittelalterlicher Traditionen befasst. An vielen Wochenenden seien sie unterwegs, berichtet von Weier, auf Märkten, Schlössern und Burgen oder Musikfestivals und eben bei den Burtscheider Bänkeltagen.

Einige der Veytaler Ritter tragen Rüstungen oder Kettenhemden und Helme mit heruntergelassenem Visier. Auf dem Kopfsteinpflaster vor dem alten Abteitor duellieren sie sich in Schaukämpfen, das Aufeinandertreffen der Schwerter ist weit zu hören. Zwei Mitglieder des Vereins sind als Barden angereist. Mit zotigen Bemerkungen unterhalten sie das Publikum, zu ihrem Flöten- und Trommelspiel tanzen Menschen in Trachten und drehen sich paarweise im Kreis.

Spinnen aus Leidenschaft

Direkt daneben sitzen Gerda und Heinz Poot in ihrem Marktstand. Ihre Leidenschaft ist das Filzen und Spinnen, zu kaufen gibt es bei ihnen Westen, Hüte, Tücher und Puppen. Die ursprüngliche handwerkliche Arbeit mit der Wolle hat für Gerda Poot etwas meditatives. Der weiche Stoff, die Ruhe und die vergehende Zeit bei der Arbeit gäben ihr viel, sagt sie. Es sei der Ursprung der Textilindustrie, den sie mit der Spindel auf den Mittelaltermarkt holt.

Gerade weil die Herstellung von Wollkleidung lange dauert und im Kontrast zur Schnelllebigkeit steht, habe die Arbeit so großen Wert. Bei Poots können die Besucher des Marktes nicht nur kaufen, sie können sich auch erzählen lassen und uraltes Handwerk live erleben.

Es gibt einige solcher Stände, die die angenehmen Seiten des dunklen Mittelalters in den Vordergrund rücken. Viele Besucher kombinieren diese Eindrücke gerne mit den Vorzügen der heutigen Zeit, schließlich gibt es in Burtscheid auch viele Cafés und Eisdielen.