Aachen: Schädlingsbekämpfer im Einsatz: Auch Morddrohungen gibt es

Aachen: Schädlingsbekämpfer im Einsatz: Auch Morddrohungen gibt es

„Komm doch mal vorbei”, sagte der Kollege Fotograf dieser Tage. „Wir haben den Schädlingsbekämpfer da, wär doch vielleicht eine schöne Geschichte.” Klar doch. Schließlich ist das ein Thema bei jeder Grillveranstaltung, beim Frühstück, Abendesssen und überhaupt: Wespen, wohin man nur schaut. Oder täuscht das?

Reden wir uns gerne und jedes Jahr immer wieder ein, dass uns immer mehr der schwarz-gelben Insekten heimsuchen?

Der Kollege hat sich jedenfalls nichts eingeredet. An diesem Nachmittag kraxelt Hans Simons auf seinem Dachboden herum, auf dem gefühlte 50 Grad Celsius herrschen. Der Kammerjäger, wie man Leute wie Simons im Volksmund immer noch nennt, steckt trotzdem in einer umfangreichen Arbeitsmontur inklusive Handschuhen, dicken Stiefeln und Ganzkörperschutzanzug. Kein Wunder, der Mann hat es hier mit einem nicht gerade kleinen Bauwerk zu tun, das es zu entfernen gilt. Innerhalb weniger Monate hat das in diesem Fall wohl 10 000 Tiere starke Volk ein wahres Kunstwerk unter das Fotografenhausdach gezimmert.

Ein Kunstwerk aus Zellulose

„Reine Zellulose”, sagt Simons, der auch nach all seinen Berufsjahren immer noch beeindruckt von den Fähigkeiten der Tiere ist. Will sagen: Das Nest wurde aus zerkautem Holz zusammengesetzt. Es ist im Inneren extrem stabil. Trotzdem: Entfernt werden muss es in diesem Fall dann doch. Und zwar, weil sozusagen „Gefahr in Verzug” ist. Täglich kämpft die Familie mit Dutzenden Wespen in den Wohnräumen. So ging es nicht weiter.

Hans Simons kann man mit Fug und Recht als Kammerjäger-Urgestein bezeichnen. Seit sage und schreibe 58 Jahren übt der Mann diesen Beruf aus. Mit elf Jahren hat er schon im Betrieb des Vaters mitgeholfen, der das Familienunternehmen 1929 gründete. Hans Simons ist mittlerweile 69 Jahre alt, sein 47 Jahre alter Sohn arbeitet auch im Betrieb. Der Job scheint dem gebräunten Mann mit den grauen Haaren immer noch Spaß zu machen. Meistens jedenfalls.

Doch es gibt auch die Situationen, an die sich auch der erfahrendste Kammerjäger nie gewöhnen kann. „Wenn ich zu einem Leichenfund gerufen werde und der Leichnam schon eine Weile in der Wohnung liegt, dann ist das eine Situation, die mich nie kalt lässt.” Spätestens seit den Pathologen-Krimis von Simon Beckett weiß man ja im Detail, wie schnell Verwesung zu Insektenbefall führt. Aber das gehört einfach zu den natürlichen Prozessen dazu. Trotzdem ist das auch für Hans Simons immer wieder hart.

Hart ist für ihn auch, wenn er beschimpft und mit Hasstiraden überzogen wird. Wie bitte? „Sie glauben gar nicht, was wir alles an den Kopf geworfen bekommen”, sagt der Mann nachdenklich, dessen Haupteinnahmequelle die Taubenabwehr ist. Aber das passt insbesondere radikalen Tierschützern nicht in den Kram. Die Spitze: „Ich habe auch schon Morddrohungen bekommen.”

Auch in Sachen Wespen geht das so. Dabei sagt Simons, dass er meist wirklich nur dann eingreift, wenn es Gefahren gibt. Ein gutes Beispiel sind Erdwespennester an Kindergärten, wo die Kinder reihenweise gestochen werden. Oder auch in Krankenhäusern. Aber eben auch bei Nestern auf dem Dachboden. Ist der Bau weit entfernt im Garten, liegt eine solche Gefahrenlage hingegen nicht vor. Schmerzhafte Erfahrung haben dieses Jahr auch Spaziergänger schon gemacht. Zum Beispiel zur Lütticher Straße rückte die Feuerwehr jüngst mit mehreren Rettungswagen aus, weil Fußgänger den Unmut der Tiere auf sich gezogen hatten. Die Attacke war heftig.

Keine Erklärung für das Phänomen

Und wie sieht das mit dem Eindruck aus, dass es dieses Jahr eine regelrechte Plage gibt? Klare Antwort: „So etwas wie in diesem Jahr habe ich in all den 58 Jahren noch nicht erlebt”, erklärt der Kammerjäger. Simons hat so viel zu tun, dass die Firma nur vormittags erreichbar ist, nachmittags läuft mittlerweile ein Anrufbeantworter. Es gibt so viele Wespennester, die zu entfernen sind, dass Simons gar nicht alles abarbeiten kann: „Und jeder will natürlich, dass wir schnell kommen. Was dazu führt, dass mittlerweile die halbe Bevölkerung angeblich allergisch ist.”

Trotzdem muss man Wartezeit einplanen. Der Experte hat auch nur zwei Hände. Woher das hohe Aufkommen an Wespen anno 2011 kommt? „Ich habe dafür keine Erklärung”, so Simons. Der Eindruck täuscht also nicht. Und warum behelligen uns die Wespen im Spätsommer mehr als im Frühjahr oder Frühsommer? Verblüffende Antwort: „Aus Langeweile.” Der Bau ist nun hat halt quasi fertig, und die allermeisten der Wespen eines Volkes sind geschlechtslose Arbeiter, deren Aufgabe im Häuslebau besteht.

Im Herbst wird das ganze Volk dann absterben - bis auf die neuen Königinnen, die nächstes Jahr ein neues Volk gründen werden. Dann wird ein neues Nest gebaut. Der Kollege Fotograf hofft, dass es nicht wieder bei ihm sein wird. Für dieses Jahr hat er aber nun Ruhe. Hans Simons packt alles ein, steigt in seinen Bulli und fährt zum nächsten Einsatz. Arbeit gibt es genug.

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