Aachen: Sarrazin: „Ich habe mir das gut überlegt”

Aachen: Sarrazin: „Ich habe mir das gut überlegt”

Kaum ein Mann hat auf der politischen Bühne in den vergangenen Monaten mehr Aufmerksamkeit genossen als Thilo Sarrazin. Seine Abrechnung mit dem deutschen Sozialstaat und der deutschen Migrationspolitik, die er im Buch „Deutschland schafft sich ab” ausgebreitet hat, ist mittlerweile 1,3 Millionen Mal verkauft worden.

Noch beeindruckender als diese Zahl ist die Nachhaltigkeit des Streits, der nicht nur über Sarrazins Thesen, sondern auch über seine Person mit ungebrochener Intensität weitergeführt wird. Die rund 300 Gäste, die am Mittwoch im Forum M der Mayerschen Buchhandlung das Streitgespräch zwischen Thilo Sarrazin und Bernd Mathieu, Chefredakteur der „Aachener Zeitung”, miterlebten, waren mehr Teilnehmer als Zeugen eines Streits. Denn Sarrazin hat ein Thema gefunden, das niemandem egal ist.

Allerdings hat sich der Fokus der Diskussion in den vergangenen Wochen ein wenig verschoben. Sein Buch und seine Thesen sind mittlerweile hinlänglich bekannt. Deshalb geht es heute mehr um die Beweggründe, warum Sarrazin sein Buch so schrieb, wie es heute auf den Bestsellerlisten des Handels steht. Im Gespräch mit Bernd Mathieu machte er sehr deutlich, dass er für die Bewertung seiner Person und seiner Arbeit einzig seine eigenen Kriterien gelten lässt. Hier die wichtigsten Aussagen, was Sarrazin über sich und seine Arbeit denkt:

„Ich habe nicht provoziert.”

„Ich habe mir das gut überlegt”, sagt Sarrazin. Es gebe nicht eine unüberlegte Zeile in seinem Buch. Er wollte sich kritisch mit unserer Lebenswirklichkeit auseinandersetzen. „Denn jedes Weltbild ist eine Falle, wenn man es nicht kritisch hinterfragt”, meint Sarrazin. „Ich habe nicht provoziert”, betont er. Zum Provokateur sei er erst von den Medien gemacht worden, die sich weitestgehend nur unzureichend mit seinem Werk auseinandergesetzt hätten.

Nun mag diese Medienschelte nicht gänzlich unbegründet sein. Für einen Menschen, der laut eigener Aussage nicht provoziert, gab Sarrazin aber auch in Aachen bemerkenswerte Anregungen. So präzisierte er seine Kritik am deutschen Sozialstaat: „Es ist nicht die Aufgabe der Gesellschaft, Kinder durchzufüttern, deren Eltern nicht ihren Pflichten nachkommen.” Falsch verstandene Solidarität sei unangebracht. Die Motivationslage dieser Eltern sollte durch Druck verändert werden. „Institutionen wie die Aachener Tafel müsste man schließen”. Das ist in den Augen Sarrazins keine Provokation. Für diese Aussage wurde ihm auch viel Applaus gespendet, wenngleich er auch den Widerspruch einiger weniger Gäste provozierte.

„Meine Analysen sind unwiderlegt.”

Sarrazins Talent für Statistiken ist unwidersprochen. Die Datensammlung in seinem Buch ist von beeindruckender Tiefe. Es ist allgemeiner Konsens, dass Sarrazin mit seiner Bestandsaufnahme der Bevölkerungsentwicklung sehr präzise ist. Problematischer sind die Schlüsse, die er daraus zieht. „In drei bis vier Generationen sind die Deutschen im eigenen Land in der Minderheit. Das ist reine Mathematik”, sagte Sarrazin in Aachen. Allerdings gibt es heute noch keine seriöse Datenbasis, die eine solche Aussage stützen könnte. Ergo gibt es auch keine Datenbasis, die diese Aussage widerlegen kann.

„Ich will Meinungsbildung betreiben.”

Sarrazin zieht es nicht mehr zurück in die Politik, das betonte er am Mittwoch noch einmal. Ihm gehe es heute nur noch darum, Denkanstöße zu geben. Dafür hat er ein vergleichsweise einfaches Konzept. Er wählt bereits bekannte Themen, die er nach eigener Aussage dann aber so formuliert, dass sie die Menschen bewegen. Ein Beispiel: „Ich will, dass jeder Mensch, der Hartz-IV bekommt, der Gesellschaft eine Gegenleistung dafür erbringt.” Seine Lösung dafür ist ein sogenanntes Workfare-Konzept, indem Hartz-IV-Empfänger zur gemeinnützigen Arbeit verpflichtet werden. Für diese Forderung erntet Sarrazin natürlich viel Applaus. Was Sarrazin nicht sagt, ist, dass sein Workfare-Konzept im Koalitionsvertrag von Union und FDP enthalten ist und „Bürgerarbeit” heißt. Dass dieses Konzept noch nicht umgesetzt ist, liegt am Widerstand der Wirtschaft. Die ist nämlich der Ansicht, dass die Bürgerarbeit den Markt kaputt mache. Zur Rolle der Wirtschaft im deutschen Sozialstaat wollte Sarrazin aber nichts sagen - trotz konkreter Frage.

„Ich bin kein Rassist.”

Damit hat Sarrazin recht. Er zeichnet eine sehr differenziertes Bild der unterschiedlichen Migrationsgruppen in Deutschland. Und wenn er darin zu dem nachweislich richtigen Ergebnis kommt, dass muslimische Jugendliche überproportional häufig keinen Schulabschluss haben, macht ihn das nicht zu einem Rassisten. Dennoch geht er das Risiko ein, seine Thesen an manchen Stellen mit belasteten Argumenten zu belegen. Von einem Gast am Mittwoch befragt, was er von Eugenik halte, antwortete Sarrazin: „Ich habe kein Buch über Eugenik geschrieben.” Das ist nicht ganz korrekt. Er beruft sich an mehreren Stellen auf die Arbeiten der schwedischen Sozialdemokraten Alva und Gunnar Myrdal und ihr eugenisches Konzept der „prophylaktischen Sozialpolitik” der 30er Jahre. Sie hatte laut den Myrdals das Ziel, „ein besseres Menschenmaterial zu schaffen”. Das sollte geschehen, indem weniger gebildete Bevölkerungsteile an der Fortpflanzung behindert wurden. Zwischen den 30er und 70er Jahren gab es in Schweden 60.000 staatliche Sterilisationen.

„Ich erfahre sehr viel Sympathie.”

Auch das ist unbestritten. Der größte Teil der Gäste am Mittwoch stand eindeutig auf Sarrazins Seite. Seine Gefolgschaft kommt aus allen Bildungs- und Altersschichten. Sie schätzt an Sarrazin, dass er bekannte Probleme unverblümt ausspricht und quer zur „Political Correctness” treibt. Bedauerlich ist, dass manche dieser Gefolgsleute es schon als Beleidigung erachten, wenn Sarrazin kritisch hinterfragt wird. Dabei gibt es dafür Gründe. Denn wenn Thilo Sarrazin wiederholt Frankreich als Paradebeispiel für eine gesunde Geburtenquote und ein vorbildliches Nationalgefühl nennt, muss man ihn irgendwann fragen, warum denn Frankreich noch größere Probleme mit der Integration muslimischer Jugendlicher hat als Deutschland. In solchen Situationen spricht Sarrazin dann gerne von „falscher Fragestellung”.