Aachen: Samstagsinterview: „Wollen die Welt im Kleinen verbessern“

Aachen : Samstagsinterview: „Wollen die Welt im Kleinen verbessern“

Ann-Kristin Becker ist Projektleiterin der Enactus-Gruppe „ex aqua“. Im Samstagsinterview mit Svenja Pesch sprach die Studentin von ihrer ungewöhnlichen Idee und warum persönliches Engagement so wichtig ist.

Was genau ist Enactus?

Mit innovativen Projekten wie Aquakulturen werden die Menschen in die Lage versetzt, ... Foto: Ann-Kristin Becker

Becker: Unser Verein, Enactus Aachen, ist Teil einer der größten Studierenden-Organisationen weltweit. Aktuell besteht das Aachener Team aus 127 aktiven Mitgliedern, weltweit sind es 72.000. Wir haben in Aachen acht verschiedene Projektteams, ein Marketing-Design Ressort, ein Human-Resources-Ressort und ein Innovation-Ressort, das für die Ideengenerierung neuer Projekte zuständig ist. Studierende aller Fakultäten sind bei uns willkommen. Mit unseren Projekten schaffen wir Hilfe zur Selbsthilfe und wollen so die Welt mit unternehmerischen Ansätzen im Kleinen verbessern.

... das Meer nachhaltig zu nutzen und ... Foto: Ann-Kristin Becker

Wie sieht das konkret aus?

... selbstständig ihre Existenz zu sichern. Foto: Ann-Kristin Becker

Becker: Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, nachhaltig den Lebensstandard und die Lebensqualität von hilfsbedürftigen Menschen zu verbessern — sowohl hier in Deutschland als auch weltweit. Gemeinsam mit anderen gemeinnützigen Vereinen, Lehrstühlen, engagierten Unternehmen und Einzelpersonen ist es unser Ziel, für aktuell gesellschaftlich relevante Probleme eine effektive Lösung zu finden. Dafür entwickeln wir unternehmerische Projekte, die langfristig wirtschaftlichen Nutzen für unsere Zielgruppen schaffen sollen. Oceanfarming in Madagaskar, Aquaponiks (ein Verfahren, das Techniken der Aufzucht von Fischen in Aquakultur und der Kultivierung von Nutzpflanzen mittels Hydrokultur verbindet) in Uganda oder IT-Kurse für Grundschüler — die Projekte von Enactus Aachen e.V. kennen dabei keine Grenzen. Im Mittelpunkt aller Projekte stehen die Menschen, denen mit wirtschaftlichen Methoden langfristig geholfen werden soll.

Das aktuelle Projekt ist Oceanfarming in Madagaskar. Eine ungewöhnliche und gleichzeitig innovative Idee …

Becker: Als Projektgruppe mit elf Mitgliedern arbeiten wir unter dem Titel „ex aqua — a healthy life from a healthy sea“ seit letztem Jahr April an einer ganz besonderen Thematik. Das Projekt richtet sich an die Toliara Region in Madagaskar, die von Mangelernährung, Armut und den ökologischen Folgen des Riffsterbens betroffen ist.

An unserem Projektstandort leben knapp 80 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze von gerade einmal 1,9 Dollar pro Tag. Das wirkt sich vor allem auf die Kinder aus. 2009 konnten 49 Prozent der unter Fünfjährigen ihren täglichen Nährstoffbedarf nicht decken und blieben in ihrer körperlichen Entwicklung zurück. Eine Ursache hierfür liegt auch in der Abnahme des täglichen Fischfangs von 14 Kilogramm pro Fischer auf zwei Kilogramm. Außerdem sind in den letzten 50 Jahren 65 Prozent aller Korallenriffe in der Toliara Region gestorben.

Ihre Lösung des Problems beruht auf Algen und Schwämmen. Wie kann man sich das vorstellen?

Becker: Diese schwerwiegenden Probleme gehen wir mit Aquakulturen an, in denen Algen und Schwämme parallel heranwachsen. Die Algen enthalten wertvolle Vitamine, Mineralstoffe und Antioxidantien, sodass diese der Mangelernährung entgegenwirken. Gleichzeitig können sie die dreifache Menge an CO2 in O2 gegenüber herkömmlichen Nutzpflanzen umwandeln und reduzieren somit den Treibhauseffekt. Schwämme dienen als Exportprodukt und filtern das Wasser, wodurch das Riffsterben gestoppt wird. Auf lange Sicht gesehen streben wir an, mit dem Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe Aquakulturen als ein erfolgreiches Geschäft etabliert zu haben, die die Einheimischen als eigenständige Unternehmer leiten und die Ernährung auf einen angemessenen Stand zu heben. Mit diesem ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltigen Konzept wird ehemaligen Fischern in der Toliara Region eine neue Perspektive geboten.

Sie wollten zuerst auch mit Muscheln arbeiten, das klappte nicht.

Becker: Genau, als wir im Januar 2018 das erste Mal nach Madagaskar geflogen sind, wollten wir das Ganze praktisch mit Muscheln gestalten, aber das funktionierte nicht, weshalb wir uns eben für Schwämme entschieden haben. Wir waren zwei Monate vor Ort und haben einen funktionierenden Prototyp erstellt. Dass das alles überhaupt so gut lief, hätten wir anfangs gar nicht gedacht. Immerhin mussten wir alle uns erstmal mit der Thematik vertraut machen und uns detailliert darüber informieren. Denn bis auf die Biologie-Studenten hatte sonst keiner in der Gruppe Ahnung von den Inhalten.

Im September geht es für Sie erneut drei Monate nach Madagaskar. Was sind dann die Pläne?

Becker: Wir werden unsere zweite Reise nach Madagaskar dafür nutzen, unser Pilotprojekt umzusetzen. Das bedeutet, zusammen mit der lokalen Bevölkerung mehrere Meeresfarmen in größerem Maßstab aufzubauen. Zusätzlich wollen wir weitere Farmer akquirieren, die unser System umsetzen möchten und so unser Projekt zum Wachsen bringen. Außerdem wollen wir dafür sorgen, dass die Alge in den täglichen Essensplan aufgenommen wird, indem wir mit den Madagassen leckere Rezepte entwickeln und die Vorteile von Algen verständlich machen. Für die Schwämme soll ein Vertriebsweg aufgebaut werden, über den der lokale und weltweite Verkauf ermöglicht wird.

Das heißt, Sie wollen mit dem Projekt eine breite Zielgruppe erreichen?

Becker: Wir wenden uns an die Fischer im Südwesten von Madagaskar, deren Lebensgrundlage durch die Überfischung bedroht wird. Unser Projektstandort ist das kleine Dorf Ifaty in der Toliara-Region, die zu den ärmsten des Landes gehört. Durch die schrumpfenden Fischbestände besteht die Ernährung der Einwohner hauptsächlich aus nährstoffarmen Reis, was vor allem bei Kindern zu Mangelerscheinungen führt.

Wie sieht die Entwicklung des Projektes langfristig aus?

Becker: Unser Ocean Farming-Konzept ist simpel und deshalb einfach in der Umsetzung. Es besteht aus günstigen und leicht zu beschaffenden Materialien. Eine komplette Farm kostet lediglich 100 Euro in der Anschaffung. Durch unser modulares Konzept lassen sich die Farmen beliebig erweitern. Außerdem wird dadurch nachhaltige Entwicklungshilfe praktiziert. Die Madagassen werden in das Prinzip des Ocean Farmings eingeführt und dazu ausgebildet, eigenständig Farmen zu betreiben. Dadurch wird ihnen eine neue Existenzgrundlage geschaffen, die dauerhafte Rentabilität und Autonomie verspricht.

Warum liegen Ihnen das Projekt und die damit verbundene, ehrenamtliche Arbeit so am Herzen?

Becker: Ich bin Taucherin und sehe, dass das Riff immer mehr stirbt. Aufklärung und Bildung sowie Hilfe zur Selbsthilfe sind wichtig, um etwas zu bewirken. Außerdem helfe ich einfach gern und engagiere mich aus voller Überzeugung für die gute Sache. Im Schnitt investiere ich pro Woche fünf bis 15 Stunden Zeit in das Projekt, aber das ist es absolut wert. Denn wir bekommen auch eine Menge zurück und erhalten positives Feedback. Auf der anderen Seite macht es auch einfach viel Spaß — ich arbeite in einem tollen Team und lerne viel.

Sie studieren Wirtschaftsingenieurwesen mit der Fachrichtung Maschinenbau. Ist Ihre Studienwahl bei der Entwicklung neuer Ideen eine Hilfe?

Becker: Mich reizt die Entwicklungshilfe total und da kann man den technischen Hintergrund gut brauchen, denn vieles, was in der Planung ist, ist komplex in der Anfertigung. Dadurch kann ich sowohl praktisch an der Realisierung, als auch an der Gestaltung mitarbeiten.

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