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Gigantische Flächen: RWTH Aachen schließt den Jahrhundert-Deal ab

Gigantische Flächen : RWTH Aachen schließt den Jahrhundert-Deal ab

Die RWTH Aachen fliegt mit jungen Gründern auf einen historischen Industriekomplex: der Campus Jahrhunderthalle. Kadans Science Partner bietet zehntausende Quadratmeter schon 2021 bezugsfertig an. RWTH-Rektor Rüdiger kündigt weiteren Expansionskurs an.

Viele Tausend Studierende sind coronabendingt ausgeflogen, da baut die RWTH ihr „Nest“ in Aachen aus. Ein Brutkasten, rund 4000 Quadratmeter groß, bringt den Campus Jahrunderthalle an der Jülicher Straße auf Betriebstemperatur. Dort saniert der Projektentwickler Kadans Science Partner für zig Millionen Euro gerade ein 50.000 Quadratmeter großes historisches Industriequartier. Wer hier mit seinem Jungunternehmen im Technolgiesektor flügge wird, soll künftig nicht mehr gen Süden abwandern – sondern bleiben. 90 statt 60 Ausgründungen visiert die RWTH künftig für Aachen an. Was Knowhow und Jobs in der Region hält.

Zentraler Bestandteil der sieben Campus-Gebäude im Aachener Norden ist die 199 Meter lange und bis zu 30 Meter hohe Produktionshalle der früheren Maschinenfabrik Garbe-Lahmeyer & Co, die 1899 erbaut wurde und als „Jahrhunderthalle“ bekannt ist. Sie würde den Aachener Dom der Länge nach drei Mal komplett fassen können. Hier soll ein Hightech-Standort entstehen, ein Mix aus Wissenschaft, Forschung und Industrie. Ein erster großer Schritt in diese Richtung ist jetzt geschafft. 

Ende 2021 zieht der Collective Incubator (gemeinsamer Brutkasten)  – die studentische Innovationsplattform der RWTH – auf dem Campus Jahrhunderthalle ein. Nach RWTH-Angaben entsteht hier im Rahmen des Förderprogramms Exzellenz Start-up Center NRW (ESC NRW) einer der größten Tech-Inkubatoren Europas.

RWTH-Rektor Professor Ulrich Rüdiger erklärt dazu: „Die RWTH ist ein sichtbarer und prägender Teil der Stadt Aachen. Wir stehen in einem engen Austausch mit der Stadt und treiben große Projekte wie den Campus West gemeinsam voran. Mit diesem Bereich haben wir eine spannende Expansionsfläche zwischen dem Campus Innenstadt und dem Campus Melaten –  und die Hochschule wird weiter wachsen.“ In absehbarer Zeit könne man vom Hauptgebäude am Templergraben bis in die Niederlande ausschließlich über RWTH-Gelände spazieren, erläutert er. Und Rüdiger fügt hinzu: „Natürlich beobachten wir gleichzeitig die großen, spannenden Projekte im Herzen der Stadt und anderswo – die Jahrhunderthalle ist da ein sehr gutes Beispiel – und bringen uns gerne in weitere Entwicklungen, etwa am Büchel, ein. Genauso sehen wir das Potenzial, leerstehende Immobilien in Bezug auf kurzfristige Bedarfe der Hochschule in Betracht zu ziehen.“ Mit der Sanierung des Kármán-Auditoriums will man als Hochschule zudem einen „sehr lebendigen Begegnungsort im Herzen der Stadt“ schaffen.

Die Belebung hat viele Facetten: „Wir haben hier die einzigartige Gelegenheit, Aachen und die gesamte Region als Hochburg für Start-ups neben Berlin und München zu etablieren und damit etlichen neue Innovationen zur Gründung zu verhelfen“, erklärt Malte Brettel, RWTH-Professor für Entrepreneurship. Er holt das ESC in die Kaiserstadt. Fabian Voges, Head of Asset Management bei Kadans Science Partner Germany, freut sich, „dass wir mit der RWTH unseren Wunschmieter für unseren Campus Jahrhunderthalle gewinnen konnten“. Er spricht von einem „Meilenstein“.

Die RWTH Aachen ist stark experimentell ausgerichtet, und benötigt dafür Labore. Hier ist in großen Teilen nach wie vor dauerhaft eine starke Präsenz gefordert, weswegen der Flächenbedarf durch Digitalisierung nach Einschätzung der Hochschule kaum rückläufig sein wird. Die Expansion greift weiter Raum.

Derzeit belegt die RWTH insgesamt in Aachen rund 390 Gebäude mit einer reinen Nutzfläche von 440.000 Quadratmetern – das entspricht der Fläche von 15 Einkaufszentren à la Aquis Plaza inklusive sämtlicher Etagen.

35 dieser 390 RWTH-Gebäude sind Fremdanmietungen. Das heißt: Sie werden nicht, wie sonst bei einer Landeseinrichtung typisch, beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) angemietet. Diese 35 Gebäude haben eine reine Nutzfläche von rund 48.000 Quadratmetern: Büro und Besprechungsräume, Unterrichtsräume sowie Hallen-, Labor- und Lagerflächen.

Mehr Bedarf ist da: Der Collective Incubator ist die studentische Innovationsplattform an der RWTH, quasi eine Firmengründungs- und Jobmaschine. Dazu gehören Büro- und Konferenzräume sowie ein Community Space für die über 60 Start-ups, die derzeit jährlich im Umfeld der RWTH gegründet werden. Zudem soll es eine 1000 Quadratmeter große Werkstatthalle zur Entwicklung von Prototypen geben.

„Damit wird unsere Vision von einem interdisziplinären, das Studium und die Praxis verbindenden Ort für Studierende – aber eben auch für Wissenschaftler und Unternehmen – Wirklichkeit“, sagt Projektkoordinator David Beumers, der den Collective Incubator mit Johannes Schäfer und weiteren Kommilitonen 2017 im Studium gegründet hatte.

Jetzt geht alles schneller als erwartet: Unternehmen sollen sich im Umfeld niederlassen und in Austausch mit Jungunternehmen treten. „Wir arbeiten eng mit Partnern aus der Wirtschaft zusammen, die Problemstellungen aus der Unternehmenspraxis mitbringen und an innovativen Lösungsansätzen interessiert sind. Oder schlichtweg an jungen, engagierten Talenten der RWTH Aachen“, erklärt Beumers.

Derzeit betreibt der „Collective Incubator Pop-up“ ein 500 Quadratmeter großes Coworking Space in der Nähe des Hauptbahnhofs. Man teilt sich Räume. Diese Gemeinschaft ist seit der Eröffnung Anfang 2020 trotz Coronavirus-Pandemie auf über 95 Start-ups und studentische Initiativen gewachsen.

Anfang 2021 erweitert man auf über 700 Quadratmeter. Die neue Dimension: Kadans Science Partner bietet auf dem Campus Jahrhunderthalle Flächen von 300 bis zu 20.000 Quadratmeter an. Die Hochschule übernimmt die Werkhalle Nord. Streetscooter bleibt auf dem Gelände Mieter, hat seine Flächen aber etwas reduziert.

Nachbar Zentis baut auf tausenden Quadratmeter aus und hat nun einen sogenannten Frucht-Campus auf dem Areal realisiert, wie Standort-Manager Stefan Reisse erläutert.  An der Jülicher Straße startet Kadans einen Höhenflug, während andere in der Corona-Krise Federn lassen.