Aachen: Rund 100 Gäste beim Ausklang der „Leselust” mit Silvia Szymanski

Aachen: Rund 100 Gäste beim Ausklang der „Leselust” mit Silvia Szymanski

Was sich auf des Autors Tisch verteilt, ist dem erfahrenen Zuschauer der „Leselust” bestens bekannt: das obligatorische Glas Wasser, ein paar lose Blätter, der bisweilen fahle Schein der Lampe, ein makroskopisches Mikrofon.

Allein das Wetterhäuschen passt nicht so recht ins gewohnte Bild. Doch das exquisite Requisit bleibt vorerst unerwähnt. Stattdessen widmet sich Silvia Szymanski beim Finale der 14. „Leselust” vor rund 100 Lauschlustigen in der Aula der Domsingschule einem ganz anderen Häuschen.

„Haus Grenzwacht” heißt der Arbeitstitel ihres noch werdenden neuen Romans mit regionalem Bezug. „Seit 2000 Jahren dieselbe Scheiße”, lässt Szymanski einen Obdachlosen fluchen und entzündet einen handfesten Weihnachtsstreit im Gebälk ihres neuen Werkes, das so politisch inkorrekt wie literarisch erfrischend daherkommt.

Allen „eine Seele verpasst”

Fremdenfeindlich, fremdgängerisch, vergangenheitsgeschädigt: „Auch wenn ich nicht alle Ansichten meiner Figuren teile”, verrät die Autorin: „Ich war gerecht und habe allen eine Kindheit und eine Seele verpasst.” Und so erzählt sie vom „Brüllen eines eingesperrten Flaschengeistes” und dem kindlichen Missverständnis, das „Nibelungen” immer in „liebe Jungen” verwandelt hat; von „Häusern und Bussen, die Namen auf der Stirn tragen” und von der militanten Anstrengung einer ihrer Protagonistinnen, „mehr aus ihrer Durchschnittlichkeit zu machen”.

Die vergebene Liebesmüh´ um vergebene Männer wird indes von bedacht gewählten Liedern melodisch-melancholisch untermalt: „Crimson and Clover”, „Sexuality” und „Let Me Walk in Your Arms” singt Szymanski in Begleitung ihrer eigenen Gitarre, von Bassist und Lebensgefährte Fritz Knizia und HeJo Schenkelberg am Akkordeon. „Man trägt schwer an der Verantwortung, die Akkorde in der richtigen Reihenfolge hintereinander zu spielen”, seufzt Szymanski, „sonst wird man nach seinem Tod verhauen.” Trotz der Befürchtung posthumer Schelte gibt die Autorin zwischen den Zeilen „Hildegard-Knef-mäßig-Zynisch-Verliebtes” zum Besten, wie sie es selbst bezeichnet. Die Hundertschaft in der Domsingschule bleibt bis zur letzten Minute und ist dennoch aus dem Häuschen. Das war im neuen Dom-Domizil nicht immer so bei der diesjährigen Veranstaltung des Literaturbüros Euregio Maas-Rhein; nach dem Wegzug vom Lousberg war manche Lesung karg besucht.

Nicht beim letzten Kapitel der „Leselust”. Und gerade, als Szymanski anhebt, das Geheimnis um das Wetterhäuschen zu lüften, mahnt ihr Freund zur Eile: „Lass uns mal zum Ende kommen, wir wollten doch um viertel vor zehn einen Film gucken!” Zumindest das ein oder andere Geheimnis um „Haus Grenzwacht” ist ans Tageslicht gekommen.

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