Rolf Gerrards ist der Mullefluppet-Preisträger 2019

Humor zählt! : Anti-Fleisch-Demo kann den Mullefluppet nicht schocken

Ja, hinterher ist man meistens schlauer – und auch eine ganze Portion ruhiger. Aber vorher ... Es zählt zu den Gepflogenheiten des Mullefluppets der Aachener Zeitung, den designierten Preisträger zunächst einmal mächtig zu foppen. Und so erwischte es am Dienstag Fleischermeister Rolf Gerrards vor seinem Geschäft in der Aachener Innenstadt erst einmal ziemlich heftig.

Es ist 14 Uhr, vor dem Stehgraa am Kapuzinergraben versammelt sich eine ziemlich düstere Truppe. Die Gesichter vermummt, Sonnenbrillen auf der Nase – klassisches Demo-Outfit eben. „Bewaffnet“ sind diese Menschen mit Transparenten, auf denen wüste Beschimpfungen und Behauptungen festgehalten sind, die wohl eher einer intensiveren Diskussion bedürften. Auf die haben diese acht Menschen aber keinen Bock. Sie sind auf Krawall gebürstet. Dass sie im normalen Leben Mitglieder des Mullefluppetkuratoriums (Marga Render, Dieter Kaspari, Ina Gröbner und Michael Cosler) beziehungsweise Redakteure unserer Zeitung sind, erschließt sich in dem Moment nicht – was wiederum durchaus gewollt ist.

Der Blick auf die Protestplakate lässt auf eher schlechten Geschmack der Menschen schließen – was das Benehmen anbelangt, wohlgemerkt. „Kein Puttes, Du Tuppes“, ist da zu lesen. Oder: „Schweinemett is(s)t nicht nett“ und „Fleischausstieg jetzt!“ Das lässt auf geplanten Krawall schließen. Der Weg zum Ort des Protestes ist nicht weit. Einmal um die Ecke die Hartmannstraße hoch und vor der Fleischerei Gerrards postiert: Jetzt kann es mit Trillerpfeifen und Sprechchören losgehen, was als Gag gedacht, aber bei einigen (zunächst) ganz und gar nicht so ankommt.

Rolf Gerrards ist Mullefluppetpreisträger 2019

Noch bevor in der Metzgerei registriert wird, welch „Unheil“ sich da anbahnt, schießt aus dem benachbarten Restaurant Petit Charlemagne ein Gast heraus, der sich wutentbrannt vom Verzehr von Schnitzel mit Kartoffelsalat trennte, um seinerseits zu protestieren: „Das ist offensichtlich die Zukunft Deutschlands“, kommentiert er die „Demo“ sarkastisch, um anschließend – zwar über den Gag-Charakter aufgeklärt, aber dennoch kopfschüttelnd – wieder zum panierten Schwein zurückzukehren. Mahlzeit.

Humor zählt! Vegetarische Frikadellen für die Anti-Fleisch-Demonstranten. Foto: Andreas Steindl

Der Appetit vergeht auch einem anderen Passanten, der nur Sekundenbruchteile nach dem Schnitzelfreund die Metzgerei passiert. Ein vermeintlich der politischen Landschaft Kundiger: „Ach du Scheiße, die Super-Grünen“, lautet seine Erkenntnis mit Blick auf die Humor-Anti-Fleisch-Demonstranten, die viel Rückschlüsse auf seine politische Heimat möglich macht. Der Versuch der Aufklärung schlägt fehl, der Mann will sich entrüsten und flieht. Vielleicht wartet auch auf ihn irgendwo ein Schwein, also paniert ...

Was beide Fälle zeigen? Dass die Anti-Fleischer-Humor-Demo ganz schön professionell inszeniert ist. Und der geneigte Beobachter der skurrilen Szenerie erfährt noch etwas. Man kann auch ganz anders auftreten. Womit wir beim designierten Preisträger sind. Der reagiert soooo cool! Während es vor der Tür trillert und pfeift, packt er in aller Gelassenheit vegetarische Frikadellen auf einen Teller, geht um die Verkaufstheke herum, schlendert nach draußen und sagt nur: „Bitteschön.“ Man muss die Feinde mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Der Mann hat halt Humor, was er im täglichen Leben und auf vielen Karnevalsbühnen – unter anderem als Co-Moderator der Ordenssitzung wider den tierischen (!) Ernst des AKV – bewiesen hat. Und er ist schlagfertig, ein ausgewiesenes Schlitzohr. Ein Öcher durch und durch, der – Achtung: Bildsprache! – „das Herz auf der Zunge trägt“ und der immer optimistisch ist. Alles Kriterien, die einen echten Mullefluppet ausmachen. Damit das gewürdigt werden kann, demaskiert sich die Truppe, zeigt ihr wahres (und zugegebenermaßen wesentlich sympathischeres) Gesicht und stimmt, unterstützt von den amtierenden Preisträgern Franz-Dieter und Heinz-Peter Ramrath, die Mullefluppet-Hymne an. Rolf Gerrads ist der Preisträger 2019.

Preisträger 2019: Rolf Gerrards. Foto: Andreas Steindl

„Das ist ehrlich gesagt der erste Preis, den ich in meinem Leben bekomme“, schmunzelt der versierte Fleischhandwerker, als der ganze Protest in Wohlgefallen gebettet wird. „Dafür musste ich 50 Jahre alt werden! Eine echte Überraschung und eine große Freude.“ Und was er gedacht hat, als er die Demo vor der Tür aufziehen sah? „Ich dachte nur, das sind die Richtigen ...“ Wer wollte einem designierten Mullefluppet widersprechen? Natürlich niemand. Man sieht sich also, am Donnerstag, 14. November, in der Kappertz-Hölle in Rothe Erde. Dann geht es für Rolf Gerrards – natürlich – um die Wurst. Er wird auch diesen Abend bravourös meistern, humorvoll, schlitzohrig, mit einem (oder mehreren) Augenzwinkern. Und mit Frikadellen – vegetarisch und fleischig, wie es gefällt.

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