Aachen: Rocker in Aachen: Noch gefährlicher, noch gewaltbereiter

Aachen: Rocker in Aachen: Noch gefährlicher, noch gewaltbereiter

Wenn sie auftreten, treten andere lieber einen Schritt zurück. Wenn sie in ihren Kutten zusammenstehen, macht sich in den Geschäften und Lokalen in der Umgebung Unruhe breit. Besorgte Blicke begleiten diese Männer, selbst wenn sie einfach nur wirken wollen — denn sie wirken ausgesprochen bedrohlich.

Zu beobachten war dieses Phänomen in den vergangenen Tagen regelmäßig am Elsassplatz im Ostviertel — und auf den Kutten prangte jeweils der Schriftzug „Hells Angels“. Die Polizei nennt solch einen martialisches Auftritt „Schaulaufen“. Doch über dieses vergleichsweise harmlose Stadium ist man in Aachen seit vergangenem Sonntag hinaus. Weit hinaus. Seit an der Tankstelle neben den Aachen-Arkaden — also unweit des Elsassplatzes — Mitglieder der Hells Angels und der Bandidos aneinandergeraten sind und drei Personen schwer verletzt im Krankenhaus landeten, macht das Wort vom „Rockerkrieg“ die Runde. Auch die Polizei macht daraus kaum einen Hehl, auch wenn sie den Begriff vermeidet und lieber von „Revierkämpfen“ redet.

Revierkämpfe: Die Hells Angels sind in Aachen in die Gefilde der Bandidos eingedrungen. Beide erhalten Unterstützung von „Kollegen“ aus den Niederlanden, Belgien, ganz NRW und darüber hinaus. Die Polizei ist in Alarmstimmung. Die Fehde geht längst über reines „Schaulaufen“ im Ostviertel (unten rechts) hinaus, seit es an einer Tankstelle eine blutige Konfrontation mit drei Verletzten gab. Foto: Redaktion

Doch wie man die Worte auch wendet, das Gewaltpotenzial bleibt das gleiche. Und da ist die Lage ernst. So ernst, dass Polizeipräsident Dirk Weinspach (Foto unten) und seine Führungsriege im Präsidium an diesem Mittwoch die Flucht nach vorne und hinein in die Öffentlichkeit antreten. „Wir stehen den Rockern auf den Füßen“, sagt der Polizeipräsident, „und wir werden alles tun, um eine weitere Eskalation zu verhindern.“

05- September 2015 Streit unter Rocker zwei liegen im Klinikum schwer verletzt Polizei am Tatort, Polizei hält die Rocker vor dem Klinikum zurück © dmp, , Foto: Redaktion

Dass diese Eskalation drohen könnte, ist den Ermittlern bewusst. Schließlich tobt in den benachbarten Niederlanden seit längerem ein Krieg zwischen Hells Angels und Bandidos, der bereits Todesopfer gefordert hat. Und nun spitzt sich auch hierzulande die Lage zu: Aachen war ursprünglich das Revier der Bandidos — bis das lokale „Chapter“ der Rockergang verboten wurde. Zwar blieben laut Polizei Teile der kriminellen Strukturen erhalten, doch wurde die Gang nachhaltig geschwächt — und in dieses Vakuum wollen die Hells Angels hineinstoßen. Deren früherer türkischer Ableger Turkey Nomads ist kürzlich sozusagen eingemeindet worden und hat ein Aachener „Charter“ gegründet — mitten im alten Bandidos-Revier. Und im Vergleich zu den auch schon brutalen „Old School“-Rockern früherer Zeiten haben die heutigen Akteure auch noch eine „andere Qualität“, wie der stellvertretende Aachener Kripo-Chef Armin von Ramsch betont. Soll heißen: Sie sind noch gefährlicher, noch gewaltbereiter.

07. August 2015 Verstärkte Streifen ,City Konzept"*, Stärkung des Sicherheitsgefühls/Bekämpfung der Straßenkriminalität, Polizei © dmp, , Foto: Redaktion

Dass sich unter die verbliebenen Bandidos in Aachen auch Hooligans und Rechtsextreme mischen, weiß die Polizei, aber von einer „Unterwanderung“ könne man nicht sprechen, meint Weinspach. Und von Ramsch ergänzt, dass „es den Rockern um Gebietsansprüche und nicht um Ideologie geht“. Mit anderen Worten: Es geht um Drogenhandel und Prostitution. Die Brennpunkte, an denen sich die Rocker in Aachen bevorzugt zeigen, liegen laut Polizei im Ostviertel und in der Pont-straße. Zu den klassischen Straftaten der Gangs gehört auch die Schutzgelderpressung. Ob in Aachen Fälle bekannt sind, in denen Geschäftsleute oder Gastwirte bedroht und zur Kasse gebeten werden? „Dazu kann ich im Moment keine konkreten Angaben machen“, sagt von Ramsch. Was wohl so viel heißt wie: ja.

19032014 Sittard Aufmarsch von 100 Hells Angels in der Sittarder City. Rocker aus NRW, Belgin und Holland. Von ME teilweise eingekesselt. Foto: Redaktion

Die Polizei will nun mehr Präsenz zeigen, verdeckte Ermittlungen vorantreiben und immer wieder „Nadelstiche“ setzen, so Weinspach. Mit der blutigen Auseinandersetzung an der Tankstelle befasst sich mittlerweile eine Mordkommission. Die Polizei geht nun von einem versuchten Tötungsdelikt aus. Offiziell wird laut Staatsanwaltschaft — noch — wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Und die Polizei will immer dann genau hinschauen, wenn sich die Gangs in der Öffentlichkeit zeigen.

rockmja1 10.09.2015 Rocker Pk Foto: Redaktion

Seit Mitte August habe man 88 Mitglieder der Hells Angels und Bandidos in Aachen kontrolliert, seit der Tat am Wochenende noch einmal 148, präsentiert der Leiter Polizeidirektion Einsatz, Helmut Lennartz, aktuelle Zahlen. Diese belegen Präsenz — sowohl auf Seiten der Ermittler wie auch bei den Rockern. Denn die Hells Angels verfügen nach Einschätzung der Polizei in der Städteregion gerade einmal über 20 Leute, die Bandidos vielleicht über 50. Das „Schaulaufen“ der vergangenen Tage wurde unterstützt von externen Rockern, die aus Belgien, den Niederlanden, aus ganz NRW und teils sogar von noch weiter weg nach Aachen kommen. Es sieht so aus, als würde man sich im hiesigen Revierkampf Verstärkung holen.

Doch ist die Polizei dennoch guter Dinge, das Problem in den Griff zu bekommen. Zuversicht zieht man aus dem Kampf gegen die Streetgangs, denen man im vorigen Jahr mit der Ermittlungsgruppe „Saturday“ Einhalt geboten habe, sagt von Ramsch. Eine neue „Soko“ hat die Polizei momentan aber offenbar nicht aufgestellt. „Wir haben die Gruppen immer im Blick“, sagt von Ramsch dazu auf Nachfrage nur.

Der Polizeipräsident unterstreicht, dass seine Leute schnell reagieren könnten. „Wir dulden hier keinen rechtsfreien Raum und sind jederzeit in der Lage, in angemessenem Rahmen Kräfte zusammenzuziehen.“ Denn wie schon ein „Schaulaufen“ der Rocker bei der Bevölkerung ankommt, weiß er. „Der Adressat ist zwar nicht der Normalbürger, aber bei ihm ruft das Ängste hervor.“ So wie zurzeit regelmäßig am Elsassplatz.