Aachen: Richtfest, Zuckerfest, Freudenfest

Aachen: Richtfest, Zuckerfest, Freudenfest

Das Gemeinsame werden dutzende Male an diesem Tag beschworen. Das verständnisvolle Zusammenleben, die Zusammengehörigkeit sind zentrale Botschaften der Grußworte. Die Unterschiede liegen bei dem großen Festakt eher in kleinen, aber angesichts von knapp 40 Grad im Schatten doch sehr feinen Details.

So betritt OB Marcel Philipp die Szenerie eher leger, hat sich seines Sakkos entledigt. Moderator Zikri Bilican kann einem dagegen nur leid tun. In seinem Kulturkreis, so lässt er wissen, ist genau das verpönt - so lange, bis der Älteste im Raum sein Sakko ausgezogen hat.

Doch an diesem Sonntagnachmittag ist nun wirklich nicht auszumachen, wer die meisten Lenze zählt. Denn es sind hunderte Menschen, die zum Richtfest der neuen Yunus-Emre-Moschee der Türkisch-Islamischen Gemeinde Aachen trotz bullernder Hitze gekommen sind.

Und da wäre man schon beim zweiten Unterschied. Ein Richtfest gibt es in der Türkei nicht. Es gibt noch nicht einmal ein passendes Wort dafür, wie man den auf türkisch gesprochenen Worten des Gemeindevorsitzenden Abdurrahman Kol entnimmt. Zwischen türkischen Vokabeln taucht nämlich mehrfach ebendieses Wort „Richtfest” auf. Es ist eine deutsche Handwerkstradition, die die türkische Gemeinde zum Anlass genommen hat, Menschen aller Religionen und Nationalitäten einzuladen.

Bemerkenswert. Denn die Muslime begehen an diesem Sonntag eigentlich auch die nach dem Opferfest höchste Feierlichkeit - das Ramadan-Fest oder auch Zuckerfest zum Abschluss des Fastenmonats. Unter dem Strich ist es ein gemeinsames Freudenfest. In diesen Stunden im Rohbau der Moschee, die dereinst unter der Postadresse Stolberger Straße 209 firmieren wird, müssen fleißige Helfer allerdings erst einmal palettenweise Wasserflaschen unter den schwitzenden Gästen verteilen.

Das gilt auch für die Prominenz. Bundestags- und Landtagsabgeordnete, Bürgermeisterinnen, Ratsleute, Offizielle des Dachverbands Ditib (Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion), Geistliche mehrerer Konfessionen, Religionen und Gemeinschaften sind gekommen.

Daneben viele Menschen, die sich aus verschiedensten Gründen mit dem rund sechs Millionen Euro teuren und rein von Spendern und Sponsoren finanzierten Moschee identifizieren. Es sind Gemeindemitglieder von ganz jung bis ganz alt, es sind „Ostviertler” verschiedener Nationalitäten und Religionen und auch Menschen, die neugierig sind auf dieses Bauwerk, das der OB als wichtigen Baustein für die Stadt bezeichnet und als „Gebäude, das zusammenführt”.

So ist es denn auch an Imam Jakub Kohan, Regionaldekan Josef Voß und Superindentend Hans-Peter Bruckhoff, den Richtkranz gemeinsam zu segnen, über dem die deutsche und die türkische Flagge wehen.

Anschließend wird gefeiert. Ramadan-Fest und Richtfest - es ist die Zeit der Begegnung. Das ist das, was diesen Bau auszeichnen soll. Denn er ist nicht „nur” Moschee. Er ist ein Begegnungszentrum, das lange Jahre von der großen Gemeinde herbeigesehnt wurde. Immer noch im Sakko, betont Moderator Zikri Bilican, die Gemeindemitglieder seien Öcher. Und fügt an: „Wer baut, der bleibt!”

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