Aachen: Richterich will endlich etwas Ruhe haben

Aachen : Richterich will endlich etwas Ruhe haben

Mit offenem Fenster schläft Elisabeth Thesing-Bleck schon lange nicht mehr. „Da würden wir ja ständig wach werden.“ Wenn der Südwestwind in ihr Schlafzimmer braust, dann kann von einer stillen Nacht keine Rede mehr sein. Und auch die Abendstunden im Sommer verbringt sie nur noch selten auf ihrer Terrasse. „Es gibt wenige Tage, an denen wir Ruhe haben“, sagt Thesing-Bleck, die seit 1994 in Richterich am Hander Weg wohnt. Und damit in unmittelbarer Nähe der Autobahn 4.

Die Lautstärke, die täglich tausende zwischen Vetschau und dem Aachener Kreuz brausende Autos und Lastwagen produzieren, beschäftigt in Richterich bei weitem nicht nur Thesing-Bleck. Seit mehr als zwanzig Jahren begleitet das Thema auch Bezirksbürgermeisterin Marlis Köhne. Wobei sie hofft, dass mit der geplanten Sanierung der A4 im Frühjahr 2019 und den damit verbundenen Lärmschutzmaßnahmen endlich ein Schlussstrich gezogen werden kann.

Sanierung der A 4 ab 2019: Der Landesbetrieb Straßen.NRW will im Bereich Richterich lärmmindernden Asphalt verbauen und die Lücken in den Lärmschutzwänden schließen. Bezirksbürgermeisterin Marlis Köhne (kleines Bild, rechts) und die Geschäftsführerin des Bezirksamts, Yvonne Moritz, hoffen darauf, dass auch der Neubau der Autobahnbrücke über die Roermonder Straße den Lärmschutz entscheidend verbessert. Foto: Michael Jaspers

Dabei geht die Geschichte um die Dreiecksbeziehung zwischen dem Stadtteil, der Autobahn und dem Lärmschutz deutlich länger zurück. Bereits 1979 — also vor fast 40 Jahren — erhielt der ehemalige Aachener Bundestagsabgeordnete Hans Stercken aus dem Bundesverkehrsministerium die „erfreuliche Mitteilung“, dass mit dem Bau von Lärmschutzwänden in Richterich und Laurensberg „voraussichtlich noch Ende des Jahres“ begonnen werde. Doch während in Berlin die Mauer fiel, warteten die Richtericher noch immer auf den Bau einer selbigen.

Flüsterasphalt oder nicht?

Erst ab dem Jahr 2000 schluckte eine Lärmschutzwand an der nördlichen Seite der A4 von der Anschlussstelle Richterich bis zur Brücke über der Roermonder Straße den Schall. Weitere Wände folgten 2010. Doch die Anwohner warten noch immer — darauf, dass Lücken in den vorhandenen Lärmschutzwänden geschlossen werden. Und darauf, dass endlich der Lärm mindernde Fahrbelag verbaut wird. Von dem war bereits 2009 die Rede. Und geredet wird darüber noch immer. Vor allem über die Frage: Flüsterasphalt oder kein Flüsterasphalt?

Befragt man dazu den zuständigen Planungsingenieur des Landesbetriebs Straßen.NRW Wulf von Katte, ist die Antwort eindeutig: Bei Richterich wird an der A4 zwar ein lärmmindernder Belag verwendet, der die Lärmbelastung um zwei dB(A) reduziert. Nicht jedoch der offenporige Asphalt, der landläufig als Flüsterasphalt bezeichnet wird, und der eine Minderung um fünf bis zehn dB(A) erreicht. Hintergrund sei einerseits dessen geringe Lebensdauer von gerade mal acht Jahren. Zudem sei Flüsterasphalt auf Brückenbauwerken nur schwer zu verbauen, weil der offenporige Asphalt eine andere Entwässerung benötige als der herkömmliche Belag. Doch bereits eine Lärmminderung um zwei dB(A) sei „deutlich hörbar“, versichert er mit Blick auf die Anwohner in Richterich.

Davon gehen zwar auch Bezirksbürgermeisterin Köhne und Yvonne Moritz, Geschäftsführerin des Bezirksamts Richterich, aus. Gleichwohl forderte die Bezirksvertretung jüngst in einem Beschluss, in den ortsnahen Bereichen den offenporigen Flüsterasphalt zu verwenden — wohl wissend, dass die Stadt Aachen dies nicht zu entscheiden hat.

Dafür hören Köhne und Moritz immer wieder die Klagen zahlreicher Anwohner, besonders aus dem Hander Weg. „Als die Autobahn Mitte der 70er Jahre fertig war, war das noch eine harmlose Straße. Erst durch die Öffnung der Grenzen kamen so viele Lkw, die für die höchste Lärmbelastung sorgen“, sagt die Bezirksbürgermeisterin. Erschwert werde das Problem durch die Steigung der Autobahn.

Weil die Planungen für die Autobahn vorlagen, bevor das Wohngebiet entstand, gilt nicht die Lärmvorsorge, sondern lediglich die Lärmsanierung — eine „freiwillige Leistung“, wie Gerhard Decker, Leiter der Regionalniederlassung Ville-Eifel von Straßen.NRW betont. Und als solche hängt das Ausmaß dieser Leistung naturgemäß auch damit zusammen, wie gut (oder schlecht) der Haushalt gefüllt ist. Decker betont: Durch den lärmmindernden Asphalt um zwei dB(A) werden die Sanierungsgrenzwerte von 67 dB(A) am Tag und 57 dB(A) in der Nacht, die bislang noch an einigen Stellen in Richterich überschritten werden, überwiegend eingehalten. Zum Vergleich: Ein Gespräch in normaler Lautstärke liegt bei etwa 50 bis 60 db(A). Eine weitere Entlastung soll dadurch erzielt werden, dass Lücken in den Lärmschutzwänden vor allem an der Südseite der A4 geschlossen werden. Sobald die Autobahnbrücke über der Roermonder Straße in einigen Jahren neu gebaut wird, wird auch diese mit Lärmschutzwänden ausgestattet. Die derzeitige Brücke ist dafür nicht tragfähig.

„Das wird eine große Verbesserung sein“, ist Köhne überzeugt. „Die Lärmsanierungswerte werden eingehalten, mehr können wir als Bezirksvertretung leider nicht verlangen.“ Und vielleicht kann dann auch Elisabeth Thesing-Bleck wieder mit offenem Fenster schlafen.